Leistungsschützer: radfahr’n mit den Taliban

Der US-Ausflug des Springer-Managements wird dankenswerterweise von Bild-Chef Kai Diekmann via Twitter akribisch dokumentiert. U.a. lernten wir so, dass die Springer-Manager mit dem angeblich so bösen Internet-Konzern Google (“Taliban”, “Hehlerbande”) gar nicht so sehr fremdeln wie gedacht. Außerdem: Bild.de lässt kurzzeitig Susanne Lothar wieder aufleben und bei der Radio Regenbogen Geburtstagsparty gab es Bad News für ProSiebenSat.1

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Die Top-Manager der Axel Springer AG offenbar gerade eine tolle Zeit in den USA. Das Management-Meeting des Konzerns führte die Springer-Jungs und -Mädels ins Silicon Valley – jener Ort, der deutsche Medienchefs geradezu magisch anzieht. Bild-Chef Kai Diekmann ist bereits als Langzeit-Bildungsreisender im Herzland des digitalen Fortschritts und dokumentiert eifrig die Ausflüge der Springer-Bosse. Auch ein Besuch beim Lieblingsfeind Google stand auf dem Programmzettel. Konzern-Lobbyist Christoph Keese bezeichnete Google schon mal als eine “Art Taliban” (was er später als “unglücklich” formuliert relativierte). CEO-Döpfner nannte Google eine “Hehlerbande”. Während daheim in Deutschland also mit harten Bandagen und reichlich Polemik für ein Leistungsschutzrecht und gegen Google gekämpft wird, macht man in den USA eine schöne Firmenbesichtigung und dreht eine Runde auf dem Google-Rad über den Campus der bösen Content-Hehler. Die Sonne Kaliforniens macht offenbar gute Laune.

A propos Google-Schizophrenie: Bundeskanzlerin Angela Merkel – offiziell auch eine Freundin des Leistungsschutzes – hat nichts dagegen, für ihren Wahlkampf die Gratis-Dienstleistungen der berüchtigten Google-Bande in Anspruch zu nehmen. Laut Handelsblatt plant sie einen Videochat via Google-Hangout mit dem Wahlvolk. Wir freuen uns schon drauf!

Nochmal Leistungsschutz: Spiegel Online erklärte am Freitag, dass man das Leistungsschutzrecht nicht nutzen werde. Eine ähnliche Erklärung hatte bereits der Heise Verlag abgegeben. Die online sehr aktiven Medienhäuser wollen damit verhindern, dass ihre Inhalte aus Furcht vor Leistungsschutz-Klagen oder Abmahnungen nicht länger verlinkt werden. Das könnte sich zu einer Art digitalen Gretchenfrage entwickeln: Wie hältst Du’s mit dem Leistungsschutz? Man darf gespannt sein, wie sich die Online-Angebote der Leistungsschutz-Vorkämpfer Burda und Springer dazu positionieren.

Am Donnerstag haben sich einige Leser verwundert die Augen gerieben: Bild.de veröffentlichte gegen 15 Uhr ein BamS-Interview mit der Schauspielerin Susanne Lothar. Darin geht es um den Tod ihres Mannes Ulrich Mühe und ihren Kinofilm “Das weiße Band”. Aber Halt. Susanne Lothar ist doch im vergangenen Jahr auch gestorben. Eine halbe Stunde später war der Artikel wieder nur noch übers Archiv aufrufbar. Der Zeitstempel der BamS-Story weist den 17. Mai 2009 als Veröffentlichungsdatum aus. Laut Springer war ein technischer Fehler während einer Systemwartung schuld, dass die alte Geschichte noch einmal neu veröffentlicht. Online-Journalismus hat so seine Tücken.

Am Abend desselben Tages lud der baden-württembergische Radiosender Radio Regenbogen zur Feier seines 25. Geburtstages ins feine Schwetzinger Schloss. Neben allerlei Geburtstagsgrüßen und Auftritten, u.a. von Matze Knop als Kaiser Franz und Xavier Naidoo mit seinen “The Voice”-Leuten, gab es auch reichlich medienpolitisch geprägte Ansprachen. Bemerkenswert war, dass Marc Jan Eumann (SPD), der nordrhein-westfälische Staatssekretär für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Regenbogen-Chef Klaus Schunk versprach, dass regionale Werbung jenen Medienanbietern vorbehalten bleibe, die auch regionale Inhalte produzieren. Hintergrund ist ein Vorstoß der ProSiebenSat.1 Media AG. Der TV-Konzern würde gerne seine Werbeblöcke zusätzlich mit regionaler Werbung befüllen und klagt in der Sache vor dem Verwaltungsgericht in Berlin. Allerdings gibt es mittlerweile einen recht breiten medienpolitischen Konsens gegen die Pläne. Das ist eine gute Nachricht für regionale Radio- und TV-Anbieter und eine schlechte für ProSiebenSat.1. Die Sendergruppe befindet sich derzeit noch im Besitz der Finanzinvestoren KKR und Permira, denen allerdings verschärfte Verkaufsabsichten nachgesagt werden. Wachstumsaussichten mit regionaler Werbung hätten sich in einem Verkaufsprospekt sicher gut gemacht.

Und ist es eigentlich ein Sign O the Times, dass Sat.1 die letzte verbliebene Daily-Talkshow “Britt” einstellt und kurz zuvor das ZDF verkündet, ab Herbst einen neuen Daily-Talk mit RTL-Frau Inka Bause zu starten

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