Wie viel Kachelmann steckt im „Tatort“?

Der nächste Blockbuster-"Tatort" steht an. Am Sonntag ermitteln wieder Axel Prahl und Jan-Josef Liefers in Münster. Doch diesmal liefert der Krimi neben der gewohnt lustigen und flüssigen Story eine Vielzahl von Bezügen und Anspielungen zum Fall Kachelmann. Ob es nun der Name des Opfers, die Drohung einer Vergewaltigungsklage oder ein Halstuch ist. Filigran spielt der Film mit Verweisen und Andeutungen zum Mannheimer Prozess um den Meteorologen.

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Claudia D. und Claudia S.
Mit einer gehörigen Portion Detailfreude haben die beiden Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter immer wieder kleine Hinweise und Anspielungen auf den angeblichen Tathergang und den folgenden Prozess im Fall Kachelmann platziert. So heißt das erste Opfer im Film Claudia Scheffer. Im Prozess um den Wettermoderator ging es um Claudia D. Diese lebt in Süddeutschland und verdient als Radiomoderatorin ihr Geld. In Münster kommt sie aus Bremen und arbeitet ebenfalls als Journalistin – nur diesmal beim fiktiven Stadtmagazin "Roland".
Das mysteriöse Halstuch
Im TV-Krimi wurde das Opfer mit einem Seidenschal erdrosselt. Eben ein solcher wurde während des Vergewaltigungsprozesses in Mannheim zu einer Art Markenzeichen der Nebenklägerin. So notierte die Welt beispielsweise, dass Claudia D. "am Morgen erneut mit einem Schal in den Gerichtssaal gekommen war, wie bisher bei jedem Auftritt in Mannheim". Weiter heißt es in dem Text: "Ob Claudia D. mit diesem Schal eine Aussage machen will oder es einfach nur gern warm hat am Hals, ist offen. Aber es gibt psychologische Expertisen, die mutmaßen, dass sich Opfer von Würgeangriffen oder Messerattacken am Hals selbst nach Abheilen der Wunde oft instinktiv mit einem Schal schützen".
Zudem hat das Krimi-Opfer Hautpartikel des vermeintlichen Täters unter ihren Fingernägeln. Auch im Kachelmann-Fall spielte angebliches DNA-Material eine Rolle. Erst soll es welches an einem Tomatenmesser gegeben haben. Dann stellte sich diese Information der Staatsanwaltschaft als Ente heraus.
Der Vergewaltigungsvorwurf
Während des Prozesses in Mannheim gaben die Mitglieder der Justiz und der Ermittlungsbehörden kein sonderlich gutes Bild ab. Anders die TV-Ermittler in Münster. Mit dem gewohnten Mix aus Witz und Spürsinn lösen Axel Prahl und Jan-Josef Liefers auch diesen Fall. Den Star mit Kachelmann-Anlehnungen gibt Schlagerbarde Roland Kaiser, der im Film den wenig originellen Namen Roman König trägt. Kaiser spielt einen sexsüchtigen Promi, der in jeder Stadt eine Andere hat und allen seinen Liebschaften das Gleiche erzählt: sie seien seine einzige große Liebe. Eine weiter Anspielung auf den Prozess um den Meteorologen.
Eine der deutlichsten Anspielungen: Kurz vor ihrem Tod soll Claudia Scheffer "mit einem triumphierenden Lächeln" gedroht haben, den Schlagerstar wegen Vergewaltigung anzuzeigen. "So eine Anschuldigung hätte ihn ein für alle mal vernichtet", heißt es in dem Film.
Das Spiel mit den Medien
Besonders hübsch ist eine kleine Medienanspielung. So soll die tote Geliebte Claudia S. eine Absprache mit einer großen Boulevard-Zeitung gehabt haben. Tatsächlich gab es einen Deal von Claudia D. und der Bunten.
Niemals nähert sich der TV-Krimi den Geschehnissen in Mannheim zu nah an. Es bleibt immer in der Schwebe, im Bereich einer Metaebene. Den Autoren ist es tatsächlich gelungen, neben der funktionierenden Krimi-Story, einer Vielzahl lustiger Nebenstränge und einem wunderbaren satirischen Umgang mit der schwülstigen Schlagerwelt, auch noch eine Handvoll Anspielungen auf den Fall Kachelmann unterzubringen.
So versteckt sich hinter der scheinbar einfachen und lustigen Krimi-Story ein eigenes Universum voller gesellschaftlicher Anspielungen. Damit entwickelt der "Tatort" aus Münster weit mehr Tiefe, als der Til-Schweiger-Blockbuster. Um so spannender wird es sein, ob es Thiel und Boerne gelingt, ihre Spitzenposition im Quoten-Ranking zurück zu erobern. Mit 12,57 Millionen Zuschauern holte Til Schweiger gerade einen Bestwert für die vergangenen 20 Jahre. Davor hielten die Münsteraner diesen Rekord mit 12,11 Millionen Zuschauern.

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