Neustart: Tim Cook rüstet Apple für 2014

Der Abstieg kommt immer dramatischer und schneller als der Aufstieg – und er ist fast immer erst in der Retrospektive sichtbar. Spätestens seit Dienstagabend ist jedoch klar: Die Grenzen des Wachstums sind bei Apple unwiederbringlich erreicht. Der iPhone-Hersteller hat der Erosion der Geschäfte im Moment nichts entgegenzusetzen – die Gewinne brechen erdrutschartig weg. Kann der Kultkonzern aus Cupertino noch mal kontern – oder ist Apple das neue Microsoft?

Anzeige

Der Abstieg kommt immer schneller und dramatischer als der Aufstieg – und er ist fast immer erst in der Retrospektive sichtbar. Spätestens seit Dienstagabend ist jedoch klar: Die Grenzen des Wachstums sind bei Apple unwiederbringlich erreicht. Der iPhone-Hersteller hat der Erosion der Geschäfte im Moment nichts entgegenzusetzen – die Gewinne brechen erdrutschartig weg. Kann der Kultkonzern aus Cupertino noch mal kontern – oder ist Apple das neue Microsoft?

Nicht mal 100 Milliarden Dollar schienen genug. Die Ankündigung der größten Kapitalrückzahlung in der Wirtschaftsgeschichte reichte nicht aus, um die angeschlagene Apple-Aktie wieder auf Kurs zu bringen.

20 Minuten war es Aktionären im nachbörslichen Handel vergönnt, vom Befreiungsschlag zu träumen: Anteilsscheine von Apple schossen nach Bekanntgabe der Quartalszahlen um 23 Dollar nach oben. Dann sprach Tim Cook – und das erwartbare Schicksal nahm seinen Lauf: Die Aktie fiel wieder wie ein Stein. Alle Gewinne des nachbörslichen Handels gingen binnen einer Dreiviertelstunde verloren und Apple notierte zeitweise schon wieder unter 400 Dollar. Wo ist endlich der Boden erreicht?

Zeitenwende: 2013 ist das neue 2011

Das ist die Frage, die sich Apple-Aktionäre in diesen Tagen stellen – doch wie immer in Situationen des freien Falls gibt es darauf keine verlässliche Antwort. Die charttechnischen nächsten Marken liegen dicht verstreut zwischen 350 und 375 Dollar aus dem Jahr 2011, doch was heißt das schon.

Tatsächlich ist der Blick zurück auch für Apples Geschäftsentwicklung wegweisend:  Denn das dürften auch künftig die Marken sein, an denen sich Apple betriebswirtschaftlich messen lassen wird – 2013 wird das neue 2011. 2012 ist Geschichte: Es war das beste Jahr der Unternehmenshistorie – und die Chancen, dass es dabei ein für alle Mal bleibt, stehen ziemlich gut.  

Juni-Quartal könnte gleich zwei Jahre unterbieten

Zu groß sind die unübersehbaren Risse, die sich im März-Quartal aufgetan haben und vor allem aber im Juni-Ausblick auftun. Apple ist ein Konzern im Umbruch – vor allem aber ein Konzern mit einem großen Problem. Die Gewinne sind im freien Fall: Der Rückgang von zwei Milliarden Dollar dürfte sich in der Juni-Bilanz zumindest nahtlos fortsetzen.

Sogar die Umsätze werden wohl nach den eigenen Prognosen im Vergleich zum Vorjahr schrumpfen, ließ CEO Tim Cook durchblicken – eine vor sechs Monaten komplett abwegige Hypothese. Die Gewinnmarge erodiert unterdessen so dramatisch, dass Apple Gefahr läuft, nicht nur das Vorjahresergebnis zu verfehlen, sondern sogar das Vorvorjahresergebnis.

