WhatsApp-Konkurrent Joyn als Akkufresser

Sicherer, verlässlicher und das Daten-Volumen schonend: Mit diesen Versprechen werben Vodafone und die Telekom in Deutschland für ihren Messaging-Dienst Joyn. Der soll nicht weniger als der Nachfolger der SMS werden. Allerdings: Auch nach dem offiziellen Start kommt Joyn nicht wirklich auf Touren. Die ersten Nutzerberichte sind vernichtend. Welch Ironie: Dem Dienst, der mit fast einem Jahr Verspätung gestartet wurde, bleibt nur noch die Hoffnung auf den Faktor Zeit.

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"Joyn macht die tägliche Kommunikation zu einem ganz besonderen Erlebnis." So werben Telekom und Vodafone für ihren Messaging-Dienst, der auch Videotelefonie und das Versenden von Dateien ermöglichen soll – sogar gleichzeitig. Allerdings: Von diesen Funktionen haben die deutschen Handynutzer bislang nur wenig gesehen. 
Der Dienst ist auch als eine Reaktion der Mobilfunkbetreiber auf die wachsende Konkurrenz durch Facebook und mobile Dienste wie WhatsApp oder iMessage zu sehen. Doch dafür kommt der Service reichlich spät. WhatsApp ist mittlerweile eine der am stärksten genutzten Anwendungen auf Mobiltelefonen und für viele bereits der Messaging-Standart. Joyn sollte ursprünglich schon im Frühjahr 2012 verfügbar sein. Vodafone startete den Dienst als App dann im August, die Telekom verschob den Start auf Anfang 2013. Diese Woche gab es dann den Launch.
Auf eine MEEDIA-Anfrage an die Telekom, wie stark der Service seitdem genutzt worden ist, gab es bislang keine Antwort. Ein Blick in den Play Store, in dem die Android-Apps angeboten werden, deutet jedoch darauf hin, dass Joyn ein Nischendasein führt. 10.000 – 50.000 Installationen hat es demnach bislang gegeben. Die Android-App für Vodafone ist laut Play Store zehn Mal häufiger geladen worden, aber auch ein mittlerer sechsstelliger Wert ist noch kein Durchbruch. Für das iPhone lässt Joyn zudem weiter auf sich warten. 
Wenig überraschend klagen viele Nutzer daher in den Bewertungen im Store, dass kaum einer ihrer Kontakte Joyn ebenfalls nutze. Ein Nachrichtendienst mit dem man niemanden Nachrichten schicken kann, ist reichlich nutzlos. Obwohl immerhin die beiden größten deutschen Netzbetreiber den Dienst zum Durchbruch verhelfen wollen, scheinen nur wenige wechseln zu wollen.
Das könnte auch an der Qualität der App liegen. Die unterschiedlichen Apps für jeden Netzbetreiber machen die Sache bereits kompliziert. Abgesehen davon scheint es auch viele Probleme zu geben. Nutzer berichten, dass sie – obwohl beide Seiten Joyn installiert haben – keine Nachrichten verschicken können, dass die App abstürzt oder sie die Leistung anderer Anwendungen beeinträchtigt. Vor allem die Nutzer der Telekom-App klagen zudem darüber, wie stark Joyn den Akku belaste. Die durchschnittliche Bewertung der App liegt für Vodafone bei 2,9 von 5 Sternen, für die Telekom bei 2,8. Zum Vergleich: der Wert bei WhatsApp liegt bei 4,6.
In einem MEEDIA-Test bestätigen sich viele der Eindrücke. Bei einem stark gefüllten Kontaktbuch, das überdies aus beruflichen Gründen viele medienaffine Menschen beinhaltet, sind zunächst keine Joyn-Kontakte zu finden. Auf Aufforderung hin luden weitere Personen den Dienst. Bei ihnen scheinen ebenfalls keine oder nur wenige der Bekannten Joyn zu nutzen. Der Test zeigte auch, wie stark der Akku bei einem älteren Samsung-Gerät belastet wird. Auch ungenutzt, sprich nur auf Bereitschaft laufend, erweist sich Joyn mit Abstand als größter Akku-Fresser unter den Messengern, deutlich vor WhatsApp. Bei einem neueren Nexus Gerät erwies sich der Wert als nicht so dramatisch.

Akkufresser Joyn: Hier muss sich etwas ändern
Die technischen Mängel und die mangelnde Verbreitung, vermutlich auch die dadurch verbundenen Vorurteile gegen den Dienst, müssen die Netzbetreiber in den Griff bekommen. Davon abgesehen ist ihnen mit Joyn durchaus ein vorzeigbares Produkt gelungen. Die Daten sind aller Voraussicht nach sicherer als bei einem Kontakte-Abgleich, der via WhatsApp oder Facebook über US-Server geschieht. Außerdem ist Joyn stärker ins Betriebssystem verankert. Im Test erwies sich Joyn als Chat-System als durchaus stabil und ansprechend in der Nutzung. Diesen Eindruck bestätigen auch andere Tests.
Die Frage wird jedoch sein: Erreicht Joyn die kritische Masse? Die immer wieder verschobenen Starts, das negative Feedback vieler Nutzer – ob nun auf Erfahrungen oder Vorurteile begründet – die mangelnde Verfügbarkeit für iPhone, O2 (soll bald starten) und E-Plus, sowie in einigen Tarifen der bereits Joyn-nutzenden Anbieter: All das erweist sich als großes Handicap angesichts der Tatsache, dass bereits funktionierende Dienste existieren.
Joyn ist bislang nicht der SMS-Nachfolger sondern nur ein Außenseiter unter den Messaging-Diensten. Ironischerweise könnte ausgerechnet der Faktor Zeit dem Nachzügler helfen: WhatsApp fordert Android-Nutzer nach dem ersten Jahr zur Zahlung einer kleinen Gebühr auf. Auch beim iPhone will man auf dieses Model umsteigen. Dies könnte der Moment sein, an dem Nutzer ihr Abo nicht verlängern, sondern eine kostenlose Alternative wählen, auch wenn nur wenige Cent verlangt werden.
Zudem soll Joyn in neue Smartphones direkt integriert bzw. vorinstalliert werden. Da Handys meist eine maximale Lebensdauer von zwei Jahren haben, bis sie ersetzt werden, könnte auch auf diesem Weg Joyn stärker unter die Massen kommen. Bis dahin kann man auch weiter an den technischen Mangeln feilen.
Halten die Mobilfunkanbieter an Joyn fest, könnte es auf lange Sicht doch noch etwas werden mit dem SMS-Nachfolger. Der Start jedoch ist erst einmal missglückt.

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