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“Tatort”, das letzte große TV-Lagerfeuer

Der “Tatort” ist ganz ohne Zweifel ein TV-Phänomen. Sonntag um 20.15 Uhr ist bei Millionen TV-Zuschauern ein gesetzter Termin, da wird “Tatort” geschaut. Und zwar ganz egal, ob Til Schweiger einen veritablen Action-Kracher hinlegt, die schrulligen Ermittler Thiel und Börne in Münster auf die Pirsch gehen oder Ulrich Tukur als Felix Murot versponnene TV-Kunst zelebriert - immer schalten viele Millionen ein. Was fasziniert die Zuschauer an dem Krimi-Klassiker im Ersten? Eine Spurensuche.

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Wechselnden Kommissare und Schauplätze

Was auf den ersten Blick wirkt wie ein Nachteil, ist in Wahrheit eine der Stärken des Formats: die wechselnden Kommissare und Schauplätze. Fast jeder hat seinen Lieblingskommissar/-kommissarin. Und wenn mal die anderen dran sind, macht das auch nix – man vergleicht und freut sich wieder auf den nächsten Lieblings-Krimi aus Leipzig, Münster, Hamburg, Ludwigshafen oder München. Auch die unterschiedlichen Städte und Regionen mit ihren Eigenheiten werden immer wieder in die Stories eingebaut. So lässt sich auch ganz prima, de Realität mit der Fiktion vergleichen. Für die Macher ist das Kommissar-Wechsel-Dich-Spiel praktisch, weil die Serie nicht auf Gedeih und Verderb von einem Ermittler-Gespann abhängt. Verschiedene Gesichter und Konzepte können erprobt werden, ohne dass dadurch die ganze Reihe in Gefahr kommt.

Hoher Produktionsstandard

Der “Tatort” ist die Vorzeige-Produktion der ARD und das sieht man auch. Hier wird viel Geld investiert in Ausstattung und Produktion. OK – manchmal wünscht man sich, es würde noch etwas mehr Geld in Drehbücher gesteckt – insgesamt ist das Produktionsniveau des “Tatort” in Deutschland aber unerreicht. Der “Tatort” mit Til Schweiger hatte sogar Kino-Niveau.

Der ”Tatort” als Event und Marke

Der „Tatort“ funktioniert mittlerweile als Marke über das TV hinaus. In vielen Städten gibt es Events zum gemeinsamen „Tatort“-Gucken, es gibt zahllose Internet-Foren, Bücher, Hörspiele. „Tatort“ ist im besten Sinne eine multimediale Marke.

Thematische „Tatort“-Vielfalt

Neben den Dauerläufern wie Köln, Münster, München oder Ludwigshafen, schafft es die Reihe immer wieder auch thematisch zu überraschen. So war die Entscheidung des HR, Ulrich Tukur bei seinen versponnenen Murot-”Tatorts” freie Hand zu lassen bemerkenswert. Ein mutigeres Programm hat man zur sonntäglichen Primetime selten gesehen. Und auch der Gewaltakt, Kinostar Til Schweiger für den “Tatort” zu gewinnen, hat bestens funktioniert. Zwischen dem Action-Reißer eines Schweiger-”Tatorts” und den Kunstfilmen des Ulrich Tukur bietet die Krimireihe eine thematische und stilistische Bandbreite, wie keine andere deutsche Serie. Das hält den “Tatort” jung und frisch.

Föderales Prinzip at its best

Der “Tatort” ist eines der wenigen Beispiele, bei denen das Prinzip der föderal aufgestellten ARD tatsächlich funktioniert und ein Produkt zustande bringt, das ein einzelner Sender wahrscheinlich gar nicht stemmen könnte. Der “Tatort” lebt von seinen vielen verschiedenen Facetten und Stimmen – nur so schafft er es Sonntag für Sonntag erneut, ein Millionen-Publikum zu finden.

Das Ritual

Der “Tatort” profitiert nicht zuletzt von seiner Tradition. Schon die Eltern haben Schimanski in Duisburg oder Haferkamp in Hamburg beim Ermitteln und Draufhauen zugeschaut. Im Gegensatz zu anderen Reihen hat der “Tatort” den Sprung in die Moderne geschafft. Der “Tatort” ist mit seinem festen Sendeplatz sonntags um 20.15 Uhr ein Anker der Verlässlichkeit in der unübersichtlichen, fragmentierten Medienwelt. Und weil (fast) Jeder “Tatort” schaut, lässt es sich am nächsten Tag auch trefflich darüber schwatzen und streiten. Selbst wenn eine Folge mal nicht sonderlich gelungen war (was durchaus häufiger vorkommt), ist das ein prima Gesprächsthema im Büro. Der “Tatort” ist – neben großen Sport-Events – vielleicht das letzte echte Lagerfeuer des linearen Fernsehens.

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