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Bahn-Vielfahrer als Werbe-Zielscheiben

US-Internetfirmen wie Facebook und Google stehen oft als Datenkraken am Pranger. Großen Hunger auf die Daten von Otto Normalverbraucher und Max Mustermann haben aber auch der Staat und staatsnahe Unternehmen. Gerade ist die Deutsche Bahn in den Verdacht geraten, mit den Daten ihrer Vielfahrer Kasse machen zu wollen. Die entsprechende Spiegel-Meldung wurde zwar dementiert, das Dementi steckt aber voller Widersprüche. Staatliche Daten-Skandale haben eine unrühmliche Tradition.

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Die Meldung, die der Spiegel und Spiegel Online übers Wochenende verbreiteten, hat das Zeug für einen veritablen Shitstorm. Dass die große Aufregung zunächst ausblieb, mag damit zusammenhängen, dass die Bahn-Mitarbeiter mit ihrem Streik am Montagmorgen im Berufsverkehr zunächst für ganz anderen Ärger beim Kunden sorgten.
Laut Spiegel hat die Bahn vor, Vielfahrer-Daten zu Geld zu machen. Gemeint sind die Leute, die am bahn.bonus-Programm teilnehmen. Wer oft mit ICE und Co. unterwegs ist, sammelt Punkte, die man später gegen die üblichen Sachprämien oder Gutscheine eintauschen kann. Jüngst hat die Bahn dieses Bonus-Programm von ihren Bahncards entkoppelt. Darum müssen Kunden den Geschäftsbedingungen des bahn-bonus-Programms noch einmal getrennt zustimmen. Laut Bahn enthalten die Geschäftsbedingungen einen Passus, der die “Nutzung der Kundendaten zu Marketingzwecken” beschreibt. Einen Satz später heißt es in einer Mitteilung der Bahn zum Thema allerdings: “Kundendaten werden jedoch weder an Kooperationspartner von bahn.bonus noch an Dritte weitergegeben oder verkauft.” Die Kundendaten werden also prinzipiell zu Marketingzwecken herangezogen, sollen aber angeblich nicht weitergegeben werden – wie soll das gehen?
Die Bahn selbst erklärt, dass sie Kunden “künftig noch bessere, auf sie zugeschnittene bahnspezifische Angebote” unterbreiten will. Manche nennen das Werbung. Man könnte auch sagen: die Bahn will mit den Daten ihrer besten Kunden Kasse machen. Selbstverständlich sei es möglich, der Nutzung der Daten zu Werbezwecken zu widersprechen und die neuen Geschäftsbedingungen befänden sich auch im Einlang mit dem Bundesdatenschutzgesetz. Das hat allerdings auch niemand in Abrede gestellt. Laut dem Spiegel-Bericht geht es um eine weitreichende Weitergabe von Kundendaten. Erfasst würden u.a. der Preis der Fahrkarte, der Abgangs- und Zielbahnhof, die Wagenklasse und die Verkaufsstelle.
Dass der Staat und staatsnahe Unternehmen einen allzu pragmatischen Umgang mit Daten pflegen, ist nichts Neues. Die Telekom hatte 2009 einen veritablen Datenskandal an der Backe, als in großem Stil Kundendaten an Unternehmen für Werbe-Anrufe weitergereicht wurden. Im vergangenen Jahr sorgte eine Neufassung des Meldegesetzes für Aufregung, dass es Kommunen erlaubt hätte, trotz Widerspruchs Daten von Bürgern an Dritte weiterzugeben.
Das Dementi der Bahn auf die aktuelle Spiegel-Story erfolgte prompt. Es ist aber zu widersprüchlich, um wirklich glaubwürdig zu sein.

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