Journalistische Standards! Welche denn?

Nachdem MEEDIA auf eine kritische Besprechung eines Romans von Verleger Alfred Neven DuMont in dessen Berliner Zeitung hingewiesen hat, verschwand der Text im Web auf mysteriöse Weise. Chefredakteurin Brigitte Fehrle erklärte, der Text sei entfernt worden, weil er “journalistischen Standards” nicht entspreche. Um welche Standards es geht, bleibt im Dunkeln. Gabor Steingart haut mal wieder Gratis-Abos des Handelsblatts raus und Zeit-Kolumnist Harald Martenstein bekabbelt sich mit dem Bildblog.

Anzeige

MEEDIA berichtete am Mittwoch, dass der Feuilletonist Arno Widmann in der Berliner Zeitung in seiner Kolumne “Vom Nachttisch geräumt” den Roman “Drei Mütter” von Alfred Neven DuMont verrissen hat. Das ist insofern bemerkenswert, als Neven DuMont Verleger der Berliner Zeitung ist und seine Romane in den eigenen Blättern im Regelfall eher – sagen wir mal – wohlwollend besprochen werden. Kurz nach Veröffentlichung des MEEDIA-Artikels war es dann aber auch schon wieder vorbei mit der Kritik am Chef. Die Passage zu dem DuMont-Werk verschwand wie von Zauberhand aus dem Online-Angebot der Berliner Zeitung. Das Feuilleton-Blog Perlentaucher fragte bei Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der Zeitung, nach. Die ließ sich mit den Worten zitieren: "Der Text entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Deshalb wurde er aus dem Netz genommen." Journalistische Standards? Wie bitte? Die Süddeutsche Zeitung fragte nochmals nach, welche “journalistischen Standards” das denn genau seien, die so plötzlich zur Löschung der Text-Passage führten – hier blieb die Chefredakteurin eine Antwort schuldig. Dass eine Redaktion – ob auf Weisung oder in vorauseilendem Gehorsam – Kritik am Verleger schnell entfernt, sobald jemand darauf aufmerksam wird, zeugt nicht direkt von redaktioneller Souveränität – man kann das aber pragmatisch noch unter “passiert halt” abheften. Dass eine solche Lösch-Aktion aber ausgerechnet mit dem Einhalten “journalistischer Standards” gerechtfertigt wird – das ist schon, wie soll man das jetzt diplomatisch ausdrücken …? Das ist schon: sehr vielsagend.

Der E-Mail-Newsletter “Morning Briefing” von Handelsblatt-Chef Gabor Steingart hat viele Fans. Und Steingart beschenkt seine Leser gerne mit Frei-Abos des eigenen Blattes. Beim aktuellen Mega-Skandal rund um die zurückgezogenen Lotto-Zahlen schafft er es formulierungstechnisch tatsächlich eine Brücke zwischen den Lotto-Zahlen und einer Handelsblatt-PR-Aktion zu schlagen. Zitat: “Die ursprünglichen Gewinner mit den Nummern 3 – 8 – 11 – 26 – 32 – 40 sowie die Zusatzzahl 9 gingen leer aus. Nun müssen sich die Beinahe-Gewinner selbst zum Millionär hocharbeiten. Das ist möglich – wie die vielen Erfolgsgeschichten in unserer Zeitung jeden Tag beweisen. Zur Ertüchtigung biete ich den verhinderten Lotto-Königen ein kostenloses 100-Tage-Abonnement an.” Als die Financial Times Deutschland vergangenes Jahr ihren Umfang reduzierte, war Steingart schon einmal so freigiebig und bot frustrierten FTD-Abonnenten ein gratis 100-Tage-Abo an, wovon der Abo-Vertrieb der Wirtschaftszeitung damals einigermaßen überrascht gewesen sein soll. Mittlerweile dürften sich die Vertriebler an die Geschäftigkeit ihres Chefs gewöhnt haben.
Welt-Vize Frank Schmiechen war von den Enthüllungen in der Süddeutschen Zeitung zu Steuer-Oasen im Rahmen von Offshore-Leaks offenbar nicht so richtig begeistert. Bei Twitter kommentierte er: "Aus der Steuergeschichte ist aber ziemlich schnell die Luft raus. War’s das schon? #sz #guntersachs #augier" Und während sueddeutsche.de am Freitag noch groß die Daten aus den Offshore-Leaks aufbereitet, ist das Thema Welt.de keine einzige Top Story mehr wert.
A propos die lieben Kollegen: Medien-Journalist und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier, das Bildblog und Zeit-Magazin-Kolumnist Harald Martenstein liefern sich gerade einen lustigen kleinen Schlagabtausch. Am 19. März nahm sich Niggemeier eine Kolumne Martensteins zur Brust, in der dieser sich über Unisex-Klos in Berlin lustig gemacht hatte. In einer weiteren Kolumne bezeichnete Martenstein Außenminister Guido Westerwelle dann als Sitzenbleiber, was nicht stimmt. Der Fauxpas wurde vom Bildblog aufgespießt, das Martenstein in dem Zusammenhang als den “Franz Josef Wagner vom Zeit Magazin” bezeichnete. Das wiederum gab Martenstein Futter für seine aktuelle Kolumne im Zeit Magazin, in der er über seine Fehler räsoniert: “Pro Jahr schreibe ich rund 150 Texte, das geht zack, zack, wumm, wumm, und ich bin nicht mehr der Jüngste.” Darin wünscht sich der Kolumnist, dass er oder Körperteile von ihm doch bitte nicht unter dem Namen “Franz Josef” in die Annalen des Bildblogs eingehen mögen. Niggemeier fand diese humorige Art der Fehler-Nachbearbeitung offenbar nicht so richtig witzig. Via Twitter notierte er: Wenn man einen wie Martenstein bittet, sich zu korrigieren, kommt sowas dabei heraus.”
Fehlerfreies Wochenende!

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige