Das Hitler-Tagebücher-Tagebuch der Zeit

“Hitlers letzter Sieg” steht groß auf dem Titel der aktuellen Zeit. Daneben Hitler, wie man ihn kennt und wie er als Auflagenbringer von deutschen Magazinmachern geschätzt wird. In den locker verschränkten Armen hält er einen ziemlich alten stern. Den mit den berühmten Tagebüchern. In der Zeit schreibt Felix Schmidt, einer der drei stern-Chefs zur Zeit des Skandals um die gefälschten Hitler-Tagebücher, seine Erinnerungen auf. Es ist ein lesenswertes Stück Mediengeschichte. Und keineswegs inaktuell.

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“Der Führer wird immer mitteilsamer” lautet die sinnige Überschrift im Innenteil der Zeit. Sinnig darum, weil der Satz so wunderbar den Knackpunkt dieser unglaublichen aber wahren Geschichte beschreibt. Den Tipping Point, an dem die berauschten Herren der Gruner + Jahr Chefetage den Braten hätten riechen müssen, der ihnen vom schwäbischen Schlitzohr Konrad Kujau und dem sehr seltsamen Reporter Gerd Heidemann da untergejubelt wurde. Dass immer mehr Tagebücher auftauchten, je weiter der damalige G+J-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen die Taschen aufmachte, die zudem immer dicker und immer teurer wurden, war vielleicht das deutlichste Indiz, dass da eine Produktion am Laufen war, die nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage funktionierte. Insgesamt zahlte der Verlag 9,3 Millionen D-Mark. In bar!

Die Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher liest sich auch heute, 30 Jahre später, wie ein spannende Krimi-Groteske. Einmal mehr wird einem bewusst, dass Helmut Dietl mit seiner filmischen Aufarbeitung des Themas in “Schtonk!” keine Satire abgeliefert hat, sondern eine Art Dokumentarfilm. Auch aus medienhistorischen Gesichtspunkten heraus ist die Story in der Zeit lesenswert. Dass die stern-Redaktion damals so selbstbewusst und mächtig war, dass aus ihren Reihen heraus die Forderung gestellt wurde, dass im Vorstand und Chefredaktion “Köpfe rollen” müssen, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

Andere Dinge sind dagegen womöglich heute noch möglich. Zum Beispiel die schizoide Bereitschaft von Verlagsmanagern einerseits eisern zu sparen und andererseits für abstruseste Dinge unvorstellbar viel Geld auszugeben. So wie bei Gerd Schulte-Hillen, der in der Zeit-Geschichte als jemand rüberkommt, der sich nicht seiner Verantwortung stellt.

Und die Story vom Skandal um die Hitler-Tagebücher zeigt ganz unabhängig vom eigentlichen, konkreten Fall, wie sich Fehler in hierarchischen System (wie es Medien-Unternehmen nun einmal sind) fortpflanzen und multiplizieren können. So schreibt Schmidt an einer Schlüsselstelle des Textes: “Wie hat dies geschehen können? Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort, nur Erklärungen. Zuvörderst die, dass durch die Kungelei zwischen Vorstand und zwei Redakteuren, durch die Verwischung der Zuständigkeiten über alle hierarchischen Instanzen hinweg ein Klima geschaffen worden war, in dem sich keiner mehr so richtig verantwortlich fühlte, jeder glaubte, der andere habe die Verantwortung übernommen.”

Was sich durch Schmidts Erinnerungen an das Fiasko mit den Hitler-Tagebüchern zieht wie ein roter Faden, ist die Aneinanderreihung der verpassten Chancen. Ständig waren da Momente, da jemand hätte aufstehen können und sagen müssen: Stop! Aber ein Moment nach dem anderen verstrich, die Dinge nahmen ihren Lauf. So geschieht das auch heute noch. Jeden Tag in zig Konferenzen, zu zig Gelegenheiten in zig Unternehmen. Nicht immer kommen so dicke Dinger dabei heraus wie gefälschte Hitler-Tagebücher oder Schlimmeres. Manchmal aber eben doch.

Also: ein wirklich lesenswertes Stück, das die Zeit da in ihrem Dossier veröffentlicht hat. Bleibt nur eine Frage: Warum um Himmels Willen wählte die Zeit die schiefe Titel-Zeile “Hitlers letzter Sieg”? Da hätte in der Titelkonferenz vielleicht jemand aufstehen müssen und rufen: Stop!

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