Putin vs. Schönenborn: “Wie heißen Sie?”

Fernsehen Wie blamiert man seinen Gesprächspartner vor laufenden Kameras? Indem man sich nach seinem Namen erkundigt: “Wie heißen Sie eigentlich”, fragte Russlands Präsident Vladimir Putin den WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der den Politiker zwei Tage vor dessen Deutschlandbesuch in der Moskauer Regierungszentrale besucht hatte. Es sollte ein Gespräch über Razzien bei russischen Nicht-Regierungsorganisationen werden. Doch Putin düpierte den Reporter nach Strich und Faden.

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Am 2. April hatten sich Schönenborn und Putin anlässlich der Hannover-Messe, bei der Russland in diesem Jahr Partnerland ist, getroffen. Das Interview wurde in gekürzter Fassung am Sonntag im Ersten ausgestrahlt. Doch in der 35-minütgen Langfassung macht der WDR-Chefredakteur keine gute Figur. Schon die erste Frage scheint Russlands obersten Politiker zu amüsieren. Ob die durchgeführten Razzien bei NGOs denn der Einschüchterung dienen würden? Putin lacht und schaltet auf Angriff: "Ich glaube, Sie schüchtern die deutsche Öffentlichkeit ein”, kommt als knappe Antwort.
Es sollte die Strategie sein, mit der der russische Politiker die Kontrolle im Gespräch mit dem Journalisten übernahm und nicht mehr hergab. Nach Belieben beantwortete er Fragen mit Gegenfragen oder wirkte desinteressiert. Schließlich fragt er den gestandenen TV-Journalisten: “Wie heißen Sie eigentlich?” “Jörg Schönenborn”, antwortet der. “Jörg?”, kommt die Rückfrage von Putin. “Ja”, entgegnet der Journalist.

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Die Frage, ob Russland denn nicht eine Opposition in der Regierung bräuchte, beantwortet Russlands Oberhaupt mit einem “Ja, natürlich”, um dann Schönenborn Papiere zu überreichen, die belegen würden, dass auch die USA umfangreiche Einsichten in die Finanzierung von NGOs verlangen würden. Hier reagiert Schönenborn recht charmant und legt die Akte beiseite, um erneut nachzuhaken. Doch Putin kontert wiederum mit Zahlen über die etwaige Finanzierung von NGOs, die die Heinrich-Böll-Stiftung zwar als viel zu hoch bewertet, allerdings zu sehr ins Detail gehen, als dass Schönenborn fachlich darauf reagieren könnte. Er wirkt in den 35 Minuten zu wenig bissig, um dem mit allen Wassern gewaschenen Macht-Politiker etwas entgegensetzen zu können. Putin wirkt hochkompetent und geht bei seinen Antworten so sehr ins Detail, dass Schönenborn scheinbar nichts anderes übrigbleibt, als zur nächsten Frage überzugehen. Gegenfragen? Fehlanzeige.
Putin scheint irgendwann so gelangweilt, dass er sich den Hörer vom Ohr nimmt, über das der Dolmetscher die Fragen des deutschen TV-Manns übersetzt. Die klare Ansage: Wir reden hier nicht auf Augenhöhe! Schließlich bringt Putin das Thema Geldwäsche in Zusammenhang mit den Konten russischer Oligarchen auf Zypern sogar selbst ins Gespräch. Spätestens an diesem Punkt war der Kontrollverlust für Schönenborn perfekt. Würde die Unschuldsvermutung nicht auch für russische Anleger gelten, fragt der Interviewte den Interviewer. Mancher Zuschauer mag sich gedacht haben: Wo der Putin Recht hat, hat er Recht. Und der setzt noch einen drauf: “Wissen Sie eigentlich, wie absurd Ihre Frage ist?”
Schönenborn erntete Kritik für seine Leistung in diversen Blogs und den Social Networks. Laut B.Z. macht der 48-Jährige “keine gute Figur”. Und Sueddeutsche.de schlägt vor, man hätte vielleicht “seinem Russlandkorrespondenten das Feld überlassen sollen". Ein guter Vorschlag.

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