FakeVZ: Leben in den Ruinen von SchülerVZ

Im Kopf der meisten Deutschen Web-Nutzer sind StudiVZ und SchülerVZ längst moderne Web-Ruinen. Holtzbrinck hat die einst hoffnungsvollen deutschen Facebook-Konkurrenten 2012 nach immer weiter zurückgehenden Zugriffszahlen verkauft. In den Trümmern von SchülerVZ regt sich jedoch Leben. Tatsächlich nutzen immer mehr Mitglieder das Nezwerk als virtuellen Spielplatz. Tausende nutzen mittlerweile SchülerVZ als eine Art selbstentwickeltes Rollenspiel: FakeVZ.

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In den meisten Fällen haben Fake-Accounts keine hohen Lebenserwartungen in Social Networks, sobald sie entdeckt und den Betreibern gemeldet werden. In den Ruinen von SchülerVZ ist das anders. Dort ist mit Fake-Profilen eine skurrile Welt entstanden, auf die nun auch Medien wie 1Live aufmerksam werden. Die Spieler geben sich besonders gerne Namen von aktuellen Stars und Sternchen. So findet man viele Justin Biebers und Barney Stinsons aber auch völlig erfundene Charaktere mit Fantasienamen. User entwickeln ihren eigenen Wunsch-Avatar, geben ihm ein Alter, eigene Interessen, setzen ihn sogar in Beziehungen zu anderen Fake-Profilen und führen Online-Beziehungen miteinander. Manche Nutzer erfinden gleich mehrere Charaktere, mit denen sie durch das FakeVZ geistern. Die person behind (dahinter stehende Person), im Netzwerk Pb genannt, vertieft sich in die Rolle seines Avatars und führt sein Social-Life im Web.

Die Fake-Gemeinde sammelt sich vor allem in Gruppen, schreibt miteinander an Kurzgeschichten. Wer mitschreiben will, muss bestimmte Regeln beachten. So muss die Handlung einer neuen Geschichte immer zum Ende der alten passen. Außerdem unterscheiden die User zwei Schreibstile: "Romanschreiber" schreiben deskriptiv, verwenden viele Adjektive, um Emotionen in ihren Geschichten zu entfachen. Die andere Art des Schreibens heißt "Normalo", bei der stichpunktartig Geschichten erzählt werden, erklärt ein User gegenüber MEEDIA, der selbst mit seiner falschen Identität anonym bleiben möchte. Den Nutzern ist Anonymität wichtig – vor allem, wenn über sie berichtet wird. Innerhalb der Community hätten sich Freundschaften gebildet, die man nicht aufs Spiel setzen will, erklärt er. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man die Sprache und Regeln der Community verstanden hat.

Die Gruppe ist das Dorf der FakeVZ-Einwohner: Dort gründen sie auch Foren, beispielsweise um ihr Netzwerk durch Freunde und neue Familienmitglieder zu erweitern – richtig: Familienmitglieder. Einige Avatare suchen Nutzer, die sich einen neuen Avatar mit gleichem Nachnamen erstellen. So entstehen zu einem Account Geschwister oder Kinder.

Das Avatar-Leben geht sogar über die Grenzen von FakeVZ hinaus. In Tumblr-Blogs schreiben Nutzer über ihr falsches Leben im Netz. In changefakeworld schreibt eine Nutzerin über das Problem der Monogamie unter den Avataren, dass es User geben soll, die sich zu sehr in das FakeVZ-Leben hineingesteigert haben. Einige der falschen Profile führen Beziehungen miteinander, die aber nur im Netz bestehen. Vermutlich haben sich die meisten noch nie im realen Leben getroffen.
Die Community sei eine "Erholung" vom Alltag, schreibt die Autorin in ihrem Blog. Es komme vor, dass Fotos von den Pb’s untereinander verschickt werden, was nicht Sinn der Sache sei. Ein Blog namens 0urfakelife beschäftigt sich mit Cyber-Mobbern in der Community. "Es ist ein Unding, dass sich manche die Freiheit nehmen und regelrecht Freunde auf jemanden hetzen. Fake-Hetzung", beschreibt es die Autorin des Blogs. Die User untereinander streiten sich, stellen sich gegenseitig an den Pranger – dabei weiß niemand, mit wem er es eigentlich zu tun hat.

Die ersten Fake-Gruppen sollen schon entstanden sein, als SchülerVZ noch Hochkonjunktur hatte. "Eine –jetzige – Freundin hatte eine Bella Swan. Ich hatte sie mit meinem richtigen Account angeschrieben und sie hat mir das erzählt, sowie ich nun dir. Und deshalb habe ich mir auch einen gemacht und nun bin ich schon 3 Jahre hier, immer unter anderem Namen", erzählt Userin Tianéa, die ihre "Fake"-Autorität preisgibt. Wenn sie einen Charakter nicht mehr will, wirft sie ihn zu den anderen Profil-Leichen und erstellt sich einen neuen.

SchülerVZ startete im Jahr 2007 und richtet sich ursprünglich an Schülerinnen und Schüler ab zehn Jahren. Nach eigenen Angaben erreichte SchülerVZ zwischenzeitlich über fünf Millionen Nutzer. Davon sind heute drei Millionen übrig geblieben, wovon nur noch 300.000 in den letzten 30 Tagen aktiv waren. Der Betreiber poolworks wurde 2012 an den US-Investor Vert. Capital verkauft. Der 38-jährige Joseph Nejman, neuer Executive Director, arbeitet jetzt daran, neue Applikationen für die VZ-Netzwerke zu entwickeln. Erst kürzlich ging bildervz.net an den Start. Die alten VZ-Netzwerke sollen nicht weiterentwickelt, trotzdem aber moderiert werden. Die FakeVZ-Gruppe stört nicht: "Es spricht nichts gegen einen fiktionalen Account oder auch einen Account, um einen Star zu unterstützen. Auch in anderen Netzwerken ist es normal, dass Leute nicht mit ihrem echten Namen unterwegs sind", sagt Nejman auf Anfrage von MEEDIA. Solange der Nutzer darauf aufmerksam mache, dass sich eine andere Identität dahinter verberge und den falschen Account nicht böswillig nutzt, unterstütze man diese Entscheidung und sehe kein Grund die Sache zu moderieren, meint Neijman. Eine Meldefunktion für Faker gibt es in den VZ-Netzwerken nach wie vor.

Mit FakeVerzeichnis wurde mittlerweile sogar ein eigenes Portal für die Rollenspieler gegründet. Laut 0urfakelife hat dies aber noch keinen Anklang finden können. Entwicklungen im Web sind eben selten plan- oder vorhersehbar. 
gesehen bei: 1Live Nerd-Blog: "FakeVZ"

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Alle Kommentare

  1. Nenne es doch: FaceVz.
    Warum nicht? Ist einen
    Versuch wert. Alles Gute
    hat seine Zeit. Und auf
    ein Neues, oder eben
    nicht. Aber probiert.
    Google hat als deutsche
    Konkurenz quasi: Quant.

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