Die gemischte Bilanz des Spiegel-Doppels

Getrieben von der Veröffentlichung des Hamburger Abendblatts am vergangenen Freitag hat die Geschäftsführung des Spiegel die beiden Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Als beide 2008 als interne Nachfolge-Lösung für den geschassten Stefan Aust präsentiert wurden, galten sie gleichermaßen als Kompromiss-Lösung und Hoffnungsträger. Ihre Bilanz fällt sehr unterschiedlich aus.

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Da ist zunächst Mathias Müller von Blumencron. Er kam 1992 zum Spiegel, wurde dann stellvertretender Leiter des Ressorts Deutschland II. Später ging er für den Spiegel nach New York. Im Jahr 2000 fand er seine Berufung und baute Spiegel Online als Chefredakteur zum maßgeblichen Online-Nachrichtenangebot des Landes auf. Der Name von Blumencron ist untrennbar mit dem Aufstieg und Erfolg von Spiegel Online verknüpft.

Blumencron hat den Spiegel digital neu erfunden. Er hat eine gehörige Prise Boulevard hinzugefügt, um das ganz große Publikum zu gewinnen, dabei allerdings auch nie den Anspruch der Mutter-Marke Spiegel aus den Augen verloren. Egal wie gut die bunten Sex- und Crime- und Promi-Geschichten aus dem Panorama-Ressort geklickt wurden – als Aufmacherthema waren die Klickbringer tabu. Die Marke Spiegel wurde dank einer klugen Mischung online gedehnt – aber nicht überdehnt.

In die behäbiger tickenden Welt des Wochenmagazins fand Blumencron dann nie wirklich zurück. Die Rede ist davon, dass er als Print-Chefredakteur das Heft am Produktionstag zu lange offen ließ, einen schnell getakteten Arbeitsstil einbrachte, den manche Print-Leute als chaotisch bezeichnen. Schnell kam es zu Reibereien – auch mit seinem Co-Chef Georg Mascolo. 2011 setzte man die beiden Streithähne auseinander. Blumencron übernahm als Spiegel-Chefredakteur die Verantwortung für alles Digitale, Mascolo wurde die alleinige Print-Verantwortung zugeschlagen. In Wahrheit bedeutete die Umstellung eine Rückkehr Blumencrons zu seinem Spiegel Online.

Die Ruhe aber kehrte nicht zurück. Die Print-Auflage stand weiter unter Druck, der Umsatz ebenso. Blumencron baute Spiegel Online immer mehr aus. Print-Chef Mascolo forderte vehement die Einführung einer Paywall, um die Kannibalisierung des Heftes durchs Online-Angebot zu beschränken. Die Print-Fraktion fühlte sich von Online regelrecht bedrängt – eine von außen betrachtet fast bizarre Vorstellung – immerhin war und ist der Print-Spiegel noch für den Großteil von Umsatz und Gewinn des Hauses verantwortlich. Aber in der Wahrnehmung rückt Online immer stärker in den Fokus.

Man muss es Blumencron vielleicht ankreiden, dass er als vehementer Gegner einer Bezahlschranke zu wenig Verständnis für die Sorgen der Print-Leute zeigte. Aber die Fronten zwischen Heft und Online waren und sind beim Spiegel ohnehin traditionell stärker verhärtet als anderswo.

Als der Streit rund um eine Paywall eskalierte kam es mal wieder zu einem Kompromiss, den man heute wohl als faul bezeichnen muss: Für Spiegel Online sollte ein Konzept für ein Premium-Bezahlangebot erstellt werden. Dort sollen exklusive, hochwertige Inhalte gegen Geld verkauft werden. Das Haupt-Angebot Spiegel Online sollte frei bleiben. Eine Idee, die bestenfalls dazu dienen konnte, die Bedürfnisse der Print-Leute nach irgendeiner Pay-Schranke zu befrieden. Sinn ergibt solch eine Lösung freilich nicht, weil den allermeisten Leuten das sehr umfangreiche freie Spiegel Online-Angebot mehr als ausreicht.

Aber selbst diese Minimal-Lösung scheiterte. Es gab mal wieder Streit zwischen den beiden Chefredakteuren und Geschäftsführer Ove Saffe platzte der Kragen. Dass die Entscheidung, die Chefredaktion abzuberufen sofort beim Hamburger Abendblatt landete, machte die Laune an der Ericusspitze nicht besser.

Und Georg Mascolo? Seine Spiegel-Zeit begann 1988 bei Spiegel TV. Später war er stellvertretender Leiter des Berliner Büros und Leiter des Deutschland Ressorts in Hamburg. Nach einer Zeit in Washington leitete er mit Dirk Kurbjuweit zusammen das Hauptstadtbüro des Spiegel in Berlin, bevor die – für manche überraschende – Berufung zum Chefredakteur kam. Er hinterlässt keine solche Lebensleistung beim Spiegel, wie Blumencron mit Spiegel Online. Von Georg Mascolo bleibt vielleicht die Zusammenarbeit des Spiegel mit Wikileaks in Erinnerung. Aber auch spektakuläre Titel-Fehlentscheidungen wie “Hitlers Uhr”.

Beide Männer sind ohne Zweifel Top-Journalisten, die auch jenseits des Spiegel ihren Weg weiter machen werden. Wenn sie sich treu bleiben, wird Georg Mascolo bei einer Zeitung oder einem Magazin andocken. Und von Mathias Müller von Blumencron wird man bestimmt im Online-Bereich hören. Es gibt genügend Online-Medien, gerade auch von Print-Angeboten, die sich nach einem mit seiner Expertise und seinen Kontakten die Finger lecken dürften. Es wird spannend sein zu beobachten, wo er als nächstes auftaucht. Allzu lange dürfte das nicht dauern.

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