Broders doppelzüngige Augstein-Empfehlung

Am Donnerstag veröffentlicht die Welt einen bemerkenswerten Text ihres Kolumnisten Henryk M. Broder. Unter dem Titel “Er kann es! Augstein, der ideale ‘Spiegel’-Chef” empfiehlt der 66-Jährige den Freitag-Herausgeber als Nachfolger für das Duo Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Meint der Broder das etwa erst? Natürlich nicht! In gewohnter Broder-Manier versteckt sich die Kritik zwischen den Zeilen: “Diese Republik braucht Jakob Augstein und er braucht sie.”

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“Ach, wie schön. Der Broder und der Augstein vetragen sich wieder”, mag man meinen, wenn man den Welt-Artikel ohne "Broder-Brille" liest. Da stellt sich der Kolumnist die Frage, wo denn nun die großen Patriarchen der Presse hin sind: Henri Nannen, Joachim Fest, Rudolf Augstein. Augstein? Da gibt es doch? Genau: Jakob Augstein.

Broder ist sich sicher: “Da ist, zuerst einmal, der Name. Er hat eine geradezu magische Aura.” Die solle man nicht unterschätzen. Schließlich sei der eine Marke: “Wie Dr. Oetker bei den Backzutaten, Melitta bei Kaffeefiltern und die Witwe Clicquot im gehobenen Champagnersegment. Da zahlt man gern ein wenig mehr als für ein No-Name-Produkt.” Eine Anspielung auf eben jene Paid-Content-Strategie, bei der sich das Chefredakteurs-Duo endgültig entzweit haben soll.
Derlei Anspielungen finden sich an vielen Stellen in Broders doppelzüngigem Empfehlungsschreiben, in dem sich der Kolumnist augenscheinlich auch für seine Antisemitismusvorwürfe gegenüber entschuldigt. Dass Augstein einige Artikel geschrieben hätte, die man als antisemitisch interpretieren könnte, beweise noch nichts. Nur um dann die Keule auszupacken: “Wäre die allgemeine Stimmung proisraelisch, würde auch er sich auf die Seite des Judenstaates schlagen.” Zur Erinnerung: Broder hatte Augstein mehrfach als einen "lupenreichen Antisemiten" bezeichnet.
Immerhin attestiert er dem Journalisten und Herausgeber “gut feeling”, ein Gespür für die Gemütslage der Menschen, die dem Spiegel während der Amtszeit von Mascolo und von Blumencron abgegangen sein. Schließlich kennt Broder aber dann kein Halten mehr: “Er könnte dem Blatt eine Schrothkur verpassen, es von ökonomischen Zwängen befreien und den Triumph der Utopie über den Finanzkapitalismus verkünden, die Auferstehung als Alternative zur Agenda 2020.”
Das Empfehlungsschreiben endet mit den Worten: "Diese Republik braucht Jakob Augstein und er braucht sie. Bevor er beschließt, in die Politik zu gehen, sollte ihm der ‚Spiegel‘ einen Vertrag als Chefredakteur anbieten." Und sei es nur, um Schlimmeres zu verhüten? Für den Spiegel oder die Republik? Die Antwort kann und soll sich der Leser wohl selber denken.
Hinweis: Im Text stand in einer früheren Version an einer Stelle versehentlich Rudolf, statt Jakob Augstein. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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