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Wolfgang Büchner wird neuer Spiegel-Chef

Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe hat die Neubesetzung der Chefredaktion bekanntgegeben. Es wird wie erwartet Wolfgang Büchner. Der frühere Co-Chef von Spiegel Online und aktuelle Chefredakteur der dpa war Top-Favorit seitdem die Doppelspitze Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron zwangsentfernt wurde. Der Neue an der Ericusspitze ist kein visionärer Blattmacher, sondern eher ein pragmatischer Redaktionsmanager. Saffe bezeichnete ihn als "Wunschkandidaten".

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Wann genau Büchner den neuen Posten antritt, ist noch unklar. In der offiziellen Spiegel-Mitteilung ist vom "nächstmöglichen Zeitpunkt" die Rede. Ein Herausgebermodell etwa mit Jakob Augstein habe nie zur Debatte gestanden, so Saffe vor der versammelten Spiegel-Redaktionsmannschaft. Print- und Online Redaktion des Spiegel wurden gemeinsam informiert – auch ein Zeichen dafür, dass künftig beim Spiegel zusammenwachsen soll, was zusammen gehört. Dazu passt, was Ove Saffe über Büchner sagt: "Er bringt alle Voraussetzungen mit, die beiden Redaktionen des Nachrichten-Magazins Der Spiegel und der Nachrichten-Website Spiegel Online erstmals gemeinsam zu führen und damit die publizistische Zukunft der Medienmarke Spiegel erfolgreich zu gestalten."
Von seinem Noch-Arbeitgeber erhielt Büchner Glückwünsche für den neuen Job via Pressemitteilung: "Die dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH freut sich mit ihrem Chefredakteur, der zum Nachrichtenmagazin Der Spiegel nach Hamburg wechselt, um sich dort neuen Herausforderungen zu stellen." Und Büchner selbst twitterte sobald die Personalie verkündet war: "Liebe dpa-Kollegen, Ihr seid großartig. Danke für vier lehrreiche, aufregende, wunderbare Jahre." Wann genau Büchner seinen neuen Job nun antreten kann, hängt auch davon ab, wie schnell Ersatz für ihn bei der dpa gefunden wird. Einen genauen Zeitplan dafür gebe es noch nicht, heißt es bei der dpa.

Diese Spiegel Top-Personalie ist aber auch symptomatisch für die Branche des Print-Journalismus. Die Zeit der Chefredakteurs-Charakterköpfe ist vorbei. Auch wenn Büchner ein äußerst robustes Selbstvertrauen nachgesagt wird – das Format eines Stefan Aust oder eines Werner Funk hat er nicht. Büchner ist ein Chef-Journalist der neuen Art, einer der bei Online groß geworden ist, einer für den es normal ist, dass Auflagen zurückgehen und Budgets schrumpfen.
Wolfgang Büchner ist auch kein Kopf, den ein breites Publikum aus TV-Talkshows kennen würde, und er ist keiner, der durch wegweisende Kommentierungen und Meinungsbeiträge oder gar ein Buch aufgefallen wäre. Die Frage “Wofür steht eigentlich Wolfgang Büchner?” kann man nicht inhaltlich, höchstens technokratisch beantworten: Er hat Spiegel Online nach dem Ausscheiden von Mathias Müller von Blumencron effizient als tonangebender Co-Chef weitergeführt. Er hat bei der dpa den gewiss nicht leichten Umzug von Hamburg nach Berlin durchgezogen. Außerdem hat er bei der dpa neue Richtlinien und Standards zur Qualitätssicherung eingeführt – getrieben von der einen oder anderen Berichterstattungspanne.

Wie Büchner dem verkrusteten Bürokratenladen dpa Beine gemacht hat, das hat vielen in der Branche imponiert. dpa-Chefredakteur – das ist ein Job mit viel Arbeit, einem Haufen Ärger und vergleichsweise wenig Ruhm. Da hat der Chefredakteurssessel beim Spiegel bedeutend mehr Glanz. Noch. Beim Spiegel steht Büchner nun ironischerweise vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie bei der dpa: Es muss umstrukturiert werden, dass es nur so kracht. Der Spiegel-Verlag will Print und Online sinnvoll und ohne allzu große Reibungsverluste zusammenführen. Über Die über Jahre mit viel Eifer aufgerissenen Gräben zwischen der Digital- und der Print-Redaktion soll Wolfgang Büchner zuschütten.

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Für diesen Job ist er wahrscheinlich der richtige Mann. Er weiß, wie die Onliner ticken, sie sehen ihn ist einen der ihren. Gleichzeitig hat er bei der dpa gelernt, wie man verkrustete Strukturen aufbrechen kann, ohne gleich jeden Altvorderen zu vergrätzen.

Die zweite große Aufgabe lautet, dem Print-Spiegel wieder etwas vom alten Glanz zurückzugeben. Die intern sehr umstrittene und extern oftmals kritisierte Titel-Politik des nun beurlaubten Print-Chefs Mascolo muss korrigiert werden. Der Spiegel war unter Mascolo bei den Titeln zu nah an den stern gerückt.

Dass vielleicht das größte Defizit, das Büchner als neuer Spiegel-Chefredakteur mitbringt, ist die fehlende Erfahrung als Blattmacher. Er wird sich in diesem Punkt zunächst auf die erfahrene Print-Redaktion verlassen müssen. Wenn er geschickt ist, kann er dieses Manko aber zu seinem Vorteil nutzen – kann der verunsicherten Mannschaft das Gefühl geben, dass ihre Anliegen nun wieder Gehör finden, ihre Expertise geschätzt wird. All dies ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Der neue Spiegel-Chef – er muss ein diplomatischer Erneuerer sein.

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