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Das Kommunikations-Chaos der Funke-WAZ

Trotz aller Katastrophen-Meldungen vom Vortag über einen neuerlichen Stellenabbau lag heute wieder eine WAZ am Kiosk und das Web-Portal DerWesten.de ist auch noch online. In den vergangenen Monaten hat sich bei der Funke- bzw. WAZ-Mediengruppe eine Hiobsbotschaft an die nächste gereiht. Kaum ein Verlag hat in den vergangenen Jahren in der Kommunikation einen ähnlich desolaten Zustand vermittelt. Dabei steckt noch immer so viel Potenzial in dem Verlag.

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Wenn die Kommunikationspolitik der Essener Rückschlüsse auf die Situation innerhalb des Unternehmens zulassen würde, müsste dort ein ziemliches Chaos herrschen. Seit Jahren reiht sich Sparrunde an Sparrunde. Kommuniziert wird nur nach dem Gesetz der Salamitaktik.
Die massiven Kürzungen begannen Ende 2008. Damals kündigten die beiden WAZ-Chefs Christian Nienhaus und Bodo Hombach an, bei den NRW-Zeitungen 300 der rund 900 Redaktions-Jobs zu streichen. Am Anfang gab es viel Getöse, dann aber auch eine Einigung mit den Gewerkschaften.
Knapp ein Jahr später kommunizierte Nienhaus den Abbau weiterer 300 Stellen. Diesmal sollen jedoch nicht nur die Redaktionen betroffen sein. Seitdem geht der Aderlass weiter. Ob es nun ein Wegfall von ein paar Stellen in München, Thüringen oder Braunschweig sind oder mehrere Manager, die die Online-Tochter verlassen.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die WAZ-Sparwelle Mitte Januar dieses Jahr. Die Geschäftsleitung feuerte einfach die gesamte Belegschaft (rund 120 Mitarbeiter) der Westfälischen Rundschau. Die Zeitung erscheint jedoch weiterhin. Die lokalen Inhalte für die Zeitung kommen seit Februar von Westfalenpost (WAZ-Gruppe), den Ruhr Nachrichten (Lensing-Wolff) und dem Hellweger Anzeiger (Verlag Rubens). Begründet wurde der Schritt damals mit dem Umstand, dass die Tageszeitung "noch nie einen Cent Gewinn gemacht" hätte. Eine Argumentation, der in einer Marktwirtschaft jeder folgen kann. Es stellt sich nur die Frage, warum das Blatt dann nicht schon früher dicht gemacht wurde – oder hätte sich das Ende anders organisieren und kommunizieren lassen?

Nach jeder Sparrunde gibt es fast wortgleiche Erklärungen. "Die Entscheidung, uns von Personal zu trennen, ist uns mehr als schwer gefallen", hieß es am gestrigen Mittwoch. Mitte Januar lautet die Formulierung fast genauso. Als Grund für die aktuellen Streichungen von rund 200 Jobs war – wieder einmal – von "Umsatzrückgängen in Millionenhöhe" die Rede. Für die Arbeitnehmervertreter wie den DJV-Vorsitzenden in NRW, Helmut Dahlmann, ist es nur noch "unfassbar, was in diesem Medienhaus geschieht“. Statt in Inhalte und Anzeigenakquise zu investieren, scheine der Konzern nicht mehr an Mitarbeitern interessiert zu sein. "Sparen ist das einzige erkennbare Konzept dieses Konzerns, zur Zukunft des Unternehmens fallen nur Worthülsen“, so der DJV-Funktionär.
Bereits im Herbst vergangenen Jahres hätte die Verlagsführung die Chance gehabt, allen Beschäftigten reinen Wein einzuschenken und einen sehr harten, aber dann auch abschließenden Schnitt durchzuführen. Damals sickerte durch, dass die Geschäftsführung den Plan gefasst hätte, die Kosten quer durch alle Abteilungen bis 2014 um 20 Prozent zu senken.
Mit den immer neuen Kostenanpassungen erweckt das Management den fatalen Eindruck, dass es nicht zu einer realistischen Einschätzung der Zukunft gekommen ist und somit auch keine tragfähige Strategie für die nächsten Jahre entwickeln kann: Ständig droht die nächste Sparrunde. Niemals kann sich der Verlag sicher sein, den Punkt Null erreicht zu haben, von dem aus alle verbliebenen Mitarbeiter mit voller Kraft zusammen auf einen klar definierten Kurs Richtung Zukunft rudern.
Die Verunsicherung der meisten Angestellten ist greifbar. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich. So können sie sich noch nicht einmal sicher sein, auf welchen Namen das Schiff überhaupt getauft ist, auf dem sie pullen. Aus der WAZ-Gruppe wurde die Funke-Mediengruppe. Ein anständiges neues Logo hat das Unternehmen noch nicht. Eine neue Unternehmensseite gibt es nicht. Ebenso wenig eine funktionierende Kommunikationsabteilung, die einfach zu erreichen wäre und mögliche Unklarheiten ausräumen könnte. Eine offizielle Stellungnahme zu den gestern durchgesickerten Sparmaßnahmen steht beispielsweise noch immer aus.
Familiengeführte Mittelständler in anderen Branchen können sich so etwas durchaus leisten. Bei einem Medienunternehmen, das derart im Fokus anderer Medien steht, wirkt eine solche Außendarstellung plan- und strategielos. Tatsächlich sind die Essener in vielen Bereichen noch immer gut aufgestellt: Sie haben große Regionalzeitungen in bevölkerungsreichen Einzugsgebieten, ein Magazinsegment, das immer wieder erfolgreich neue Hefte im Markt platzieren kann und auch im Web gibt es noch immer ein riesiges Potential.
In der gestrigen Intranet-Meldung zum geplanten Stellenabbau hieß es, dass man "jetzt handeln" müsse, um durch die Kostensenkung "Freiraum für neue Produkte" zu schaffen. Für die Medienbranche in Deutschland wäre es ein gutes Zeichen, wenn das den Essener gelingen würde.

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