Die Regierungserklärung der Julia Jäkel

Der G+J-Masterplan sieht wie folgt aus: So viele Grausamkeiten wie möglich in die Bilanz des vergangenen Jahres stecken und dann mit einem freien Rücken wieder in die Offensive gehen. Während der Bilanz-PK zu 2012 skizzierte Deutschland-Chefin Julia Jäkel ihren Plan, wie sie die Hamburger wieder zum "führende Haus der Inhalte" machen will. G+J müsse dazu "schneller, besser, effizienter und digitaler" werden. Im Gegensatz zu Springer oder Burda will Gruner digital vor allem journalistisch wachsen.

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Seit Herbst des vergangenen Jahres ist die 41-Jährige die Frontfrau des Zeitschriftenverlages und seiner weltweit über 11.500 Angestellten. In einer Art Regierungserklärung beschrieb sie nun in Hamburg, wie sie das Verlagsdickschiff wetterfest machen und hin zu neuen Ufern steuern will. Dabei hat Jäkel, wie auch der gesamte Vorstand, mit der ungewöhnlichen Situation zu kämpfen, dass sich der gefühlte von dem tatsächlichen Ist-Zustand des einst so  stolzen Medienhauses kräftig unterscheidet. In der Wahrnehmung vieler Mitarbeiter und Beobachter liegen hinter Gruner + Jahr harte, wenn nicht gar grausame Monate.
Der Verlag verlor mit Bernd Buchholz seinen Vorstandsvorsitzenden, das gesamte Segment der Wirtschaftspresse wurde – bis auf kleine Ausnahmen – dicht gemacht oder verkauft, bei der Digitalisierung ziehen Häuser wie Springer und Burda immer schneller davon und die Auslandstöchter in Südeuropa leiden besonders unter der Eurokrise und ihren Folgen.
Genau diese Probleme spiegelt die Bilanz: So liegt der bereinigte Umsatz bei 2,218 Milliarden Euro (2011: 2,287 Milliarden Euro), das Operating EBIT bei 168 Millionen Euro (2011: 233 Millionen Euro). Am Ende steht ein Fehlbetrag von 11 Millionen Euro.
Trotzdem sagt Jäkel über die vergangenen Monate. "Wir haben sehr vieles angestoßen. Wir haben viel gemacht". Tatsächlich liegt die Managerin mit dieser Aussage richtig. Klar wie selten definiert sie zudem ihr Ziel für die kommenden Jahre. Sie will Gruner + Jahr zum führenden Content-Haus formen. Immerhin gehe es um nicht weniger, als um die Zukunft "eines der großen Inhaltehäuser der Welt".
Erreichen will sie dies über ein Programm, dass sich in die Schlagworte "schneller", "besser", "effizienter" und "digitaler" aufsplitten lässt.
– Unter dem Schlagwort "besser" versteht Jäkel, dass man den etablierten Marken wieder zu neuem Glanz verhelfen müsse. Dazu legten in den vergangenen Monaten und Wochen die neuen Chefredakteure Stephan Schäfer, Christian Krug und Dominik Wichmann bereits Hand an die Brigitte, die Gala und den stern. Alle drei Magazine wurden überarbeitet.

Frisch überarbeitet: stern, Brigitte, Gala


Neben einem dicken Lob für die Brigitte zeigte sich Jäkel von der Gala begeistert. Seitdem sich das neue Team um Christian Krug um das Magazin kümmere, hätte vor allem eine Redaktion die wichtigen People-Themen in Deutschland gesetzt: die Gala. "Genau das erwarte ich auch von einem People-Magazin. Die neue Gala ist aufregender und unterhaltsamer geworden".

Besonders angetan war die Chefin natürlich auch vom Relaunch "unseres Flaggschiffes", des stern. Trotz der gravierenden Veränderungen gehe die Mannschaft um Chefredakteur Wichmann mit großem Respekt vor der publizistischen Tradition an die Arbeit.
Laut Jäkel waren all diese Veränderungen dringend notwendig. Tatsächlich kann gerade die neue Deutschland-Chefin mit einer solchen Besinnung auf Inhalte und den Markenkern gleich mehrere Erfolgsgeschichten vorweisen. Vor ihrem Vorstandsjob brachte sie die Food- und Wohn-Titel exakt nach diesem Strickmuster wieder zum Blühen. Bei der Auflage und den Anzeigen. Dieses Erfolgsmodell transferiert Jäkel nun auf die anderen Verlagssegmente.
– Unter dem Schlagwort "schneller" versteht die Managerin vor allem eine Erhöhung der Innovationsgeschwindigkeit. Neue Hefte sollen fixer entwickelt und in den Markt gebracht werden. Positivbeispiele seien hierfür Beef!, Couch oder Woman’s Health, die alle zügig entwickelt wurden und jeweils neue Segmente erschlossen hätten.


