“Hitler-Tagebücher”: das Projekt Gewölbe

Am 28. April 1983 erschien der stern mit der angeblichen Entdeckung der Tagebücher Adolf Hitlers. Fast 30 Jahre später mutet die Geschichte immer noch unglaublich an. Für die Zeitschrift war die Fälschung, wie sich der spätere stern-chef Werner Funk ausdrückte, ein Super-GAU. Der frühere Pressesprecher von Gruner + Jahr, Kurt Otto, war direkt mit der Aufarbeitung des Skandals befasst. Für MEEDIA hat er seine Erinnerungen an einen der größten Skandale der deutschen Pressegeschichte aufgeschrieben.

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Ich wurde in meinen Berufsjahren bei Gruner + Jahr gleich dreimal persönlich und dann jeweils sehr nachhaltig mit der Bombe der gefälschten „Hitler-Tagebücher“ konfrontiert: das erste Mal Mitte 1981 als G+J-Pressesprecher und Leiter des Vorstandsbüros unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Manfred Fischer. Da glimmte die Lunte des zwei Jahre später eintretenden Desasters noch als eine strikt geheime Kommandosache von dem Team um "stern“-Reporter Gerd Heidemann und dem G+J-Vorstand vor sich hin. Dann zwei Jahre später 1983 als Leiter „stern“-Anzeigenmarketing, u.a. zuständig für Projekte wie „Social Marketing“, als die Bombe der Fälschung mit furiosem, weltweitem Getöse hochging und vor allem im imagesensiblen Anzeigenbereich danach eine vertrauensbildende Schadensbegrenzung angesagt war und letztlich 15 Jahre später im Mai 1998, zurück bei G+J als „stern“-Sprecher. 
Damals feierte der „stern“ seinen 50. Geburtstag mit rauschendem Fest und breiter Medienresonanz, brachte aber zugleich auch den Mut auf, sich im gleichen Atemzuge zum 15. Jahrestag der Pleite mit den gefälschten „Hitler-Tagebüchern“ mit einer kritisch rückblickenden Wertung zu bekennen. 1998 wurde dieser Eklat endgültig zu einem Stück deutscher Pressegeschichte, weil er in sich bewältigt und damit abgeschlossen war. Der GAU (= Größter anzunehmender Unfall), wie ich seinerzeit nach intensiver Abstimmung mit Chefredaktion und Verlagsleitung für den „stern“ in einer Kurzform kommunizierte und mit diesen Erläuterung und Aktionen auch weite Zustimmung in der Branche und den Medien fand. 
Dieser GAU und dessen kommunikative Bewältigung über viele Jahre beweist, dass Verlag und Redaktion des „stern“ in der Lage waren und sind, stets in der Kommunikation mit der eigenen Geschichte durchaus kritisch und reflektierend umzugehen, nicht aber verdrängend und beschönigend zu agieren.
Zum ersten Akt Ende Mai 1981: 
Das war damals mein „Abschlussgespräch“ mit dem nach Gütersloh an die Bertelsmannspitze wechselnden G+J-Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Fischer. Fischer wollte in seiner Schlussphase wohl noch mehr, noch größeres für G+J erreichen: er glaubte fest daran, dass der „stern“, damals nach Umsatz das Flaggschiff des Verlages, mit einem großen journalistischen Scoop noch einmal in Auflagendimensionen von 1,8 bis 2 Millionen Exemplare vorstoßen konnte. Damals sagte er mir in jenem „Abschlussgespräch“ Ende Mai 1981 etwas kryptisch: „Ich werde nach meinem Ausscheiden bei Gruner + Jahr mit dem ‚Projekt Gewölbe’ für den stern eine große verlegerische Sache und für die deutsche Geschichte Spektakuläres mit angeschoben haben. Vergessen Sie aber heute diesen Projektnamen gleich wieder.“ 
Mir war bei diesem Gedanken sehr unbehaglich, weil ich Fischer stets als einen sehr rational und nüchtern denkenden wie handelnden Vorgesetzten kannte und schätzte. Jetzt ein Zusammenhang zwischen dem „stern“ und der deutschen Geschichte? Wie das denn? So ganz wohl war mir nicht bei dieser Andeutung.
Ich wusste zu jenem Zeitpunkt aufgrund meiner Funktion im G+J-Vorstandsbüro nur schemenhaft etwas von einer „Sonderkostenstelle Bormann“ mit entsprechend üppiger finanzieller Ausstattung für sehr diskrete „stern“-Recherchen in Südamerika, um dort den letzten großen unentdeckten Nazigrößen auf die Spur zu kommen. Dass die Illustrierten damals sehr viel Geld für solche investigative Themen in die Hand nahmen, war nicht verwunderlich, ob bei „stern“, „Bunte“ oder der inzwischen eingestellten „Quick“.
Was ich damals nicht ahnte, war der Tatbestand, das zu jenem Zeitpunkt im Mai 1981 bereits 18 Bände handschriftlicher Kladden im G+J-Safe vorlagen, die man für die Tagebücher Adolf Hitlers hielt. – Hitlers Tagebücher! Welch ungeheure Chance für das Flaggschiff des Verlages! So dachte man damals, die Chancen eines umfassenden publizistischen Erfolges mehr im Auge habend als die Risiken eines Flops mit all ihren schlimmen Folgen.
