Hoeneß, die Hybris und der Ententest

Der Fall Uli Hoeneß elektrisiert Publikum und Medien. Einiges kommt da zusammen: die Gefühlsware Fußball, der maximal erfolgreichste und von vielen maximal gehasste FC Bayern, das Mega-Thema Gerechtigkeit, Arm und Reich, die da oben gegen die dort unten und natürlich: Steuern. Auf den ersten Blick sind die mutmaßlichen Sünden des Sportmanagers Hoeneß in der Sache ähnlich unerklärlich wie die von Sportstars, die des Dopings überführt werden. Aber es gibt eine Erklärung: Hybris.

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Welche staatsaffären-artige Tragweite der Fall Uli Hoeneß in der Republik im Allgemeinen und im Freistaat Bayern im Besonderen hat, lässt sich ermessen, wenn man an diesem Dienstag des Champions-League-Halbfinalspiels Bayern – Barça die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung liest. Unter der Überschrift “Drama, Baby” finden wir dort eine große, mit wohldosierten Kritik-Tupfern versehene Quasi-Heiligsprechung des Uli Hoeneß.

Herzjesu, Maria und Josef, was hat der Mann nicht alles Gutes getan! Jedes Jahr zwei Mio. Euro an wohltätige Zwecke gespendet. Vortragshonorare immer gespendet (hallo, hallo Peer Steinbrück!), Werbe-Gelder sowieso. Sein Häuslein überm Tegernsee “strahlt in Bauernhaus-Gemütlichkeit weder Protz noch Großmannssucht ab, sondern ein bisschen Folklore und vor allem Gemütlichkeit.” (SZ) Ja – und tierlieb isser auch noch. Als Kronzeuge dient Haushund Kuno.

Als weiterer Fürsprecher in der Süddeutschen tritt auf: Marcel Reif, passionierter Lockenträger und Edel-Kommentator des deutschen Weltfußballs. Auch er, der sich mal mit dem Uli gekabbelt hat, ist ein ganz, ganz Bescheidener. Nein, beim Plasberg und Frau Illner wollte er sich nicht zum Fall Hoeneß äußern. “Was soll ich sagen?‘, fragt Reif. ‚Dass ich ratlos bin? Natürlich bin ich das.’” (SZ) Ratlos vielleicht, aber nicht sprachlos. So gibt Reif zwar nicht in Talkshows seine Edel-Statements zur Causa Hoeneß ab, sondern ausführlich in der Süddeutschen Zeitung. Er hat’s halt gern a bisserl exklusiv.

Es ist schon erstaunlich, welche Wirkung der Bayern-Präsident hat. Wie sehr dieser Mann spaltet  – in mehr oder weniger offene Bewunderer und gnadenlose Feinde. Der arme Uli Hoeneß würde sich zu gerne äußern, kann er aber nicht, weil “schwebendes Verfahren”. Das hindert Sankt Ulrich freilich nicht, Medien an einem Tag mit Klagen zu drohen und am nächsten Tag im Medium seiner Wahl (kleiner Tipp: fängt mit B. an)Reue zu zeigen. Und sein Verein lässt Nachfragen zum Thema Nummer 1 bei der Pressekonferenz vor dem Barça-Spiel lieber verbieten. Könnte ja vom Sportlichen ablenken. Gerade so, als ob das “Sportliche” beim FC Bayern mehr noch als anderswo mit dem “Geschäftlichen” nicht schon längst eine Wohngemeinschaft gegründet hätte.

Das Private und das Öffentliche, das Sportliche und das Geschäftliche – bei Menschen wie dem Bambi-Preisträger Wirtschaft Uli Hoeneß ist das mitunter schwer zu trennen. Auch wenn das derzeit von vielen Hoeneß-Freunden und Hoeneß freundlich gesonnenen Medien versucht wird. Man braucht diese Steuer-Sache nicht kleinzureden mit dem Hinweis, dass Steuerhinterziehung in Deutschland Volkssport sei, wie es die Süddeutsche tut. In Sachen Fußball und in Sachen Steuerhinterziehung zählt Uli Hoeneß wohl eher zu den Spitzensportlern und muss als solcher auch bewertet werden.

Auf die Frage nach dem “Warum”, die so viele seiner Fans umtreibt, kann es nur eine Antwort geben. Warum hat Hoeneß stets die Klappe bis zum Anschlag aufgerissen, wenn es darum ging, Schädlinge an der Gesellschaft und Allgemeinheit zu verurteilen, obwohl er doch von seinem Geld in der Schweiz gewusst haben muss? Die Antwort lautet: Hybris. Genau wie bei einem Lance Armstrong, der gegen Doping-Anschuldigungen wettert, obwohl er doch selbst am allerbesten weiß, dass er sich das Zeug gespritzt hat. Bei Hoeneß war es halt kein Eigenblut, sondern eine gepflegte Cash-Infusion.

Viele, die Uli Hoeneß kennen und schätzen, sprechen nun für ihn. Seine Großherzigkeit, seine charmante Art im Privaten, seine Vorbild-Funktion, über die nur die Zeit richten kann, wie Marcel Reif meint. Diejenigen, die Uli Hoeneß nicht persönlich kennen, sahen und sehen dagegen einen polternden, oft jähzornig wirkenden Mann mit rotem Kopf. Allzeit bereit andere abzukanzeln, zu richten, Macht-Besoffenheit wie eine Monstranz vor sich hertragend. Einer, dem die Selbstgerechtigkeit aus jeder Pore dampft. Das ist der offensichtliche Eindruck. Mag sein, dass dieser Eindruck täuschte. Mag sein, dass der Mensch Hoeneß im Privaten ein ganz anderer war und ist. Ein sensibler Zeitgenosse mit “Herz und Verstand” (SZ).

Es gibt da diesen Enten-Test. Kennen Sie den? If it walks like a duck and quacks like a duck – it probably is a duck. Wenn es wie eine Ente geht und wie eine Ente quakt, dass ist es wahrscheinlich eine Ente. Wenden Sie den Ententest doch mal auf Uli Hoeneß an. Allzu oft entsprecht das Offensichtliche nämlich dem Tatsächlichen. Leider.

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