App.net: kostenpflichtige Twitter-Alternative

Vor gut einem halben Jahr startete mit App.net ein neues soziales Netzwerk. Die Frage war: Wer braucht das? App.net wollte sich von der Konkurrenz unterscheiden, indem es sich nicht über den Handel mit Nutzerdaten finanziert, sondern von seinen Usern Gebühren erhebt. "We are selling our product, not our users", so der Slogan von App.net. Fünf Dollar im Monat oder 36 Dollar im Jahr verlang App.net aktuell. Offenbar sind Leute bereit zu zahlen. App.net wird als Pay-Alternative zu Twitter gehandelt.

Anzeige

App.net erinnert von der Aufmachung und Technik her wohl nicht zufällig stark an Twitter. Der große Unterschied: Die Betreiber wollen keine Profite aus den Nutzerdaten schlagen und diese auf keinen Fall verkaufen. Auch Werbung ist tabu. Stattdessen müssen Nutzer für den Dienst zahlen. Anfangs waren das 50 Dollar im Jahr, mittlerweile wurde der Preis gesenkt. Ein kostenpflichtiges Netzwerk – das hat Vor- und Nachteile.  
App.net erinnert stark an Twitter. In der öffentlich einsehbaren "globalen Pinnwand" erkennt man knappe Botschaften – genau wie beim bekannten Kurznachrichten-Dienst. Wie beim Original werden andere User mit einem @ vor dem Nutzernamen direkt adressiert, zudem gibt es Hashtags. Auch die Menüansicht erinnert an Twitter, ebenso die Profile.
Für App.net – auch ADN genannt – gibt es wie für Twitter eine Reihe von Anwendungen, um den Dienst zum Beispiel auf dem Smartphone besser zu nutzen. Wie ähnlich sich die beiden Dienste sind, fällt vor allem auf dem iPad auf. Die App Netbot für App.net ist optisch vollständig identisch zur beliebten Twitter-Anwendung Tweetbot.
App.net als Protestnetzwerk
Bereits zum Start stieß das neue App.net auf reges Interesse. Google News listete etwa 8.500 Beiträge zu App.net in der ersten Woche, in der Blog-Suche waren es über eine Million. Während einige, wie Basic Thinking-Autor Jürgen Vielmeier App.net als "langweiligen Twitter-Klon" bezeichneten, für den er sich nicht extra registrieren wollte, zeigten sich zum Beispiel Martin Weigert auf Netzwertig und der im Netz ebenfalls vielbeachte Matthias Schwenk erfreut über den Start von App.net.
Bei den Nutzern scheint es durchaus ein ungestilltes, offenbar größer werdendes Bedürfnis nach einem neuen sozialen Netzwerk zu geben. Dieses muss nicht unbedingt mit neuen Funktionen aufwarten, sondern vor allem eines sein: anders im Umgang mit Nutzerdaten. Facebook ist zwar das meistgenutzte Netzwerk und setzt von den Funktionen her den Maßstab. Mit der Firmenpolitik können sich aber immer weniger Nutzer anfreunden.
Ständig sammelt der Konzern aus Kalifornien mehr Daten und macht damit Geld. Es gibt Datenschutz-Bedenken. Hinzu kommen häufige, nicht selten unangekündigte, Änderungen, wie die Einführung der neuen Profile, die den Usern aufgezwungen wurde. Unter dem Druck, Gewinne zu erwirtschaften, geht Twitter, das zweite große Netzwerk, zunehmend einen ähnlichen Weg.
App.net positionierte sich zum Start daher bewusst als Protestnetzwerk. In einem Offenen Brief adressierte App.net-Gründer Dalton Caldwell seinen Gegenpart bei Facebook, Mark Zuckerberg, was Caldwell und App.net weitere Aufmerksamkeit sicherte. Auch deshalb gelang es schnell, die zum Ziel gesetzten 500.000 Dollar Anfangsfinanzierung zu sammeln. 
App.net selbst hat 16.000 Follower
Bereits 2010 konnte das Open-Source-Netzwerk Diaspora binnen kürzester Zeit über Kickstarter seine Startfinanzierung sicher stellten. Diaspora war als datenschutzfreundliche Alternative zu Facebook gedacht. Auch hier setzten viele potentielle Nutzer Hoffnungen in ein Netzwerk, das seriöser mit seinen Usern umgeht. Zu einem Erfolg wurde Diaspora dennoch nicht. Es erreichte nicht die kritische Masse an Nutzern, um wirklich attraktiv zu sein.
Will App.net punkten, muss es hier erfolgreicher sein. Die Gebühr, die der Dienst verlangt, könnte dafür erst einmal ein Hindernis sein. Andererseits: Wer Geld dafür bezahlt, App.net zu nutzen, der wird auch ein gesteigertes Interesse daran haben, seine Freunde vom Dienst zu überzeugen.
Ob dieser Effekt ausreichen wird, App.net einen festen Platz unter den Social Networks zu sichern? Die meisten User werden wohl App.net selbst folgen. Aktuell sind das knapp 16.000 Personen. App.net-Gründer Dalton Caldwell hat knapp 11.500 Follower. Und Sascha Lobo, der auf Twitter wohl bekannteste Deutsche kommt auf etwa 1.700 Follower. Allerdings: auf Twitter sind es etwa 138.500.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige