„Online hat nichts, was wir brauchen“

Vor einem Jahr drückten Bauer und Chefredakteur Tom Junkersdorf mit Closer ein weiteres wöchentliches People-Heft in den Markt. Heute ist klar: Aus dem Experiment wurde ein Mega-Erfolg. Im MEEDIA-Interview erklärt Junkersdorf sein Erfolgsrezept: kein Online, Konzentration auf klassisches Reporter-Handwerk, kein Respekt vor Stars und ihren Anwälten sowie eine Absage an den Google-Journalismus vieler Konkurrenten. Er plädiert für einen Mix aus „Recherchieren, Inszenieren und Provozieren“.

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Neben den inhaltlichen Gegensätzen zu vielen anderen People-Redaktionen unterscheidet sich die Closer-Redaktion auch architektonisch von den meisten Konkurrenten. In Hamburg sitzen alle Mitarbeiter – passend zum Namen – sehr nah beieinander. Es gibt keine Einzelbüros, sondern nur einen großen gemeinsamen Raum. „So können wir schneller und präziser arbeiten“, findet der Chef. "Das ist sehr kommunikativ“.


Tom Junkersdorf in der Closer-Redaktion

Bei der Vorbereitung auf das Interview wurde mir bereits nach dem ersten Klick klar: Closer hat gar keine anständigen Web-Auftritt.
Korrekt. Wir machen kein online. Wir haben nur eine Landingpage. Bei Facebook sind wir schon sehr erfolgreich, das machen die Redakteure hier so nebenbei.
Bei diesem Thema klingen Sie sehr bestimmt. Warum macht Closer kein Online?
Vielleicht machen wir das als nächstes. Zunächst hat bei uns aber das Blatt Priorität. Wir sind sehr erfolgreich gestartet und sind der Meinung, dass wir noch Luft nach oben haben. Darauf konzentrieren wir uns erst einmal.
Viele Ihrer Kollegen haben längst jede Menge Respekt, wenn nicht gar Angst von den People-Angeboten im Web. Leben Sie nicht auch in ständiger Sorge, dass fixe Online-Redakteure Ihnen Ihre Storys wegschnappen könnten?
Für uns ist Online gar keine Bedrohung. Online hat nichts, was wir brauchen. Und was wir haben, ist so einzigartig, so besonders, dass uns das hierzulande auch niemand klauen kann. Deshalb lohnt es sich auch für die Menschen, wegen uns einmal pro Woche zum Kiosk zu gehen und die 1,60 Euro für Closer auszugeben.
Was ist denn das Besondere an Closer?
Es ist das besondere Konzept. Closer ist europaweit das erfolgreichste People-Magazin. Die Nummer eins in England, Nummer eins in Frankreich und jetzt schon sehr deutlich auf dem Vormarsch in Deutschland. Im jungen People-Bereich sind wir bereits die Nummer zwei hinter InTouch. Es ist ein einzigartiges Konzept aus Stars, die wirklich interessieren, weil es nationale Stars sind. Aus Schicksalen, die wirklich bewegen, aus packenden Real-Life-Geschichten und einem Service, den in dieser Form keiner sonst bietet, weil er nicht nur auf der Arbeit von Redakteuren basiert, sondern auf dem Know-how von Stars. Bei uns wird jede Rubrik von einem Star betreut. Das gibt es so in ganz in Europa nicht noch einmal. Wenn Sie etwas haben, das so unique ist, dann findet das auch immer seine Fans und Käufer. Da müssen Sie keine Angst haben.
Closer setzt massiv auf deutsche Stars. Hilft das im Kampf gegen das Internet und vereinfacht das für Closer die Arbeit?
Ich sehe die Bedrohung durch das Internet gar nicht. Die Fotos und die exklusiven Storys, die finden sie gar nicht im Internet. Die kann sich auch gar kein Internet-Dienst leisten. Was wir hier machen, kostet richtig viel Geld. Niemand sollte unterschätzten, wie recherche- und personalintensiv das alles hier ist, was wir machen. Wenn es heiße Paparazzi-Fotos gibt, dann sehe ich die fast immer bei uns und kaum bei der Konkurrenz.


