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Medien entdecken ihre Liebe zum Schlager

Viele Jahre fristete der Schlager ein Nischendasein in den großen Medien, obwohl Andrea Berg, Helene Fischer oder Heino in den Charts gut platziert waren und selbst große Hallen spielend füllen. Seit einigen Wochen lässt sich jedoch ein Wandel bei vielen Blattmachern und TV-Managern feststellen. Sie halten Berg, Fischer & Co. offenbar wieder für salonfähig. Statt Schalplatten sollen die Schnulzen-Profis nun auch Blätter verkaufen und die TV-Quoten pushen. Ein Plan, der aufzugehen scheint.

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Zumindest aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen war der Schlager, vor allem in seiner volkstümlichen Ausprägung, nie ganz verschwunden. Ob nun Musikantenstadl, Andy Borg oder Marianne und Michael: Die Schunkel-Shows holten ihre Quoten und beglückten eine meist ältere Zielgruppe. Tatsächlich geben sich die Programmplaner seit einiger Zeit jedoch größte Mühe, die singenden Skilehrer, Trompete spielenden Berg-Bauern und andere Trachtenjodler aus ihrem Programm zu verbannen. Volksmusik scheint ein Auslaufmodell.

Anders der klassische Schlager. Helene Fischer scheint auf dem besten Weg zu sein, zu einer deutschen Céline Dion zu werden. Dank Produzent Dieter Bohlen ist Andrea Berg sowieso längst bei RTL angekommen. Bestes Beispiel für das medial bestens eingespielte Doppel Berg und Bohlen war die „Deutschland Sucht den Superstar“-Ausgabe vom vergangenen Samstag mit Schlager-Schwerpunkt.

Nachdem der Versuch mit den Tokio-Hotel-Twins Tom und Bill Kaulitz in der Jury kein Zuschauerfeuerwerk auslöste, sondern vielmehr regelmäßig Quoten-Enttäuschungen produziert, setzen die RTL-Macher jetzt verstärkt auf die Schlager-Karte. Gleich zwei "DSDS"-Kandidaten sind mittlerweile auf deutsche Party- und Schnulzen-Hits programmiert. Zudem wurde Andrea Berg live als Telefonjoker in die Sendung zugeschaltet.

Zwei Tage später macht auch die Bild schon wieder mit Berg auf. Zeile: „20 Nazis im Bus von Andrea Berg!“. Die Story mit der Sängerin recht wenig zu tun. Nach ihrer letzten Konzertreise verkaufte die Aspacherin ihren Tour-Bus, samt Werbeaufkleber an einen Reise-Unternehmer. Dieser vermietete den Wagen nun am Wochenende an ein paar Neonazis, die zu einer Demo wollten.

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Die eigentliche Verbindung zu Berg ist mehr als dünn. Trotzdem reichte es für die Titelseite der Bild. Spätestens seit dem erfolgreichen Heino-Comeback, das ohne die massive Unterstützung der Bild kaum möglich gewesen wäre, setzt die Berliner Boulevard-Redaktion wieder verstärkt auf die Schlager-Stars. So wurde auch Roland Kaisers „Tatort“-Hauptrolle mit einer Titelstory begleitet, genauso wie Helene Fischer längst zum Stammpersonal der People-Berichterstattung gehört.

Die 28-Sängerin ist das wohl größte Phänomen im Schlager-Zirkus. Anders als Andrea Berg, Heino & Co. hätte sie wohl tatsächlich das Zeug dazu den Sprung aus der Schnulzen-Ecke auf die großen Pop-Bühnen zu schaffen. Bei der Echo-Verleihung gab sie unter der vermeintlichen deutschen Musik-Elite eine gute Figur ab. Einen Tag später waren sich fast alle Beobachter einig. Die Top-Quote von 3,73 Millionen Zuschauern verdankt die Preisverleihung vor allem Fischer und ihrer großen Fan-Gemeinde. Immerhin konnte die Sendung im Vergleich zum Vorjahr 1,15 Millionen Zuschauer hinzugewinnen.

Zu einem ähnlichen Effekt könnte es beim vergangenen Münster-„Tatort“ gekommen sein. Dort spielte Roland Kaiser neben den Star-Ermittlern Thiel und Boerne die zweite Hauptrolle. Bei den Zuschauern knackte der Film mit 12,81 Millionen sogar die Top-Quoten des ersten Schweiger-Krimis (12,74 Mio.). Dieser hatte den Münsteranern gerade erst die Spitzenposition abgeluchst. Möglicherweise waren die Schlagerfans genau die Zuschauer, die die Axel Prahl und Jan Josef Liefers fehlten, um Schweiger wieder zu überholen. Statt den romantischen Heilewelt-Film im ZDF zu schauen, schalteten diesmal ein paar hunderttausend Kaiser-Anhänger zum Klamauk-Krimi in die ARD. Wo die Quote herkam, dürfte den Produzenten egal sein. Hauptsache die Zahlen stimmen.

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