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DuMont: Roman-Verriss im eigenen Blatt

Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, 86, schreibt seit einigen Jahren Romane. Just ist sein Buch "Drei Mütter" erschienen. Unter der Überschrift "Hymne an die Frauen" hatte Mitte März der Germanist Walter Hinck eine eher deskriptive Besprechung in der DuMont'schen Berliner Zeitung veröffentlicht. Zwei Wochen später schießt Feuilletonist Arno Widmann ebendort quer: Das Buch des Verlegers sei nicht gut geschrieben und zudem schlampig lektoriert. Nach Erscheinen des MEEDIA-Artikels wurde die Buchkritik gelöscht.

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"Ein Blick in die Bilanzen der Unternehmen seiner Mediengruppe" wäre ihm lieber gewesen, notierte Widmann und fuhr fort: "Es sieht derzeit so schlecht aus für Zeitungen, dass ich doch ein klitzeklein wenig mehr an Zahlen als an der blauen Blume interessiert bin", findet Widmann angesichts des neuen Romans des Verlegers, der bei Hoffmann und Campe erscheint. Widmann schreibt für die ehemaligen DuMont-Schwesterzeitungen Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, die in Berlin eine gemeinsame Mantelredaktion aufgebaut hatten. Die Rundschau, deren Feuilletonchef Widmann einmal war, wurde in den vergangenen Monaten in die Insolvenz geschickt und an die FAZ verkauft. Auch im Berliner Verlag schlug DuMont einen Sparkurs ein, dem Stellen zum Opfer fallen. Die zuletzt im Bundesanzeiger veröffentlichte Bilanz des Kölner Verlags ist die des Geschäftsjahres 2011.
Widmanns Text erschien am 28. März in der Bücherkolumne "Vom Nachttisch geräumt" und ist auf den Web-Angeboten von FR und Berliner Zeitung nachzulesen. (Nachtrag: Seit dem Nachmittag des 3. April nicht mehr). Alterswerke seien die Romane Neven DuMonts, befand der Kritiker. Der Verleger nehme keine Rücksichten mehr, weder auf "Pingeligkeiten" noch auf political correctness: "Man blickt in den Gefühlshaushalt einer der entscheidenden Unternehmer der Bundesrepublik." Doch gefallen hat Widmann das Buch in literarischer Hinsicht nicht. Und noch mehr: Der Autor legte dem Patriarchen nahe, sich zu entscheiden. Für den Verlag oder für die "Flucht" in die Literatur. Denn: "Ein alter Mann hat das Recht auf jede Art von Flucht. Aber hier will einer fliehen und festhalten zugleich. Er will den Konzern lenken und zu den Müttern. Das muss schiefgehen."
Als kleine Bösartigkeit hatte Widmann ans Ende seiner Kurzbesprechung dem Literaturhinweis zu "Drei Mütter" einen weiteren hinzugefügt, auf ein Buch mit dem Titel "Avantgardismus der Greise – Spätwerke und ihre Poetik" Das tatsächlich existente Buch setzt übrigens ein Fragezeichen statt eines Gedankenstrichs in der Überschrift, aber das sind Pingeligkeiten. Bemerkenswert ist, dass Widmanns Text es überhaupt zur Veröffentlichung gebracht hat, denn Neven DuMonts Werke sind in der Regel zumindest in seinen eigenen Blättern sakrosankt. Die Mitte März erschienene Besprechung des anerkannten Germanistikprofessors Hinck, 91, der bis 2010 im nahe Köln gelegenen Rösrath wohnte, wo auch der Verleger lebt, war da wesentlich wohlwollender verfasst.
Widmann hat Übung im Rezensieren der Bücher des Verlegers. Ausführlich befragt hat er Neven ebenfalls schon. Die elegante Art ist es vielleicht nicht, dem eigenen Verleger auf dem Terrain dessen literarischer Bemühungen ans Bein zu pinkeln, auch wenn dies dem Binnenpluralismus im Hause dient. Doch Widmann erinnerte auch daran, dass es eine verlegerische Verantwortung gibt, die der Aufsichtsratschef Alfred Neven DuMont zumindest in seiner Wahrnehmung zu vernachlässigen scheint. Wenn ein Feuilletonist verlangt, die Literatur solle zugunsten der Bilanzen schweigen, dann ist dies zumindest eine hochgezogene Augenbraue wert. 

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