Die letzten drei Closer-Ausgaben


Heißt: Sie zahlen mehr.

Möglicherweise sind wir besser finanziell ausgestattet. Wir haben aber garantiert auch die besseren Kontakte.
Wir halten noch einmal fest: Sie haben keine Angst, dass Ihnen das Web eine Story zerstören könnte, weil sie bereits online steht, bevor Sie mit Ihrem Heft am Kiosk sind?
Das finde ich ja ganz bemerkenswert, dass sich die Journalisten über das aufregen, wovon sie über Jahre profitiert haben. Was macht denn People-Journalismus aus? Ich habe Kontakte zu Promis. Ich kann sie anrufen, ich kann sie treffen. In den letzten Jahren haben sich allerdings auf einmal immer mehr junge Menschen People-Journalisten genannt, nur weil sie den Namen Angelina Jolie und Brad Pitt unfallfrei googeln konnten. 99,9 Prozent dieser sogenannten People-Redakteure haben nie in ihrem Leben Brad Pitt oder Angelina Jolie persönlich getroffen und niemals ein persönliches Wort mit ihnen gewechselt, geschweige denn eine Telefonnummer von den beiden. Sie haben nur über Jahre davon profitiert, dass sie irgendwo aus dem Internet abgeschrieben haben.
Rächt sich diese Art von Berichterstattung jetzt auch bei der negativen Auflagenentwicklung vieler anderer People-Magazine?
Ja. Man konnte fast das Gefühl bekommen, dass viele People-Redaktionen ohne Telefon auskommen konnten. Über Jahre hat es sehr, sehr gut funktioniert, einfach nur das Internet abzuschreiben und auf Papier zu drucken. Das geht heute nicht mehr.
Offenbar wollen Sie gar nichts damit zu tun haben.
Was wir machen, ist ganz klassischer Journalismus. Du hast etwas gehört. Du rufst die Leute an und fragst nach. Fakt ist, Closer hat den Markt erweitert.

Wie eng arbeiten Sie mit den Stars zusammen? Bei People-Storys stellt sich ja immer die Frage, wieviel ist recherchiert und wieviel inszeniert?
Zum einen haben einige People-Magazine das Problem, dass sie im Verkaufsmarkt keine Rolle mehr spielen und deshalb zu hundert Prozent abhängig von ihren Anzeigenkunden sind. Das heißt: Sie müssen eine möglichst nette Verpackung rund um die Anzeigen herumbauen.
Und das Zweite?
Sie schaffen natürlich auch Abhängigkeiten zwischen Stars und Blättern. Viele Titel leiden heute darunter, dass es gar keine Trennung mehr zwischen den Journalisten und den Promis gibt. Es gibt viel zu viel Verbrüderung und Miteinander. Der Peoplejournalist hat viel zu oft die Rolle des Beobachters verlassen.
Warum?
Es gibt einfach so viele Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten. Das macht das Arbeiten sehr, sehr schwer. Fakt ist aber, Gefälligkeitsjournalismus hat kein Auflagenpotential mehr. Und zum Recherchieren und Inszenieren gehört auch das Provozieren.
Ganz konkret: Ist eine solche Kooperation wie zwischen Jenny Elvers, RTL und der Gala noch ok für Sie?
Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Jenny Elvers hat ihr Leben bislang damit bestritten, Partymädchen zu sein. Sie ist alkoholabhängig geworden und hat, weil sie auch unter finanziellem Druck steht, ihre Alkoholbeichte meistbietend verkauft. Diesen Deal haben nun einige Medien gemacht. Dagegen ist nicht einzuwenden. Die Frage ist nur, wie sauber der Deal ist? Wenn es eine langfristige Vereinbarung geben würde, dass ein Star dann unter besonderen Schutz der Medienpartner stünde, würde es gefährlich. Wir hätten das Interview mit ihr auch gebracht. Wir hätten aber never ever diesen Betrag gezahlt.
Wie hoch war der?
Wie man in der Branche hört  lag der um die 100.000 Euro. Diesen Betrag hätten wir aber nicht gezahlt. Den kann man nicht refinanzieren. So viel Auflagensteigerung ist mit Jenny Elvers nicht möglich. Zudem hat Jenny Elvers wegen ihrer Vergangenheit als Partygirl nicht so eine Strahlkraft, dass die Story auf den gesamten Markenaufbau abstrahlen würde.
Haben also die Absprachen Überhand genommen?
Absolut. Es ist zu viel Pakt. Da ist die Objektivität flöten gegangen. Das haben wir mit Closer aufgebrochen.

