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Der Günther und die Politik: Er kann’s nicht

Kurzfristig hat die Redaktion von “Günther Jauch” das Thema der gestrigen Sendung geändert. Statt über “Patientenfalle Krankenhaus” wurde über den Steuersünder Uli Hoeneß getalkt. Die Änderung hin zum Aufregerthema war richtig und wurde mit einem Quotenrekord belohnt (6,67 Mio. Zuschauer, 23% Marktanteil). Hat Günther Jauch also alles richtig gemacht? Nein! Jauchs Talkshow war trotz starker Quoten so schwach wie eh und je. Der Moderator findet im Politischen einfach keinen Tritt.

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Um zu Erkennen, wie schlecht die Talkshow “Günther Jauch” ist, muss man sich in Erinnerung rufen, mit welchen Ambitionen der “Wer wird Millionär?”-Präsentator einst angetreten war. 2009 gab Günther Jauch dem Zeit Magazin ein langes Interview, in dem er u.a. mit der Übernahme einer politischen Talkshow in der ARD kokettierte. Damals war der erste Versuch der ARD, Jauch als Premium-Talker zu verpflichten gerade an den “Gremien-Gremlins” (Jauch) des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds gescheitert.

Das Thema Polit-Talk ließ Jauch aber nicht los. Dem Zeit Magazin sagte er wörtlich: "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Jauchs Problem mit seiner Sendung fast vier Jahre später ist, dass er selbst den Ball auch nicht ins Tor reinschiebt. Er läuft damit noch nicht einmal in die andere Richtung. Günther Jauch sitzt in seiner eigenen Talkshow wie bestellt und nicht abgeholt, blättert durch seine Kärtchen, macht große Augen und lässt sich das Heft aus der Hand nehmen.

Sein  Markenzeichen – neben den mittlerweile oft parodierten Karteikärtchen – sind die naiven Kleine-Leute-Fragen: “Was fühlt man denn dann?”, “Wie ist das, wenn?”, “Was heißt das?” Dass solche Fragereien aus Lieschen-Müller-Point-Of-View das Gegenüber bestenfalls zu ungebremster Selbstdarstellung verleiten und schlimmstenfalls im Nirgendwo der Phrasendrescherei münden, hätte Günther Jauch mittlerweile merken können.

Die aktuelle Rekord-Sendung zum Aufregerthema Uli Hoeneß und seinen Steuersünden war das beste Beispiel dafür, warum es einfach nix wird mit dem Günther und der Politik. Da saß also eine arrivierte Herrenrunde mit Dieter Kürten (der von der Redaktion wenig einfallsreich als “Mr. Sportstudio” bezeichnet wurde), dem FDP-Politiker und Steuer-Anwalt Wolfgang Kubicki, dem ehemaligen Steuerfahnder Dieter Ondracek, dem NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans, Focus-Chefredakteur Jörg Quoos und Talk-Dauergast Oliver Pocher.

Dass Jauch auf Allstars wie Kubicki und Pocher zurückgriff, mag der Eile geschuldet gewesen sein, mit der das Thema in die Sendung gehievt wurde. Die beiden machten aber sogar eine recht gute Figur. Vor allem Oliver Pocher legte die Defizite des Moderators gegen Ende auf geradezu schmerzliche Weise offen, als er kurzzeitig die Moderation an sich riss und dem SPD-Politiker Borjans die einzigen frechen Fragen des Abends stellte (“Sie glauben also für die Kartbahn in Kerpen ist der deutsche Staat verantwortlich?” Es ging um die Steuerflucht von Michael Schuhmacher, der für seine Karriere laut Borjans zuvor vom deutschen Staat profitiert habe). Pocher zog auch die notwendige Parallele zum Fall Christian Wulff, indem er darauf hinwies, dass ein Bundespräsident wegen einer angeblich nicht bezahlten Hotelrechnung ein Strafverfahren am Hals hat, es bei Hoeneß aber um ganz andere Größenordnungen geht. Auch diesen Ball, der ihm von einem Gast zugespielt wurde, ließ Günther Jauch links liegen. Da dachte man kurz: Mensch, der Pocher kann das ja besser. Kein schöner Gedanke für Günther Jauch, den Spitzenverdiener und angeblichen Top-Talker der ARD.

Und was stellte Günther Jauch für Fragen: “Wenn dem so wäre, was würde das bedeuten?”,  “Glauben Sie, dass das den FC Bayern sportlich beeinträchtigt?”, “Darf man sagen, das ist Privatsache?” “Was glauben Sie, was in ihm vorgeht?” undsoweiterundsofort. Abgelesene Gefühlsduselei und hemmungsloses Herumspekulieren – mehr kam da nicht. Und das nicht zum ersten Mal. Anfangs und Zwischendurch konnte man seinen zögerlichen Stil mit viel gutem Willen als vorsichtig durchgehen lassen, konnte attestieren, dass er noch Zeit braucht, seine Form zu finden. Aber diese Schonzeit muss einmal vorbei sein. Heute muss man festhalten: Günther Jauch hat dem Sonntagabend-Talk der ARD überhaupt keine neuen Impulse gebracht. Im Gegenteil: Man wünscht sich geradezu Anne Will zurück, die auf dem undankbaren Mittwoch-Nacht-Sendeplatz einen hervorragenden Job macht.

Die ARD mag die aktuelle Rekordquote für den Hoeneß-Talk bei “Günther Jauch” bejubeln – Quote und Qualität stehen hier aber (wie auch sonst oft) in keinerlei Beziehung zueinander. Der Günther und die Politik passen nicht zusammen. Nach fast zwei Jahren steht fest: Er kann es nicht.
Der Hoeneß-Talk bei "Günther Jauch" in der ARD-Mediathek

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