Sollte Apple 2013 mit einem Mix aus iPhone 5, iPhone 4S und iPhone 4 weniger absetzen als zum selben Zeitraum 2011, als das iPhone 4 selbst bereits ein Jahr auf dem Markt war, wird es schwer, neue Superlative im Absturz-Vergleich zu finden. Apple ist in diesen Tagen ein Gigant, der nicht weiß, wie tief er fällt.

60 Milliarden Dollar gegen den Börsenabschwung

Um zumindest an der Börse den fast beispiellosen Absturz mit einer Wertvernichtung von fast 300 Milliarden Dollar zu stoppen, hat Apple das gigantischste Kapitalrückzahlungsprogramm der Wirtschaftsgeschichte gestartet. 11 Milliarden Dollar zahlt Apple nun Aktionären jährlich aus – Rekord.

Mit 60 Milliarden Dollar stemmt sich der Kultkonzern ab nächster Woche gegen den totalen Börsenkollaps – Apple ist damit über Nacht zum weltgrößten Hedgefonds geworden, der Verkäufern zeigen will, dass der Boden an der Börse nicht mehr fern ist. Die Gefechte um die 400 Dollar-Marke dürften zu den epischsten Schlachten der jüngeren Börsengeschichte werden.

Tim Cook kauft sich Zeit

Der Gegenwert, den Tim Cook dafür bekommt, ist so kostbar wie flüchtig: Zeit. Der angeschlagene Apple-CEO hat mit dem bis heute in diesen Dimensionen kaum fassbaren Aktienrückkaufsprogramm eine klare Botschaft ausgesendet: Bis hierin – und nicht weiter. Mit der Kaufkraft im Rücken konnte er dann in der Telefonkonferenz einen Satz aussprechen, der der Aktie ansonsten wohl die nächste Ausverkaufswelle beschert hätte: Neue Produkte gibt es erst im Herbst.

Ein ganzes Jahr ohne neue Produkte also! Das war bei Apple eigentlich ein Jahrzehnt undenkbar. Cooks klare Ansage ist dabei so seltsam wie kalkuliert: Warum gibt sich der Apple-CEO ohne Not im April so eine Blöße und schenkt im Grunde damit bereits das ganze Geschäftsjahr 2013 ab?

Tim Cook an Aktionäre: Wer gehen will, kann jetzt gehen

Die Antwort ist klar – und dürfte damit auch aufkeimende Nachfolgediskussionen beenden: Weil Cook es kann. Ohne glasklares Committment des Aufsichtsrats wäre der umstrittene Apple-CEO das Risiko niemals eingegangen.

Cooks Ansage ist smarter als sie zuerst aussieht. Seine Botschaft lautet: Wer raus und das Handtuch schmeißen will, hat in den nächsten nächsten dazu Zeit. Wer ziehen unsere Truppen zusammen und lassen es dann ab Herbst und in 2014 richtig krachen. Der Fantasie auf iTV und die iWatch wurde damit die Grundlage entzogen, gleichzeitig wurde sie aber für nächstes Jahr angedeutet.

Reset: Nach einem Jahr ohne neue Produkte rüsten für das neue Apple

Psychologisch ist das der beste Schachzug, den Cook seit Monaten begangen hat. Er senkt die Erwartungen in den unterirdischen Bereich und bereitet den totalen Neustart vor. Nach einem Jahr der soliden Ausführung von Steve Jobs’ Masterplan und einem Jahr der Entmythologisierung können Cook und Ive Apple ab 2014 endlich zu einem Unternehmen machen, das sich aus dem Schatten ihres Gründers lösen könnte.

Das Problem: So drastisch, wie das Kerngeschäft unter Feuer ist, sind iTV und iWatch zum totalen Erfolg verdammt. Ansonsten ist der in diesen Tagen viel zitierte Microsoft-Vergleich noch zu hoch gegriffen. Trotz unendlicher Abgesänge performen die in die Jahre gekommene Windows- und Office-Sparte erstaunlich stabil. Bis auf die iPad-Unit ist das für Apples in die Jahre gekommenen Produktsparte bald vielleicht schon das Bestcase-Szenario.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige