tolino shine: Kindle-Killer im MEEDIA-Check

Er hat sich viel vorgenommen, der Neue in der Riege der Kindle-Konkurrenten. Mit dem tolino shine wollen Thalia, Weltbild, Hugendubel, Der Club Bertelsmann und die Deutsche Telekom gemeinsame Sache machen - und der scheinbar übermächtigen Amazon-Konkurrenz Anteile am Boom-Segment eBooks abluchsen. Kann der E-Reader wirklich mit der beworbenen Offenheit punkten? Oder scheitert er an den Insellösungen der Partner? MEEDIA hat das Gerät getestet und verrät, ob es dieses Mal gegen den Kindle klappt.

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"Pssst! tolino schläft", heißt es auf dem Standby-Bildschirm. Darüber ein verschlafener Smiley, der einem offenbar sagen will: "Lass mich bloß in Ruhe, ich bin müde." Setzt man sich über diese Ansage hinweg und betätigt den Power-Button, erwacht der tolino innerhalb von zwei Sekunden aus dem Winterschlaf und ist sofort einsatzbereit. Der Startbildschirm ist getrennt in zwei Hälften: eine Übersicht der gekauften bzw. heruntergeladenen Bücher und einer Empfehlungsliste des Buch-Shops.

Gesteuert wird mit Touchgesten. Will man ein Buch lesen, klickt man einfach auf das Cover. Will man weiterblättern, wischt man nach links. Will man zurückblättern, wischt man nach rechts. In die Einstellungen kommt man mit einer Wischgeste nach oben. Hier hat der User Schnellzugriff auf die Kapitelübersicht, die Helligkeitsregelung, einen Facebook-Share-Dialog und kann nach Textpassagen suchen, zwischen sieben Schriftgrößen und aus sechs Schriftarten auswählen. Ins Menü gelangt man über einen Klick auf den “Home-Button”.

Das Gerät kommt mit einem sechs Zoll großen E-Ink-Display mit einer Auflösung von 1024×758 Pixeln und stufenlos regelbarer Beleuchtung. Mit Ausnahme eines kleinen Bereichs am unteren Bildschirmrand ist die Ausleuchtung gleichmäßig. Die Schrift ist gut lesbar. Der Seitenaufbau geht ohne große Verzögerung vonstatten.

Offenheit schaut anders aus
Laut Hersteller hält der Akku bis zu sieben Wochen lang. Ein Wert, der sich übers Wochenende natürlich nicht auf die Probe stellen ließ. Bücher kommen per WLAN oder über den Mikro-USB auf das Gerät. Auf dem internen Speicher finden bis zu 2000 eBooks in den Formaten ePub, PDF und TXT Platz, mit einer SD-Karte umso mehr. Als Betriebssystem läuft übrigens Android auf dem tolino shine. Der E-Reader ist bei Thalia, Weltbild, Hugendubel, Der Club Bertelsmann, in den Telekom Shops sowie in den Online-Shops der Partner erhältlich. Als Bonus bekommen tolino-Nutzer gratis WLAN an über 11.000 Hot-Spots der Deutschen Telekom.

Mit einem Gewicht von nur 183 Gramm und einer Höhe von 9,7 Millimetern passt das Gerät auch in fast jede Hosentasche. Also alles in allem ein gelungenes Produkt? Auf technischer Seite gibt es wohl kaum etwas zu bemängeln. Aber hält das Gerät sein Versprechen, dass trotz unterschiedlicher Interesse der beteiligten Buchhändler der Kunde die freie Wahl hat, bei wem er seine eBooks einkauft? Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Je nachdem, wo man seinen tolino erwirbt, bekommt man ein gebrandetes Produkt geliefert. In unserem Fall handelt es sich um ein Gerät der Telekom, weswegen PagePlace als Buch-Shop vorinstalliert ist. Wer jetzt allerdings denkt, in Amazon-Manier mit wenigen Klicks ein Buch kaufen zu können, der wird schnell enttäuscht. Bevor man sich für den Shop registrieren muss, benötigt man eine Adobe-ID. Zum Hintergrund: eBooks sind mit einem Kopierschutz von Adobe versehen. Besitzt man ein Benutzerkonto, bekommt man für sein Gerät den passenden Schlüssel geliefert. Beim Kindle funktioniert das ohne zusätzliche Registrierung.

Nach zwei Registrierungsvorgängen steht dem Kauf also nichts mehr im Wege – mag man meinen. Doch während Amazon durch sein teils kritisiertes One-Click-Buy-Verfahren das Shoppen von digitalen Inhalten recht einfach gestaltet, hat der Nutzer etwa bei PagePlace die Wahl zwischen verschiedenen Zahlmethoden. Egal ob mit Kreditkarte oder PayPal-Konto: Der Nutzer muss erneut Logins, Kreditkartennummer und Passwörter eingeben.

Wirklich tricky wird es dann, wenn man versucht, mit einem gebrandeten Gerät ein eBook bei einem der Partner-Shops zu kaufen. Das ist über den tolino direkt gar nicht möglich. Hier kommt das digitale Buch nur über Umwege auf den E-Reader. Und zwar, indem man am Rechner shoppt und das eBook dann via USB mit dem tolino synchronisiert.

Fazit: Technisch steht der deutsche E-Reader seinem US-Vorbild in nichts nach. Wollen Thalia, Weltbild, Hugendubel, Der Club Bertelsmann und die Deutsche Telekom wirklich gemeinsam gegen die amerikanische Konkurrenz antreten, reicht gemeinsam genutzte Hardware nicht aus. Ein offenes Shop-System muss her, bei dem der Nutzer entscheiden kann, wo und zu welchen Konditionen er sein eBook kaufen will. Darüber hinaus wäre die Beteiligten gut beraten, den Registrierungs- und Kaufprozess deutlich zu vereinfachen. Gerade ältere Nutzer mit wenig technischer Erfahrung dürften hier schnell ins Stolpern geraten. Apropos Stolpern: Im Test reagierte der tolino nicht immer auf die Touchbefehle. Um etwa ins Buchmenü zu gelangen, musste man kurzerhand auf den Startbildschirm wechseln und das eBook erneut aufrufen.

So ist der tolino zum Start ein nobler Versuch, Amazon zumindest in Deutschland in die Schranken zu weisen. Und doch wirkt der E-Reader vorerst wie ein Kompromiss, den zu viele Beteiligte auf Basis eigener Interessen geschlossen haben. Mit 99 Euro liegt der tolino shine zwar deutlich unter dem Kindle Paperwhite für 129 Euro. Allerdings schlägt der die deutsche Konkurrenz in Sachen Usability noch um Längen.

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