„Lottofee loste Trash-TV und Werbeblätter“

Die Vergabe der Presseplätze im NSU-Prozess sorgt für Diskussionen: FAZ, Zeit und taz gingen leer aus, die Süddeutsche ist nur indirekt über ihr Magazin an einen Platz gekommen. Des einen Freud, ist des anderen Leid. Das merkt man nun auch in der Kommentierung des Sachverhalts. Vor allem diejenigen, die eine Niete zogen, kritisieren nun ein Verfahren, das bereits bevor Feststehen der Ergebnisse Lücken aufwies. Aber Abseits der erneuten Klagedrohungen gibt es auch versöhnliche Töne.

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Reinhard Müller schreibt für die FAZ, die nun ohne Platz dasteht: "Die Posse um den NSU-Prozess ist immer noch nicht zu Ende. Aus einem einfachen Grund: Das Oberlandesgericht München hat schlicht ein Problem mit der Öffentlichkeit." Müller betont: "Die Kontingente, die Beschränkungen des Verfahrens sind weltfremd und nicht sachgerecht."
Ähnlich sieht es Per Hinrichs in der Welt: "Das Münchner Oberlandesgericht hat sich mit der Auslosung der Presseplätze im NSU-Verfahren keinen Gefallen getan. Medien wie FAZ, Zeit, taz und Welt werden von der Berichterstattung faktisch ausgeschlossen, weil Richter Manfred Götzl entschieden hat, eine Lottoshow à la "50 aus 924" statt einer sorgfältigen, nach Auflage und Reichweite orientierten Auswahl vorzunehmen."
"So kann es gehen: Da kämpft man für Gerechtigkeit und ist am Ende selbst der Gelackmeierte", schreibt Karsten Polke-Majewski auf Zeit Online. Er sagt, das Gericht sei nicht in der Gegenwart angekommen. "Sonst hätte es nicht so blind über Selbstverständlichkeiten hinweggehen können: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Selbstverständlich interessieren sich ausländische Medien dafür, wenn ihren Landsleuten oder deren Nachfahren hierzulande Böses geschieht." Für den eigentlichen Prozess bleibe zu hoffen, dass das Gericht dort "mehr Weitsicht und Souveränität zeigt." 
Ernst Elitz schreibt für die Bild, man brauche Berichterstatter mit höchstem Sachverstand, da es beim Prozess auch um Deutschlands guten Ruf gehe. "Doch die Gewinnerliste beim Münchner Journalistenlotto ist ein Hohn auf diesen Anspruch. Große Zeitungen und internationale Agenturen sind nicht dabei. Die Lottofee hat Trash-TV und Werbeblätter ausgelost. Peinlich!"
SZ-Chefredakteur Kurt Kister schreibt im Hinblick auf die nun zugelassenen Medien: "Die Liste liest sich in Teilen wie eine Farce. Man schämt sich." Kister weiter: "Dieses Gericht mag einen Begriff von "Öffentlichkeit" haben. Was Öffentlichkeit heute bedeutet und welche Medien, etablierte wie digitale, dazugehören, weiß es offenbar nicht."
Etwas versöhnlicher klingt die Kommentierung in der ebenfalls leer ausgegangenen taz. Christian Rath kommentiert: "Trotz allem und trotz des Lospechs muss man das neue Verfahren als besser als das alte bezeichnen. Denn so wurde über feste Kontingente sichergestellt, dass auch türkische Medien sicher vom Prozess berichten können – bei acht türkischen Mordopfern eigentlich eine Selbstverständlichkeit." Rath schreibt zudem, die Hoffnungen auf dem Klageweg noch eine Videoübertragung durchzusetzen seien gering. Genau eine solche Klage hatte taz-Chefredakteurin gestern via Twitter in Erwägung gezogen. Die Korrektur, die türkischen Medien Zugang sei nötig gewesen. "Alles andere wird sich schon zurechtrütteln."
Für den Tagesspiegel kommentiert Lorenz Maroldt: "Obwohl alles mit rechten Dingen zuging, ist das Ergebnis lächerlich. Und das alles nur, weil sich der Vorsitzende Richter beleidigt fühlte." Im ersten Vergabeverfahren hätten die Medien einen Platz bekommen, denen die Akkreditierung besonders wichtig gewesen sei. Nach dem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts hätte das OLG München einfach drei zusätzliche Plätze für türkische Medien schaffen sollen. Stattdessen habe man sich für eine Lotterie entschieden. Maroldt: "Zwei Wetten haben gute Aussicht auf Erfolg: Einige Glückliche werden an diesem Mammutprozess schon bald die Lust verlieren; und mit einigen Plätzen wird bald ein hässlicher Handel getrieben. Mal sehen, wann und zu welchem Preis die ersten Tickets auf "Seatwave" angeboten werden."
Die Stuttgarter Zeitung hat einen Platz erhalten. Stefan Gegier nennt dies "schön für die Zeitung und gut für die Leser". Aber: "Im Gesamtergebnis aber ist die Auswahl, die durch die Vorgaben der Münchner Richter erzielt worden ist, erwartungsgemäß absurd." Weiter schreibt er: "Die Entscheidung des Oberlandesgerichts ist juristisch vertretbar. Klug und politisch vernünftig war sie auch im zweiten Anlauf nicht."
Glück hatte auch der Deutschlandfunk, der einen Platz vor Gericht erhielt: Für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gab es drei gesicherte Plätze bei drei Bewerbern. Nun ruft Michael Watzke die Kollegen dazu auf, sich nicht zu wichtig nehmen: "Um was geht es im NSU-Prozess in München? Es geht um zehn Mordopfer und fünf Angeklagte. Und worum geht es nicht? Um uns. Die Journalisten." Weiter kommentiert Watzke: "Wir sind Berichterstatter. Fünfzig von uns im Gerichtssaal sollten reichen, um der Öffentlichkeit Bericht zu erstatten."

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