Auf dem stern vom 28. April 1983 prangte die Schlagzeile “Hitlers Tagebücher entdeckt”. „Was der stern-Redakteur Gerd Heidemann zusammengetragen hat, ist schlicht unglaublich“, so der damalige stern-Chefredakteur Peter Koch in seinem Editorial jener Ausgabe: „Für Historiker und Laien kündigen sich Wochen, Monate und Jahre spannender Lektüre, erregter Diskussionen an.“ Und dann der leichtfertige Satz Kochs, der es als eine Art Zuspitzung des folgenden Desasters zu trauriger Berühmtheit bringen sollte: „Die Geschichte des Dritten Reichs muss teilweise umgeschrieben werden.“ In der öffentlichen Wirkung war das eine der fatalsten Ankündigungen, zu denen sich je ein Chefredakteur in euphorischer Stimmung hat hinreißen lassen. Hier lag auch der Kern des tiefgreifenden Imageschadens des „stern“ über viele Jahre.
Fakt ist, dass Konrad Kujau, alias Konrad Fischer als Kontaktmann des „stern“-Rechercheurs Gerd Heidemann, alle 60 Kladden eigenhändig gefälscht hatte. Seine Quellen hierfür waren für Historiker eigentlich kein großes Geheimnis: Abgeschrieben hatte Kujau vor allem aus dem zweibändigen Buch „Hitler – Reden und Proklamationen 1932 bis 1945“ von Max Domarus, das überwiegend aus dem „Völkischen Beobachter“ zusammengestellt war und 1965 im Süddeutschen Verlag erschien. 9,34 Mio. Mark ließ sich G+J die vermeintlichen Hitler-Tagebücher kosten, weil man – wie namhafte und unabhängige Gutachter – der Meinung war, sensationelles Original-Quellenmaterial angeboten bekommen zu haben. Dass die kunstvoll leicht angegilbten 60 Kladden nicht Hitlers Aufzeichnungen, sondern die Fälschungen Kujaus waren, wurde zu viel spät bemerkt. Turbulente Wochen folgen dann an der Außenalster, der Sitz von Verlag und Redaktion trug damals zu Recht seinen Spitznamen „Affenfelsen“. 
"Projekt Grünes Gewölbe"
Das Prinzip der journalistischen Aufklärung ließ sich der stern auch in eigener, von allen schmerzlich empfundener Sache nicht nehmen: Am 26. Mai 1983 erschien er mit seinem Logo als seitenfüllendes Titelbild und dazu die Riesenlettern »Betrifft: stern«. Seine Redaktion legte alle recherchierten Einzelheiten auf den Tisch. Selbstkritisch schrieb damals der stern-Reporter Jürgen Steinhoff: „Was unter dem Namen ‚Grünes Gewölbe’ zwei Jahre bebrütet war, war kein goldenes Ei, sondern das faulste in der Geschichte des stern.“ Dieser nannte als Kernursache dieser „faulsten Geschichte“ die strikte Geheimhaltung des Projektes bis in die Verlagsspitze, dass dabei zugleich die Regeln der umfassenden journalistischen Verifikation des vermeintlichen Tagebuches-Fundes sträflich außer Acht gelassen wurden. Dabei war die „stern“-Redaktion selbst kaum involviert. Steinhoff: „Immer tiefer versanken die Geheimnisträger in ihre Bunkermentalität.“ In diesem Sinne hat der „stern“ in den Folgejahren gelernt, zu diesem einmaligen Fehler in seiner Geschichte zu stehen.
Jetzt zum zweiten Akt in jenen turbulenten Wochen im Mai 1983 nach meiner Erinnerung:
Damals war ich inzwischen als Leiter „stern“-Anzeigenmarketing für die Anzeigenaktivitäten außerhalb der Marken- und Unternehmenswerbung verantwortlich und stand an der Seite des damaligen legendären langjährigen „stern“-Anzeigenleiters Rolf Grimm („Mr. stern“), als es vor allem um den Versuch einer Schadensbegrenzung dieses vermeintlichen Scoops bei Anzeigenkunden ging. 
Rolf Grimm stimmte nicht in das allgemeine interne Lamento jener Wochen mit ein. Mit ihm beriet ich eine offensive PR-Strategie einer ersten nachhaltigen Vertrauensbildung gegenüber den Marktpartnern auf Kunden- und Agenturseite. Dieser argumentativen Vorwärtsverteidigung in vielen Einzelgesprächen bei Kunden und deren Agenturen war es mit zu verdanken, dass sich das „stern“-Anzeigengeschäft 1984 einigermaßen schnell wieder von diesem Imageschaden erholte. 
