Zum WAZ-Geburtstag “mal was Kritisches”

Die WAZ feiert heute ihren 65. Geburtstag. Zu Feierlaune besteht aber kein Anlass. Bei der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) haben schlechte Nachrichten derzeit Konjunktur. Hunderte Stellen abgebaut, eine komplette Redaktion freigesetzt. Geschäftsführer Manfred Braun hat Journalismus gerade öffentlich abgewertet. Und der WAZ-Chef gratuliert sich und seinem Blatt mit einen abstrusen Wünsch-Dir-Was-Artikel im “Frag doch mal die Maus”-Stil. Es ist ein Trauerspiel.

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Wie Hohn mutet es an, was der WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz aktuell zum 65. Geburtstag seiner gebeutelten Zeitung schreibt. Unter der Überschrift “So entsteht eine kritische Geschichte mit Nutzwert für die Leser” (kein Witz, das ist wirklich die Überschrift) fabuliert Reitz im “Frag doch mal die Maus”-Stil über Daten-Journalismus und wünscht sich von seiner Redaktion zum Zeitungsgeburtstag „mal was Kritisches“. Und zwar „am besten irgendwas mit Bergbau“. Die Redaktion soll herausfinden, “welche Häuser und Grundstücke im Revier in welcher Straße wie gefährdet sind durch den Bergbau der jüngeren Vergangenheit”. “Ja, und das machen die jetzt”, schreibt WAZ-Chef Ulrich Reitz in Dudu-Sprache.
Er hätte sie auch damit beauftragen können herauszufinden, welche Redaktionen und Abteilungen der WAZ-Medien wie gefährdet sind durch die Sparrunden der jüngeren Vergangenheit. Das wäre womöglich auch interessant und mit Sicherheit kritisch.
“Zeigen Sie uns mit Scoopshot die nervigsten Schlaglöcher”, heißt es beim Online-Portal der WAZ, derwesten.de. Einen ähnlichen Aufruf startete die WAZ in ihrer Print-Ausgabe, wie das PottBlog dokumentiert: “Schicken Sie uns ihre Bilder!”. Die WAZ nutzt hierfür die App Scoopshot, mit der man Fotos gegen Honorar selbst vermarkten kann. Pro veröffentlichtem Schlagloch-Foto will die Zeitung 20 Euro zahlen.
Die Leserreporter-Aktion passt zu den Aussagen, die Funke-Geschäftsführer Manfred Braun gerade in einem Interview getätigt hat. Zeitungsredakteure würden Zeitungen “für sich und die Journalistenkollegen” produzieren, die Leser würde man dabei vergessen. Für die Leser sei "lebendige und lesernahe Lokalität sowie die Berechenbarkeit der Inhalte-Platzierung" wichtig, meint Braun. Das Erzählen von Geschichten, mithin klassischer Journalismus werde dagegen “von den Lesern nicht in der Wertigkeit wahrgenommen.”
Diese Aussagen in gespreiztem Buchhalter-Deutsch passen zur Schlagloch-Aktion. Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht wie Orientierung am Leser-Interesse. Nimmt man aber hinzu, was das Blog Ruhrbarone gerade berichtet hat, bekommt die Sache eine andere Richtung: Der Betriebsrat der WAZ-Zeitung NRZ (Neue Ruhr Zeitung) informiert über eine neuerliche WAZ-Sparrunde. So sollen u.a. am Content-Desk der WAZ 21 Stellen wegfallen, im Foto-Pool sollen 20 von 41 Stellen gestrichen werden. Braucht man vielleicht nicht mehr so viele Fotografen, weil man künftig die Zeitung bequemer und kostengünstiger mit Leser-Fotos befüllen kann?
Eine solche Denke wäre den WAZ-Managern zuzutrauen. Wenn WAZ-Männer von Qualität reden, lässt der nächste Sparhammer meist nicht lange auf sich warten. Eine Entlassungswelle folgte in der Vergangenheit auf die nächste. Bis Ende 2009 baute die Gruppe rund 600 Stellen ab. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus nannte das technokratisch und reichlich unsensibel einen “Abschmelzungsprozess”.
Anfang 2013 wurde die gesamte Belegschaft der defizitären Westfälischen Rundschau gefeuert. Die Zeitung erscheint weiter, zusammengestoppelt aus Inhalten, die teils von der Konkurrenz, teils von anderen Funke-Blättern stammen. Und im März folgte die Nachricht, dass weitere 200 Jobs abgebaut werden sollen.
Die Gründe für die jüngsten Verschärfungen des Sparkurses sehen manche Beobachter in den Veränderungen der Gesellschafterstruktur des Medienhauses. Früher gehörte die WAZ-Gruppe zu gleichen Teilen den beiden zerstrittenen Familienstämmen Brost und Funke. Anfang 2012 haben Günther Grotkamp und seine Frau Petra, die den Funke-Stamm repräsentieren, die Eigentümer des anderen Stammes ausgezahlt. Für die Finanzierung des 500-Millionen-Deals musste jedoch ein Kredit aufgenommen werden. Mit anderen Worten: Die neuen Allein-Eigentümer wollen sich keine Verluste im Zeitungsgeschäft leisten.
Dazu passt, dass im August 2012 der ehemalige Metro-Manager Thomas Ziegler als CFO eingestellt wurde, der nun mit harter Hand über den WAZ-Finanzen wacht. Ihm und den beiden Geschäftsführern Braun und Nienhaus mag es mit ihrer Rasierer-Methode sogar gelingen, die NRW-Zeitungen der Funke-Gruppe in schwarzen Zahlen zu zwingen. Das Trio hat es ja auch fertiggebracht, den feuchten Controller-Traum von der Zeitung ohne Redakteure (Westfälische Rundschau) wahr werden zu lassen.
Von Ideen, wie man mit den Herausforderungen der Digitalisierung umgeht oder gar von Strategien, wie guter Journalismus künftig finanziert werden kann, ist nichts zu sehen oder zu hören. Die einzig vernehmbare Antwort auf diese drängenden Zukunftsfragen lautet: Sparen. Um mit den Worten des WAZ-Chefs zu sprechen: Ja, und das machen die jetzt.
Aber das wird nicht reichen.

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