Heißt: Die Stars sind sauer auf Closer?
Immer wieder. Der Job von Closer ist es, die Inszenierung mit der tatsächlichen Realität von Stars abzugleichen. Dass wir uns damit nicht immer Freunde machen, kann ich ihnen definitiv bestätigen.
Gab es früher auch schon so viele Absprachen zwischen Medien und Stars?
Das hat sich so eingeschlichen. Es gibt heute ja kaum noch Journalisten, die noch über ein Telefonbuch verfügen und Kontakte haben. Heute erschrecken ja schon viele Journalisten, wenn Sie sagen: Ruf den mal an!
Ehrlich?
Kein Witz. Sie müssen das aber auch aushalten können. Wenn wir mittwochs auf den Markt kommen, dann klingelt das Telefon den ganzen Morgen lang und viele der Promis, die im Heft sind, rufen an. Die einen freuen sich, die anderen sind richtig sauer.
Kämpfen Sie mit offenem Visier und konfrontieren die Stars, bevor sie negativ berichten?
Meistens ja. Wir machen das immer kurz vorher. Man weiß auch: Den Star brauche ich nächste Woche wieder. Über Brad Pitt und Angelina Jolie können Sie ja schreiben, was sie wollen. Deshalb können sie aus Google-Mäusen keine gestanden Journalisten mehr machen.
Hebt sich die Bunte mit ihren vielen recherchierten Storys da nicht ab?
Die Bunte hat über Jahrzehnte einen Superjob gemacht. Mittlerweile ist das Blatt aber so alt wie seine Leser, also um die 60 Jahre. Die Auflage fällt. Nach oben sterben die Leser weg und unten kommen keine mehr nach.
Da steht Closer ja ganz anders da.
In der Tat: Wir erreichen die Frauen zwischen 20 und 49. Als wir angefangen haben, war unsere Idee, dass wir bei der Auflage nach einem Jahr einmal die 100.000 von unten sehen können. Im dritten Quartal lagen wir auf einmal bei fast 180.000. Es war ein fantastisches Jahr. Was wir am Kiosk verkauft haben, hätten die meisten nicht für möglich gehalten – außer Yvonne Bauer.
Wie sieht es denn im ersten Quartal 2013 aus?
Sensationell. Wir haben gerade unseren ersten Geburtstag gefeiert und zum ersten Mal über 200.000 Exemplare am Kiosk verkauft.
Was war auf dem Cover?
Heidi Klum mit Kindern. Danach kam eine Story mit Sylvie van der Vaart, und die lief noch besser. Da haben wir 216.000 im Grosso gemacht. Also zum ersten Mal mehr als Bunte. In diesem Moment konnten wir zum ersten Mal sehen, wohin die Reise wirklich gehen könnte.
Die Perspektive ist noch immer steigend?
Aber sowas von. Wir machen das erst seit einem Jahr und haben jetzt schon den Markt verändert.
Zum Abschluss: Was wäre die schwierigste Zeile für einen People-Chefredakteur?
Stellen Sie sich vor Angelina Jolie und Brad Pitt heiraten wirklich. Dann müssten Sie titeln: „Jetzt heiraten sie wirklich. Wirklich. Wirklich.“

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