veggie!: das vegetarische Elfenbein-Türmchen

Nachdem die Gemeinde der Fleisch-Lüstlinge mit dem High-End-Heft Beef und den Mälzers und Olivers dieser Welt bestens bedient wird, hat ein Magazin nur für Vegetarier noch gefehlt. Burda nimmt sich dem Trend-Thema fleischlose Ernährung endlich publizistisch an und schickt mit veggie! einen zunächst einmaligen Versuchsballon los. Das hochwertig aufgemachte Sonderheft konzentriert sich auf Rezepte, die allerdings größtenteils ganz schön kompliziert geraten sind.

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“Einfache Rezepte” und “Wenig Aufwand” verspricht veggie! auf der Titelseite neben dem schönen Foto eines kompliziert aufgebauten Türmchen, das ein Millefeuille von grünem Apfel, Meerrettich und Roter Beete darstellt. Nach “einfach” und “wenig Aufwand” schaut das nicht aus. Die Aufmachung des Magazins ist absolut hochwertig. Die Food-Fotos sind durch die Bank kleine Kunstwerke. Die Gerichte sind allerdings bisweilen so filigran und komplex, dass sich nicht automatisch Heißhunger einstellt.

Eine prima Idee ist das Glossar der grünen Küche gleich zu Beginn, in dem besondere Zutaten erläutert werden. Der unvermeidliche Quietsche-Käse Halloumi ist ebenso dabei wie das exotisch anmutende Mairübchen (wo bekomme ich das nur her?) oder das Soja-Produkt Tempeh. Viele der Rezepte schrecken wegen der Komplexität leider eher ab. Die selbstgemachten Papadams auf Seite 12 sehen zwar superlecker aus – aber wer hat wirklich Zeit und Muse, um Papadams aus Kichererbsenmehl selbst herzustellen?

Und dass die – ebenfalls selbstgemachten – Lachsspaghetti mit 50 Minuten Vorbereitungszeit und 15 Minuten Zubereitungszeit zu wuppen sind, sei auch mal dahingestellt. Da waren wohl Herdprofis mit der Stoppuhr unterwegs. Handfeste vegetarische Alternativen, wie die vielversprechend aussehenden Bulgur-Bratlinge mit Gurken-Dip auf Seite 61, haben im Heft leider Seltenheitswert.

Aufgelockert werden die Rezepte durch ein Stück über die Food-Bloggerin Aran Goyoaga und einer (überflüssigen und sehr nach Werbung riechenden) Fotostrecke mit exklusiven Wellness-”Destinationen”. Auf Deutsch würde man wohl sagen: Urlaubszielen.

Es ist eben so eine Sache mit der vegetarischen Küche: Die fleischlose Küche ist toll und bietet viele Alternativen. Es ist aber oftmals schwerer und anspruchsvoller, ein wirklich schmackhaftes vegetarisches Gericht zustande zu bringen, als einfach eine Bratwurst in die Pfanne zu hauen – überspitzt formuliert. Der in London kochende Israeli Yotam Ottolenghi beispielsweise hat mit “Genussvoll vegetarisch” ein brillantes vegetarisches Kochbuch vorgelegt, das haufenweise tolle Rezepte enthält, die deutlich anspruchsvoller sind als, sagen wir mal Jamie Oliver und Tim Mälzer. Und wer schon einmal versucht hat, als bestenfalls durchschnittlich Kochbegabter diese vegetarische Lasagne nachzukochen, wird wahrscheinlich einen Schritt vor dem Tor des Wahnsinns gestanden haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: vegetarisch und vegan zu kochen und zu essen ist lecker und sinnvoll. Ambitionierte vegetarische Alternativen gibt es bereits. Was auf dem Markt wirklich fehlt, sind Anleitungen und Anregungen für eine unkomplizierte vegetarische Alltags-Küche. Eine vegetarische Küche, die den Interessierten und von Zeitnot Geplagten die Angst nimmt, es einfach mal zu versuchen. In dieser Disziplin tut sich veggie! leider auch nicht hervor und bleibt in seinem hübschen vegetarischen Elfenbeintürmchen aus Millefeuille von grünem Apfel gefangen. Da wurde eine grüne Chance vertan.

veggie! kostet 4,95 Euro und erscheint in einer Druckauflage von 100.000 Exemplaren am 20. März.

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