Schnelle Erfolgsgeschichten: Beef!, Couch, Women’s Health


Die andere Seite der Medaille: Wenig erfolgreiche Projekte sollen ebenfalls schnell wieder eingestellt werden. Beispiele dafür: Season und Juno.
Natürlich soll der Verlag auch effizienter werden. Die Umsatzrendite lag im vergangenen Jahr bei unter acht Prozent. Springer kam selbst in seinem Print-Geschäft auf einen Wert von über 20 Prozent. Das bedeutet auch, dass sich das ganze Haus auf weitere Einsparungen einstellen muss. Wenn beispielsweise Bertelsmann ein Programm auflegt, um Kosten im Verwaltungssektor zu sparen, gilt dies auch weiterhin für Gruner + Jahr.
Tatsächlich gehören zum stern-Relaunch auch erhebliche Änderungen im Workflow, flachere Strukturen und – langfristig – auch einiges an Kosteneinsparungen. Allerdings: "Das Ziel lautet immer: Wir wollen ein perfektes Umfeld für journalistische Spitzenleistungen schaffen". Jäkel sagt aber auch: "effizienter zu arbeiten ist für Gruner + Jahr lebensnotwendig. Journalistische Unabhängigkeit braucht wirtschaftliche Unabhängigkeit."
An dieser Stelle folgt die für die Belegschaft wohl wichtigste Botschaft: "Ich glaube an die Kraft von Print".


Digitaler Erfolg: Geo verkaufte bereits über 40.000 Apps

– Als vierte große Aufgabe sieht die Vorstandsfrau die Digitalisierung. Für sie ist klar: "Wir müssen viel digitaler werden". Eine Einschätzung, die auch die Gesellschafter teilen würden. "Wir unterscheiden uns dabei allerdings von anderen Verlagen". Zwar schaue man mit großem Respekt auf andere Häuser, doch diese "erzielen große Teile ihres Digitalgeschäfts außerhalb des journalistischen Kerngeschäftes". Genau das will die Bertelsmann-Tochter nicht. Gruner + Jahr soll eng bei den Presse-Inhalten bleiben. Bei den meisten anderen Aktivitäten käme man wohl auch immer wieder den Expansionsplänen der Konzernzentrale in Gütersloh in die Quere.
Die Hamburger glauben, dass sie mit ihren "nicht news-getriebenen Inhalten" über "Evergreen-Content" verfügen würden, der in der digitalen Welt eine noch größere Chance hätte, beim richtigen Empfänger anzukommen. Zudem wäre die Bereitschaft für solche Inhalte zu zahlen noch größer. Eine ungewöhnliche Einschätzung.
Grundsätzlich soll das Kerngeschäft weiter digitalisiert werden, die Web- und Mobil-Vermarktung weiter wachsen und durch Zukäufe das gesamte Online-Geschäft weiter ausgebaut werden. Der Vorstand hat dafür sogenannte "Communitys of Interest" identifiziert. Also Segmente, in denen der Verlag in der Print-Welt bereits stark ist und nun auch noch im Web wachsen will. Bestes Beispiel dafür ist Chefkoch.de. Gruner + Jahr war schon immer im Food-Bereich stark. Durch den Kauf der Koch-Community sind sie im Web und beim User-Generated-Rezept-Content die Nummer eins.
Bei der Frage nach möglichen Übernahmen blieb das Management allerdings höchst vage. Ebenso bei der Frage, ob Gruner + Jahr mit der Huffington Post kooperieren wird. "Kein Kommentar", war die einzige Antwort von der Chefin dazu. Ein klares Dementi klingt anders.
Mit ihrer Regierungserklärung präsentierte Jäkel ein stimmiges Konzept, dem es an vielen Stellen allerdings noch an Konkretem fehlt. Über Akquisitionen reden und tatsächlich einkaufen, sind zwei paar Schuhe. Doch so lange ist die Managerin noch nicht am Ruder. Sie weiß selbst: "Dieser Weg wird seine Zeit dauern. Die Weiterentwicklung der Blätter wird dauern. Das wissen wir und unsere Gesellschafter". Deshalb werde man in den kommenden Jahren "bewusst darauf verzichten, Rekordergebnisse zu publizieren".
Auf seinen Anteil am Gewinn wird der Mutterkonzern dabei allerdings keinesfalls verzichten. Die Gewinne der Hamburger sollen auch weiterhin an die Eigentümer (Bertelsmann, Familie Jahr) fließen.
Finanz-Vorstand Achim Twardy deutet zumindest schon einmal an, dass der Verlag 2013 wieder einen angemessen Jahresüberschuss ausweisen kann. Und auch das Jahresergebnis 2012 werden einige Mitarbeiter als gar nicht so schlimm empfinden. In Deutschland, Frankreich und den USA zahlt der Verlag immer noch eine Basisgewinnbeteiligung. Bei ihrer Berechnung spielen Einmalaufwendungen keine Rolle. Damit die Hamburger auch künftig ihre Mitarbeiter am Gewinn beteiligen können, muss der Jäkel-Plan aufgehen. Das sie die nötigen Änderungen im Print-Segment erkennen und anpacken kann, hat sie bereits bewiesen. Allerdings verlagert sich die Schlacht um die Zukunft der meisten Verlage immer mehr ins Digitale.

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