NSU-Prozess: Die Brigitte nimmt’s gelassen

Bei jedem Losverfahren gibt es Verlierer: Am Montag zog die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Niete. Die überregionale Tageszeitung bekam keinen Platz für einen Berichterstatter im NSU-Prozess. Die Brigitte allerdings schon. Seitdem erntet die Frauenzeitschrift im Web Hohn und Spott. Die Kritik: Neben Rezepten, Mode-Tipps und Blumentricks ist kein Platz für ernsthafte Prozessberichterstattung. Sogar ein Cover fakten die Kritiker. Die Redaktion nimmt es gelassen.

Anzeige

Andrea Titz, Sprecherin des Oberlandesgericht München, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als sie den Namen der Publikation verlas, die den letzten freien Platz beim NSU-Prozess bekam. Er ging an die Brigitte. Gelächter im Raum. Der Kommentar der Pressesprecherin: "Ich wusste, dass ich damit den größten Lacheffekt haben werde."  Die Brigitte beim NSU-Prozess, das war ihre Pointe nach dem chaotischen Vorlauf bei der Vergabe von Presseplätzen. Die Replik auf die beispiellosen Angriffe der Presse, wie es Gerichtspräsident Huber am Montag formulierte.

Und scheinbar gab Titz damit die Marschrichtung vor, mit der Nutzer im Web über das Blatt herziehen. Schon kurz nach Verkündigung kursierte ein gefaktes Cover im Netz. Die FDP-Seite Liberté brachte das Bild in Umlauf, in dem für “Schöner Wohnen auf acht Quadratmetern” warb, Braun als “Trendfarbe” entdeckte und mit einem Reisespecial “Stammheim” punkten will. Das Covergirl: die Angeklagte Beate Zschäpe höchstpersönlich.
Kann die Brigitte nicht über den NSU-Prozess berichten? Doch: Auf der Webseite und in der Ausgabe 9/2013 (Hefttitel: Die große Beauty-Diät) findet sich ein langes Porträt über Zschäpes Anwältin Anja Sturm. Der Einstieg (“Sie trägt hochhackige Schuhe zum schwarzen Designerkostüm, die Lippen knallrot, die blonden Haare kurz.”) liefert für Nutzer zwar Steilvorlagen für ihre Kritik am Losverfahren, doch de facto handelt es sich um ein ausführliches Porträt einer der Schlüsselfiguren des wichtigsten Gerichtsverfahrens dieses Jahres. Die Kritik darunter: alles andere als nett. “Bitte, Platz abgeben, das machen, was man kann und für was man steht. Oder ist jetzt eine Politik-Seite geplant?”, fragt ein Nutzer. “jetzt kann man nur an die brigitte redaktion appellieren, sich fähige redakteure zu suchen, die den prozess kompetent journalistisch und mit juristischem sachverstand begleiten. Das ist kein ‚frauenthema‘ und als solches will es hier niemand behandelt sehen!”, schreibt ein anderer Nutzer. “Wenn Sie, die Chefredaktion, ‚Schneid besitzen‘, geben Sie den Platz freiwillig zurück”, schreibt ein Dritter.
Die Redaktion scheint den Wirbel um die Losvergabe zugunsten des eigenen Blattes gelassen zu nehmen. Auf Twitter reagierte man schon kurz nach Bekanntgabe des OLG München: “Ja, wir können Spargel. Wir können aber auch Gesellschaftspolitik: https://www.brigitte.de/frauen/  (Und für Spargel-Fans: https://www.brigitte.de/rezepte/rezepte/spargel-1026531/ …) Auf Facebook hielt man fest: “Selbstverständlich wird die Brigitte von dem Platz Gebrauch machen. Wir sind die wichtigste Frauenzeitschrift Deutschlands. Unsere Leserinnen wissen: Die Brigitte hat seit jeher gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen. Für uns steht im Fokus, was für Frauen relevant ist. Dazu gehört genau wie unsere Gesprächsreihe ‘Brigitte Live’ mit Spitzenpolitikerinnen wie Angela Merkel natürlich auch die Berichterstattung über den NSU-Prozess.”
Bleibt die Frage: Wäre der Aufschrei auch so groß gewesen, wenn die EMMA den letzten freien Platz bekommen hätte?
Update vom 30. April 2013, 14.38 Uhr: Via Twitter erklärte die Brigitte, sich den Platz im NSU-Prozess mit dem Stern zu teilen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige