Das Spiegel-Schweigen in eigener Sache

Die dramatische Abberufung der Spiegel-Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron war die Medien-Topstory der vergangenen Woche. Sogar die “Tagesschau” widmete der Personalie in ihrer Hauptausgabe einen langen Beitrag. Bei Spiegel Online gehörte die Meldung “in eigener Sache” zeitweise zu den meist verschickten Meldungen des Tages. Im ersten Print-Spiegel nach dem Eklat suchen Leser allerdings vergeblich nach erklärenden Worten.

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Erst ganz am Ende des aktuellen Spiegel gibt es einen zarten Hinweis. Im “Rückspiegel”, wo Zitate, die den Spiegel betreffen, gesammelt werden, steht ein Abschnitt aus der Streiflicht-Glosse der Süddeutschen Zeitung, die sich auch mit dem Thema befasste: “Von niemandem, nicht einmal von Richard Nixon, wurde die wirklich hohe Kunst der selbstbeschädigenden Intrige so perfekt ausgeübt wie von Redaktion und Verlag des Spiegel, vor allem, wenn es um den Sturz einer Chefredaktion geht.” Ein Zitat, das offenbar die Stimmung innerhalb der Redaktion trifft, sonst hätte man es kaum als einzigen Beitrag zum Thema ausgewählt.

Im Web darf der stellvertretende Chefredakteur Klaus Brinkbäumer statt Georg Mascolo auf die Themen der aktuellen Ausgabe hinweisen – auch hier fehlt ein Hinweis, warum denn da plötzlich ein ganz anderer Kopf schreibt. Brinkbäumer ist laut aktuellem Impressum derzeit ViSdP beim Spiegel. Bis der neue Chef gefunden ist, wird das Blatt von ihm und seinem Co-Vize Martin Doerry geleitet.

Dass die Spiegel-Maschine aber auch ohne Chefredakteur eigentlich ganz gut läuft, zeigt die aktuelle Ausgabe. Der Titel “Die Armutslüge – Wie Europas Krisenländer ihre Vermögen verstecken” ist polarisierend und auf den Punkt. Und er behandelt gekonnt ein hartes Wirtschaftsthema. Ganz anders als viele der eher weichen Lebensgefühl-Titel der jüngeren Zeit. Nicht zuletzt wegen seiner Titelpolitik war der abberufene Print-Chef Georg Mascolo so umstritten.

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