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Katja Riemann: die Ziege der Zivilisation

Der mittlerweile berühmte YouTube-Clip des Interviews von NDR-Moderator Hinnerk Baumgarten mit Katja Riemann elektrisiert die Medien. In der Süddeutschen wurde fast die ganze Aufmacher-Seite des Feuilletons für das Thema freigeräumt. FAS, BamS und FAZ veröffentlichten Artikel. Katja Riemann veröffentlichte ihrerseits eine Stellungnahme, die nicht dafür sorgen wird, dass die Hysterie abnimmt. Was fasziniert uns an dieser Geschichte so sehr? Es ist der Ausbruch aus der Langeweile.

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Wenn ein Ereignis im abgestumpften, allseits durchgenudelten TV-Einerlei es schafft, aus dem Rauschen aufzutauchen, dann hat dieses Ereignis meist eine ganz bestimmte Eigenschaft, eine Qualität. Was also macht uns Zuschauer so wuschig an dem Auftritt Katja Riemanns in der NDR-Sendung “DAS!”? Stefan Niggemeier, der dieses bemerkenswerte Stück TV als Erster ausgegraben hat und auch für den mittlerweile berühmten, elfminütigen YouTube-Zusammenschnitt verantwortlich ist, attestierte Riemanns Auftritt die “ver­stö­ren­de Fas­zi­na­tion eines grau­sa­men Auto­un­falls in Zeit­lupe”. Das stimmt. Aber über dieses reine Gaffertum des Schaulustigen hinaus hat der Auftritt aber noch eine andere Qualität: Er markiert eine Grenz-Übertretung.

Johanna Adorján schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Ich habe dort nicht gesehen, dass sich Katja Riemann in irgendeiner Form danebenbenommen hätte. Sie hat sich nur nicht an die Vereinbarung gehalten, die da lautet: Wir bei „DAS!“ (und bestimmt nicht nur hier) machen vollverblödetes Fernsehen für all die vollverblödeten Leute, die sich das ansehen.” Da hat Frau Adorján gleichzeitig Recht und auch wieder nicht. Natürlich hat sich Katja Riemann danebenbenommen. Natürlich war sie zickig. Hätte sie sich nicht danebenbenommen, hätte sie sich an die unausgesprochene “Verblödungs-Vereinbarung” des medialen PR-Betriebs gehalten, ihr Auftritt wäre eines von hundert oder tausend nicht beachteten, versendeten Blabla-Film-Interviews gewesen. Noch dazu im Dritten Programm.

Riemanns Auftritt ist ein bisschen vergleichbar mit dem gesendeten Nach-Interview-Gespräch zwischen “heute journal”-Moderator Claus Kleber und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Auch dieses Gespräch war damals ein (allerdings kalkulierter) Regelverstoß, eine Grenzverletzung. Da hat sich kurz mal der Vorhang gehoben und einer hat zumindest scheinbar unverstellt gesagt, was er denkt.

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Auch Katja Riemann die Maske abgenommen, bzw. gar nicht erst aufgesetzt und unverblümt zu erkennen gegeben, was sie von ihrem Moderatoren-Gegenüber hält. Nämlich gar nichts. Und nun ergibt sich der interessante Effekt, dass Katja Riemann von dieser offen zur Schau getragenen Unverstelltheit aber nicht profitiert, wie einst Seehofer. Im Gegenteil: Sie wird verbal verprügelt. Vor allem wohl bei Facebook und in den Kommentaren ihres Web-Gästebuchs und bei YouTube. Ihre Reaktion auf diesen Shitstorm darauf ist nun wieder so ziemlich das Gegenteil von allem, was ihr der flotte Herr Social-Media-Berater raten würde. Statt die Kritik anzunehmen und damit transparent umzugehen, werden alle Kommunikationsrolläden bei den Riemanns erstmal runtergelassen. Sie lässt ihre Facebook-Seite offline stellen, das Web-Gästebuch wird geschlossen und bei YouTube wurde die Kommentarfunktion unter dem Elfminüter abgedreht.

Gestern nun hat sie sich dann nochmals zu Wort gemeldet und alles noch viel schlimmer gemacht: Jetzt wirft sie dem NDR vor, sich nicht an Absprachen gehalten zu haben und hält Moderations-Roboter Hinnerk Baumgarten vor, dass der sich in Sendepausen an seinem Spiegelbild aufgeilt. Was für eine wunderbar kindische Trotz-Reaktion! Alexander Gorkow hat in seinem Feuilleton-Aufmacher in der SZ vom Mittwoch in einer sensationell übergeigten Überhöhung des Vorfalls geschrieben: “Es handelt sich bei diesem Mix nicht um einen beiläufigen, lustigen Zusammenstoß zwischen einem Idioten und einer Ziege. Es handelt sich vielmehr um eine besonders perfide Form der Machtausübung.”

Aber doch, genau darum handelt es sich: um den Zusammenstoß zwischen einem “Idioten” und einer “Ziege”. Katja Riemann macht in dieser Geschichte so ziemlich alles falsch, was man kommunikativ falsch machen kann. Sie ist zickig. Sie ist beleidigt. Sie verweigert die Kommunikation. Sie ist trotzig. Aber es doch schön, dass es in unserer durchgetakteten, stromlinienförmigen Medien-Zivilisation solche Ziegen noch gibt. Sonst wäre doch alles ganz und gar unerträglich langweilig. Katja Riemann, mit Verlaub, Sie sind eine riesengroße Zicke. Danke dafür!

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