Offshore-Leaks: die Story hinter dem Leck

Publishing Die beteiligten Medien nennen es das "Größte Datenleck der Geschichte": 260 Gigabyte Daten, 2,5 Millionen Dokumente, die etwa 120.000 Firmen und 130.000 Personen aus über 170 Ländern listen. Die Dokumente, die in Deutschland dem NDR und der Süddeutsche Zeitung vorliegen, geben bislang nicht gekannte Einblicke in die Welt der Steuerflucht. Neben den Inhalten ist aber auch die mediale Zusammenarbeit interessant, die man in diesem Ausmaß bislang nur von Wikileaks-Veröffentlichungen kannte.

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Um kurz nach 0 Uhr deutscher Zeit war es soweit: Sueddeutsche.de veröffentlichte die ersten Details der "Offshore-Leaks". Kurz zuvor hatte Online-Chef Stefan Plöchinger getwittert: "Wer jetzt noch wach ist: Wachbleiben – für das größte Datenleck der Geschichte. Mehr um fünf nach Mitternacht." Vorausgegangen war dieser Veröffentlichung nach eigenem Bekunden eine monatelange Auswertung. Und nicht nur die SZ analysierte die Daten.
Das "International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)" in den USA hatte das Datenmaterial erhalten – vor mehr als einem Jahr von einem anonymen Informanten, wie es heißt. Das ICIJ gehört zum "Center for Public Integrity", einer in Washington ansässigen, Spenden-finanzierten Organisation, die sich dem investigativen Journalismus verschrieben hat. Über Ländergrenzen hinweg recherchieren Teams dieser Organisation. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse bereits in verschiedenen renommierten Medien. Vieles ist dabei eigene Recherche, das ICIJ ist nicht nur eine Whistleblowing-Plattform wie Wikileaks, auch wenn es zur annoymen Einreichung von Daten aufruft. 
Im Fall der "Offshore-Leaks" arbeitete das ICIJ mit einzelnen Journalisten und Medien auf der ganzen Welt zusammen. In Deutschland sind die SZ und der NDR einbezogen, auch die Schweizer Sonntagszeitung gehört zu den Medienpartnern. International sind weitere große Medienhäuser an Bord: Der Guardian, die BBC, Le Monde, Washington Post und die kanadische CBC sind Teil des Teams. Um die Recherche auf breitere Beine zu stellen sind aber auch Journalisten und Medien aus abgelegeneren Regionen dabei: aus Aserbaidschan,  Armenien, Malaysia und Venezuela etwa.
Das ICIJ gibt an, mit mehr als 86 Journalisten in 46 Ländern zusammengearbeitet zu haben. Hinzu kommen weitere Beteiligte in den einzelnen Partner-Redaktionen. Das ICIJ bezeichnet das Projekt als "vermutlich größte journalistische Zusammenarbeit in der Geschichte". Und tatsächlich ist das Ausmaß der Veröffentlichung beeindruckend. Aufeinander abgestimmt begannen die Medien mit der Publikation ihrer Recherchen und es ist davon auszugehen, dass in den kommenden Tagen weitere Geschichten ans Tageslicht kommen. Dabei konzentrieren sich die Redaktionen auf verschiedene Themen, meist entsprechend ihrer nationalen Ausrichtung und Stärken. Schlüssel-Erkenntnisse werden zusammengetragen und auf Beiträge der Medienpartner verwiesen.
Einige Beispiele: Die SZ begann ihre Veröffentlichungen mit dem Fall Gunter Sachs. Der Millionenerbe versteckte demnach Teile seines Vermögens in komplizierten Firmenkonstrukten in Steueroasen. Der NDR berichtet über die Portcullis TrustNet Gruppe, die für viele der Geldtransfers verantwortlich zu sein scheint und auch mit der Deutschen Bank zusammen arbeitet. Guardian und Sonntagszeitung konzentrieren sich auf die Reichen aus ihrem jeweiligen Land. Le Monde hat den Wahlkampfmanager des französischen Präsidenten François Hollande, Jean-Jacques Augier, genauer im Visier, der ebenfalls Geld in Steueroasen verfrachtet haben soll, ähnlich wie Tony Merchant, Mann einer kanadischen Senatorin, wie CBC berichtet.
Eine solche Breite und Wucht bei einer Veröffentlichung kannte man bisher nur von den Enthüllungen durch Wikileaks. Bei den Afghanistan- und Irak-Dokumenten, sowie bei den Botschaftsdepeschen veröffentlichten ebenfalls internationale Medien aufeinander abgestimmt Rechercheergebnisse. Wikileaks hatte die Daten geliefert. Einige der Medien sind sogar identisch: Erneut ist der Guardian an Bord, der sich hier offenbar einen guten Ruf erarbeitet hat. In Deutschland bekam die SZ durch das ICIJ offenbar den Vorzug vor dem Spiegel. Aber auch der NDR, der bei jüngeren Wikileaks-Publikationen beteiligt war, ist wieder an Bord.
Der Fall zeigt: Obwohl Wikileaks durch interne Querelen, die Anklage gegen Julian Assange und finanziellen Schwierigkeiten weitestgehend von der publizistischen Bildfläche verschwunden ist, ist das Thema Leaking nicht tot. Auch ohne die prominente Whistleblowing-Plattform sind weltumspannende, große Leaks möglich, bei denen international Medien zusammenarbeiten.

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