"stern still going strong"
Die Kommunikationslinie von Grimm und mir war einfach und deshalb wohl letztlich auch überzeugend: Auch wenn wir das „stern“-Desaster jener Wochen nicht kleinreden wollten und konnten, so überzeugte doch unser Einwand, dass die Media-Leistungswerte des „stern“, sowie auch seine redaktionelle Kompetenz im Käufer- und Lesermarkt sich nicht über Nacht von einem Tag auf den anderen dramatisch verschlechtert hatten, der „stern“ zudem über viele Jahre zuvor ein verlässlicher, geschätzter Medienpartner war: „‘stern‘ still going strong“ – so das Motto unserer damaligen Sympathie-Gewinnungsstrategie. Denn mein Credo für vertrauensbildende Verlags-PR war und ist stets: „Was sich nicht kommunizieren lässt, dass kann man auch nicht verwirklichen.“
Szenenwechsel, jetzt 15 Jahre später: 
1998 wurde der „stern“ 50 Jahre alt, das Datum der gefälschten Tagebücher lag im gleichen Jahr ebenfalls genau 15 Jahre zurück. Zwei Themen, die auf den ersten Blick nicht gut zueinander passen wollten. Ich war 1998 nach vielen Berufsjahren im PR-Bereich anderer Verlage – wie Handelsblatt-Gruppe, Bauer- und Spiegel-Verlag – wieder zurück bei G+J und im „stern“ als Mitglied der Verlagsleitung und zuständig für Marktkommunikation und hatte diese schwierige Nuss zu knacken. 
Mit dem damaligen „stern“-Chefredakteur Dr. Werner Funk und dem damaligen Verlagsleiter Michael Beckel wurde intensiv die Kernfrage diskutiert: Wollen wir das Thema „Tagebücher“ 1998 proaktiv aufgreifen oder lieber ganz totschweigen? Wir entschieden uns letztlich zur zweiten Vorgehensweise. Denn inzwischen schien das Desaster intern weitgehend verarbeitet, es war bereits zu einem Teil der bewegten „stern“- und damit der Pressegeschichte geworden. Funk nahm in diesem Sinne dieser Vorgehensweise gegenüber dpa am 2. Juli 1998 in einem Interview zu den gefälschten „Hitler-Tagebüchern“ richtungsweisend Stellung:
"Sicherlich war die Tagebuch-Affäre 1983 der GAU, der größte anzunehmende Unfall in der Zeitschriftengeschichte. Natürlich war das Ganze für die Redaktion ein Schock. Denn sie hatte die Tagebuch-Affäre nur zum geringen Teil zu vertreten. Die Redaktion ist in den Folgejahren sicherlich noch professioneller geworden, als sie es ohnehin war. Der stern hat wieder an seine große Tradition angeknüpft. Er hat in den 15 Jahren nach den Hitler-Tagebüchern hervorragende Ausgaben, großartige Fotoreportagen gemacht, er hat viele Scoops gelandet, er hat viele Affären aufgedeckt. Und danach hat der stern nicht nur seinen Platz unter den großen Medien souverän behauptet. Nicht umsonst ist er nach wie vor die größte und ertragreichste deutsche Zeitschrift.“
Im Herbst 1998 bewiesen wir beim „stern“ mit einer zweiten PR-Aktion, dass die gefälschten Hitler-Tagebücher nun wirklich ein Teil der Geschichte waren. Das Bonner „Haus der Geschichte“ konzipierte eine medienbezogene Sonderausstellung zum Generalthema „Bilder, die lügen“. Nach intensiven internen Gesprächen mit dem Bonner Museum bekam ich verlagsintern grünes Licht, zwei der gefälschten Tagebücher aus dem Verlagssafe als Exponat für diese themenbezogene Sonderausstellung zur Verfügung zu stellen. 
Peter Scholl-Latour, „stern“-Chefredakteur unmittelbar nach Aufdeckung der Fälschung, konnte ich gewinnen, diese Ausstellung vor breitem Publikum und vielen Journalisten in Bonn zu eröffnen. Freimütig berichtete er über jene bewegten Tage aus seiner eigenen Sicht. Er vertrat die Auffassung, dass dieser Eklat hätte auch anderen Magazinen unter ähnlichen Umständen passieren können. Die Ausstellung war neben Bonn auch in anderen Städten mit großen Besucherzahlen zu sehen. Dabei erwiesen sich die beiden gefälschten Tagebücher aus Kujaus Feder nicht unbedingt als der herausragende Publikumsmagnet. – Gut so, so fanden wir beim „stern“. Ebenfalls war es im Rückblick wohl eine gute Entscheidung der G+J-Verlagsspitze, meinem Vorschlag ein Jahr später zuzustimmen, etwa 120 Leitz-Ordner mit der spektakulären Medienresonanz von 1983 aus der G+J-Dokumentation aus Platzmangel nicht zu vernichten, sondern dem „Haus der Geschichte“ für spätere Studienzwecke zweckgebunden zu überlassen. Somit sind die gefälschten Hitler-Tagebücher damit endgültig dort angekommen, wo sie hingehören: als bewältigte Pressegeschichte in ein Museum der deutschen Zeitgeschichte.
Kurt Otto ist heute freier Medienberater und war u.a. G+J-Pressesprecher von 1978 bis 1981 und von 2000 bis 2010, sowie 1998 bis 2000 Leiter Marktkommunikation der G+J-Verlagsgruppe stern/Geo/Art.

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