Spiegel: Mascolo und Blumencron sollen weg

Laut einem Bericht des Hamburger Abendblatts will sich der Spiegel Verlag von den beiden Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron trennen. Hauptgrund sei das zerrüttete Verhältnisses der beiden. Mascolo ist in der Doppelspitze Chefredakteur des gedruckten Spiegel, Blumencron für alles Digitale verantwortlich. Die Suche nach einem Nachfolger soll bereits laufen. Es soll wohl ein externer Kandidat werden - und keine neue Doppelspitze.

Anzeige

Laut Abendblatt ist die Trennung von den Chefredakteuren bei den Spiegel-Gesellschaftern unstrittig. Zu den Gesellschaftern gehören neben den Augstein-Erben Jakob und Franziska Augstein der Verlag Gruner + Jahr und die Mitarbeiter KG. Als Hauptgrund für die Maßnahme wird der “Dauerstreit” zwischen von Blumencron und Mascolo genannt. Außerdem soll sich von Blumencron gegen eine neue Online-Strategie gesperrt haben, bei der Teile von Spiegel Online kostenpflichtig werden sollen. Mascolo wird vorgeworfen, nie einen wirklichen Draht zur Redaktion gefunden zu haben. Auch in der Diskussion um eine Frauenquote für Führungskräfte in den Medien hat er eine unglückliche Figur gemacht.
Viel schwerer wiegt allerdings die wirtschaftliche Entwicklung des Blattes. Seit im Februar 2008 die Ära von Stefan Aust als Spiegel-Chef zu Ende ging, fiel die verkaufte Auflage des Spiegels mit erhöhtem Tempo. Lag sie laut IVW im ersten Quartal 2008 noch bei 1,05 Mio., rutschte sie im vierten Quartal 2012 sogar erstmals seit 1986 unter die 900.000er-Marke. Besonders im Einzelverkauf am Kiosk sieht es dramatisch aus. Hier verlor das Magazin in nur vier Jahren mehr als 100.000 verkaufte Exemplare, rutschte von 372.080 auf 272.000. Die zehn im Einzelverkauf schwächsten Ausgaben seit Start der IVW-Heftauflagenmessung Mitte der 1990er-Jahre stammen allesamt aus den Jahren 2012 und 2013. Kein Wunder also, dass Spiegel-Chef Ove Saffe laut Hamburger Abendblatt insbesondere mit Mascolos "verfehlter Titelpolitik" unzufrieden sein soll, denn am Kiosk kommt es vor allem auf neugierig machende Titel an. Bei den Abos büßte Der Spiegel im selben Zeitraum zwar nur 40.000 ein, doch auch hier gab es in den vergangenen zwei Jahren deutliche Verluste.
Das Zerwürfnis hat eine Historie. Nachdem Stefan Aust 2008 aus dem Chefsessel gedrängt worden war, einigten sich die Gesellschafter nach einem langen und würdelosen Hickhack auf die vermeintliche Lösung des geringsten Widerstands: die Doppelspitze aus Print-Mann Mascolo und Onliner von Blumencron.
Aber das ging nicht lange gut. Nach relativ kurzer Zeit schon wurde beim Spiegel hinter den Kulissen über die "atmosphärischen Störungen" zwischen den beiden Chefs getuschelt. 2011 ging es dann nicht mehr und das ungleiche Doppel wurde wieder getrennt. Mascolo bekam die alleinige Verantwortung für das Heft, Blumencron wurde ins Digital-Reich entsandt. Damals hieß es hinter vorgehaltener Hand,  man habe die Dauerstreithähne auseinandersetzen müssen, anders wäre es einfach nicht mehr gegangen. Der dadurch vermeintlich erreichte Burgfrieden hielt nicht lange. 
Nun konnten die beiden – jeder in seinem Reich – schön gegeneinander arbeiten. Beim Spiegel war und ist der Graben zwischen Print und Online bis heute deutlich tiefer als in den meisten anderen Redaktionen. 2012 eskalierte der stets schwelende Konflikt dann in einem halböffentlich ausgetragenen Machtkampf an der Spiegel-Spitze. Georg Mascolo, massiv unter Druck wegen der sinkenden Auflage des Heftes, forderte vehement eine Bezahlschranke für Spiegel Online. Blumencron, schon immer ein Verfechter des freien Zugangs zu Spiegel Online, zeigte ihm die kalte Schulter.
Gezwungenermaßen rauften sich die beiden dann wieder zusammen, zelebrierten vor der Mannschaft neue Einigkeit. Unter der Überschrift "Die Vernunftehe" diktierten die Spiegel-Oberen der Zeit im Herbst 2012 in die Feder, wie sie sich angeblich zum Wohle des großen Ganzen vertragen hätten. Print-Redakteure sollten den Onlinern zuarbeiten, die Onliner sollten Rücksicht auf den Redaktionsschluss des Heftes nehmen. Bei Spiegel Online wurde der Plan einer Sektion mit kostenpflichtigen Premium-Inhalten geboren.
Die Vernunftehe war keine harmonische Beziehung. Die altbekannten, ungelösten Probleme sorgen immer wieder für Ärger. Die Umsetzung der Premium-Pläne kam nicht recht in die Gänge. Gleichzeitig wurde im Haus die Kritik an der Titelpolitik von Georg Mascolo immer lauter. Cover wie "Hitlers Uhr" oder "Die Mutigen" – über Menschen, die Leben retten – sorgten innerhalb und außerhalb des Spiegel Verlags für einiges Kopfschütteln und lagen wie Blei in den Regalen.
Nun haben sich die Gesellschafter wohl auf ein Ende mit Schrecken, statt Schrecken ohne Ende geeinigt. Bereits zu Beginn ihrer gemeinsamen Amtszeit im Februar 2008 sollen die Anteilseigner beiden damaligen Neu-Chefs unmissverständlich klargemacht haben, dass sie nur als Duo eine Zukunft an der Spitze des Magazins haben würden. Schafften sie es nicht, sich bei Zwistigkeiten zusammenzuraufen, würden beide abserviert. Beim Spiegel wurde die Meldung des Abendblatts noch nicht einmal dementiert. Eine Sprecherin wird lediglich mit den Worten zitiert, man wolle zu Gerüchten und Spekulationen keine Stellung nehmen. 
Ein Nachfolger für die beiden Spiegel-Chefs ist noch nicht gefunden. Laut Abendblatt soll es möglichst ein externer Kandidat werden. Und bloß keine Doppelspitze. Das heitere Kandidatenraten ist hiermit eröffnet. Wir werfen mal die ersten Namen in den Ring: Chancen haben soll Wolfgang Büchner. Der dpa-Chefredakteur hat früher Spiegel Online geführt, er kennt also zumindest die eine Seite und könnte der richtige Mann sein, den Graben zwischen Print und Digital endlich zu überbrücken. Auch mit Gabor Steingart kann man rechnen. Er ist zwar vor kurzem erst zum Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt aufgestiegen. Aber Steingart war schon einmal Spiegel-Kronprinz unter Stefan Aust. Und da wäre noch Jakob Augstein. Beim Freitag hat er Erfahrung als Verleger gesammelt, als Kommentator und Meinungsjournalist hat er sich einen Ruf erarbeitet. Außerdem wäre es natürlich reizvoll, einen Augstein an der Spitze des Blattes zu haben.
Aber wie wir den Spiegel kennen, wird uns das Thema noch eine Weile beschäftigen. Und es werden weitere Namen folgen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige