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“Lerchenberg”: Selbstironie für Anfänger

Wenn man über die Miniserie “Lerchenberg” im ZDF spricht oder schreibt, muss folgender Begriff fallen: Selbstironie. In “Lerchenberg”, das heute bei ZDFneo ab 22.45 Uhr erstmals gesendet wird, spielt Sascha Hehn eine arrogante, verarmte Version seiner selbst. “Lerchenberg” ist für das Zweite im Jubiläumsjahr eine Art Fingerübung in Selbstironie für Anfänger. Auf den zweiten Blick (mit dem man ja angeblich besser sieht) ist nicht alles daran gelungen. Sehenswert ist “Lerchenberg” trotzdem.

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Die ambitionierte ZDF-Redakteurin Sybille Zarg (Eva Löbau) bekommt für ihr Filmprojekt Altstar Sascha Hehn aufgedrückt. Nachwuchs-Intrigantin Judith (Cornelia Gröschel) sorgt dafür, dass “dem Sascha” seine Comeback-Mission bei “der Billie” kleben bleibt wie Scheiße am Schuh. Und so werden einige der beliebtesten ZDF-Klischees im Schweinsgalopp abgehakt: verknöcherte Anstalt, unfähige Bürokraten, selbstherrliche Chefs (sehr gut: Karin Giegerich als “dem Sascha” seine alte Flamme Dr. Elisabeth Wolter), Fastnachts-Tick, Mainzelmännchen usw.

“Der Sascha” und seine unfreiwillige Assistentin probieren einige TV-Formate aus: Remake einer klassischen Serie (“der Sascha” und Wayne Carpendale in “Ein Fall für Zwei”), Kochshow und Dokusoap (“Sascha- Hautnah”). Die Formate dann so ein bisschen durch den Kakao gezogen. Schön ist eine Szene in der ersten Folge, in der “der Sascha” einen autistischen Rollstuhlfahrer spielt.

Im Laufe der vier Folgen á 23 Minuten stellt sich heraus, dass “der Sascha” zwar selbstverliebt und arrogant ist, aber sein Herzerl dann doch irgendwie am rechten Fleck hat. Außerdem ist er verarmt, weil er natürlich in schrottige Ost-Immobilien investierte. Und wenn “der Sascha” dann im abgewetzten Mantel im Schatten des Stromberg-grauen ZDF-Gebäudes vor seinem Zelt hockt und Schnaps aus der Flasche süffelt, dann sind das die eher schlechteren Momente von “Lerchenberg”. Schlecht, weil zu übertrieben und zu unkomisch.

Die guten Momente, von denen es zum Glück einige gibt, sind jene, bei denen “Lerchenberg” dahingeht, wo es wehtut. Der lapidare Hinweis des Abteilungsleiters, dass “wegen ein paar Fußballkarten” beim ZDF noch nie jemand gefeuert wurde. Die Redaktionsleiterin, die mit ihrem Tross aufs Traumschiff umzieht und eine frustrierte Vorzimmerdame zurücklässt. Besonders nett: “heute journal”-Frau Gundula Gause als Fastnachts-Teufelin, die sich darüber aufregt, dass man sie nur in Kombi mit Claus Kleber auf einem Foto haben will.

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Da hat man den Eindruck, dass viel Wahrheit drinstecken könnte in den Anspielungen. Insofern ist “Lerchenberg” durchaus mutig. Am Ende wird sogar der ZDF-Slogan veralbert und “der Sascha” taucht in seiner Kapitänsuniform auf. Man hat immer noch kein Format für ihn gefunden und er macht den Witz, dass er ja aufs “Traumschiff” zurückgehen könnte: “Aber nur als Kapitän!”. “Der Sascha” und seine Billie schauen sich kurz an und lachen – wirklich eine bescheuerte Idee. Dass die Wirklichkeit noch irrer ist, ist eine gute Schluss-Pointe.

Der Stil von “Lerchenberg” erinnert entfernt an Reality-Comedy-Formate wie “Curb your enthusiasm” von “Seinfeld”-Macher Larry David. Das gilt vor allem auch für die Gast-Auftritt bekannter Fernseh-Leute. Sascha Hehn hat sichtlich Lust an der Selbst-Parodie, übertreibt es zuweilen aber auch mit dem arrogant aufgesetzten Blick und dem Augenrollen. Und die Drehbücher begnügen sich damit, Anspielung an Anspielung zu reihen. Für vier mal 23 Minuten reicht das aus, um sich gut unterhalten zu lassen. Würde die Reihe länger laufen, müsste man da noch eine Schippe drauflegen.

Versteckt wird “Lerchenberg” zunächst heute abend um 22.45 Uhr bei ZDFneo. Wiederholt wird die Reihe dann in Doppelfolgen am 5. und 12. April um 23 Uhr nach der “heute show” im ZDF-Hauptprogramm. Das ist gar kein schlechter Sendeplatz. Nach Ansicht der Serie kann man die Scheu der Verantwortlichen vor einem früheren Sendeplatz sogar nachvollziehen. Ob die typische, ältere ZDF-Zuschauerin tatsächlich auf den ersten Blick erkennt, dass “der Sascha” aus “Lerchenberg” nicht unbedingt zu 100 Prozent deckungsgleich ist mit Sascha Hehn aus “Schwarzwald Klinik” und “Traumschiff”, darf man schon hinterfragen.

So bleibt am Ende ein zwiespältiges Gefühl zurück. Einerseits toll, dass sich das ZDF ein solches Format traut. Andererseits schade, dass man den Eindruck hat, dass es bei dieser kleinen Fingerübung in Selbstironie im Nachtprogramm bleiben könnte.
Alle vier "Lerchenberg"-Folgen können vorab bereits in der ZDF-Mediathek angeschaut werden

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