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Globale Internetattacke war nur ein Fake

Der Himmel wird uns auf den Kopf fallen! Diesen Eindruck konnte man gewinnen, wenn man am Mittwoch Tech-Medien verfolgte. Von einer international geplanten und global ausgeführten Cyberattacke war die Rede: Spammer vs. Spam-Gegner. Virtuelle Armeen rüsteten angeblich für einen Internetkrieg, der den gesamten Webtraffic weltweit stoppen könnte. Nun stellt sich heraus: Offenbar war der Welt-Hackerkrieg nur eine Inszenierung, womöglich ein Werbe-Gag für involvierte Unternehmen.

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Was war passiert: Tech-Medien waren voll von Berichten über einen Cyberkrieg zwischen zwei Fronten: Spamhaus, eine niederländischen Anti-Spam-Organisation, und Cyberbunker, ein Hoster, der mit Spammern in Verbindung gebracht wird. Cyberbunker soll Berichten zufolge, unter anderem bei New York Times und Spiegel Online (auch MEEDIA berichtete), eine großangelegte Attacke auf Spamhaus-Server gestartet haben. Attacke bedeutet in diesem Fall: Server werden mit riesigen Datenmengen überflutet, bis sie unter der Last zusammenbrechen.
Die Masse an Daten sei so immens gewesen, hieß es in Medienberichten weiter, dass sie das weltweite Web in seinen Grundfesten erschüttert würde. 300 Gigabit pro Sekunde würden über diverse Knotenpunkte überall auf der Welt auf die Anti-Spammer einprasseln. Das wäre wahrlich eine Cyberattacke ungeahnten Ausmaßes. Die Folge: Stau auf der Datenautobahn. Überall auf der Welt sei das Internet verlangsamt. Die Daten stammen von CloudFlare, ein auf Hosting und Websicherheit spezialisiertes Unternehmen, das Spamhaus in der Sache unterstützt.
Im Unternehmensblog veröffentlichte man einen Eintrag mit dem reißerischen Titel “The DDoS That Almost Broke the Internet”. Es folgen Erklärungen über die Intensität der Angriffe und wie man sie bekämpfte. Der Artikel endet mit den Worten: “Unser Ziel bei CloudFlare ist es, dass man über DDoS-Attacken künftig nur noch in Geschichtsbüchern liest.” Man sei stolz darauf, wie das eigene Netzwerk unter dem enormen Druck funktioniert hätte und arbeite weiter daran, dass das Internet wieder “aufstehen und der Bedrohung ins Auge” sehen könne.
War das Web tatsächlich lahmgelegt? Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Der US-Blog Gizmodo machte sich die Mühe, CloudFlares Behauptungen einem Fakten-Check zu unterziehen: Statistikdienstleister wie InternetTrafficReport und große Hosting-Unternehmen außerhalb der Niederlande dementierten eine Verlangsamung des weltweiten Traffics. Amazon, größter Cloudspeicher-Anbieter weltweit, vermeldete keine Auszeiten. Der Streaming-Anbieter Netflix ebenfalls nicht.
Wo war das Web denn nun in seinen Grundfesten erschüttert? Hat CloudFlare gelogen? Gab es keine Cyberattacke? Doch. Allerdings scheint sie nicht annähernd so groß gewesen zu sein, wie im CloudFlare-Blog beschrieben. Es ist ein niederländischer Cyberkrieg, kein globaler. Global war nur der Hype um die totale Internet-Apokalypse. Angefangen bei der New York Times machte die Nachricht von der Cyberattacke im Untergrund weltweit die Runde. Eine Nachrichte, die Cloudflare zu Werbezwecken zu nutzen wusste. Gizmodo bringt den schönen Vergleich vom Pharma-Unternehmen, das im Firmenblog vor einer weltweiten Seuche warnt und in einem Atemzug die passenden Medikamente verkauft.

Wer noch zweifelt: Der German Commercial Internet Exchange, kurz DE-CIX, ist der größte Internet-Knoten Deutschland mit Sitz in in Frankfurt am Main und gemessen am Daten-Durchsatz der größte der Welt. Wirft man einen Blick auf die Statistiken, sind Raten von 1,5 Terabit pro Sekunde normal. Selbst 2,4 Terabit pro Sekunden stellen nicht wirklich ein Problem dar. Geschätzte 300 Gigabit pro Sekunde an Daten – damit lässt sich ein durchschnittlicher Hoster eventuell aus dem Konzept bringen. Einen Internetknotenpunkt, und vor allem gleich mehrere weltweit, hebt man damit noch lange nicht aus den Angeln.

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