Ist Tim Cook noch der richtige CEO für Apple?

Wer eines der wertvollsten Unternehmen der Welt führt, gleichzeitig aber die schlechteste Aktienperformance der letzten Monate zu verantworten hat, muss sich auf Kritik gefasst machen. Nach erdrutschartigen Verlusten von 40 Prozent in fünf Monaten steht Apple-Chef Tim Cook unter Feuer. Erste Blogger fordern Cooks Kopf, zu missraten waren die jüngsten Auftritte vor Investoren – der 52-Jährige hat sich in Kursgift pur verwandelt. Aber würde eine jetzige Ablösung Sinn machen? Und wer käme als Nachfolger in Frage?

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Wer eines der wertvollsten Unternehmen der Welt führt, gleichzeitig aber die schlechteste Aktienperformance der letzten Monate zu verantworten hat, muss sich auf Kritik gefasst machen. Nach erdrutschartigen Verlusten von 40 Prozent in fünf Monaten steht Apple-Chef Tim Cook unter Feuer. Erste Blogger fordern Cooks Kopf, zu missraten waren die jüngsten Auftritte vor Investoren – der 52-Jährige hat sich in Kursgift pur verwandelt. Aber würde eine jetzige Ablösung Sinn machen? Und wer käme als Nachfolger in Frage?  

Nach einem Crash von 285 Dollar in rund fünf Monaten, der 41 Prozent des Unternehmenswerts vernichtet hat, fehlen die Argumente. Apple war am Montag bei 419 Dollar auf den tiefsten Stand seit Januar 2012 abgestürzt, während der Dow Jones gestern auf neue Allzeithochs sprintete – so verrückt kann die Börsenwelt sein. Dabei war das Verhältnis jahrelang umgekehrt: Der breite Markt bewegte sich seitwärts, Apple eilte von Allzeithoch zu Allzeithoch. Jetzt sind fast täglich neue Jahrestiefs zu besichtigen. Auch der Titel des wertvollsten Konzerns der Welt ging wieder an Exxon Mobil verloren.

Einen anderen hat Cook nun jedoch gewonnen – doch der ist höchst fragwürdig: 270 Milliarden Dollar Börsenwert hat Apple unter seiner Führung seit Ende September verloren – das ist mehr als jeder andere Konzern in diesem Zeitintervall. Cook ist damit der größte Wertvernichter in der Wirtschaftsgeschichte. Er hat Steve Ballmers Uraltrekord von Anfang 2000 abgelöst.

"Das rhetorische Theater gehört zur Unternehmensführung von Apple"

Nach einer solchen Desaster-Serie ist klar, was kommt: Die Diskussion, ob und wie lange Cook als Apple-CEO noch zu halten ist, wurde in US-Blogs eröffnet. "Ist Tim Cook zu einer Belastung für Apple geworden?" fragte der renommierte Techjournalist Rocco Pendola, der jeden Tag bei TheStreet.com über Apple schreibt, um sich dann selbst die Antwort zu geben.

"Tim Cook hat die Kontrolle über den Dialog verloren. Ob das fair ist oder nicht – es ist, was es ist", fasst Pendola die aktuelle Stimmung an der Wall Street zusammen. "So sehr ich zustimme, dass Cook ein Unternehmen zu führen hat, so muss er auch beim Spiel der Wall Street mitspielen", erklärt der Finanzjournalist.

"Wie Steve Jobs muss er die öffentliche Meinung und damit den Aktienkurs steuern und es dabei so aussehen lassen, als mache er das nicht. Um ein Unternehmen wie Apple zu führen, gehört das rhetorische Theater genauso dazu wie die Unternehmensführung selbst", wird Pendola deutlich. An dieser Stelle hatte Cook in seinen letzten Auftritten vor Investoren bekanntlich alles andere als einen guten Eindruck hinterlassen.

Starkes erstes Jahr

Dabei hatte alles so gut angefangen. Cook führte den unter Steve Jobs eingeschlagenen Weg konsequent fort und konnte nach dem Tod des visionären Gründers Rekordquartal nach Rekordquartal präsentieren. Der 52-jährige Ex-IBM-Manager präsentierte sich bei öffentlichen Auftritten wie der D10-Konferenz solide und sammelte Pluspunkte, als er mit einer offeneren Kommunikation und der Einführung einer Dividende einen eigenen Stil zu etablieren begann.

Am Ende des erstes Amtsjahres Ende August sah Cook wie ein Popstar aus: Die Apple-Maschinerie lief auch Hochtouren, der kommende Verkaufsstart des iPhone 5-Launch würde der größte Produktlaunch in der Wirtschaftsgeschichte werden, die Apple-Aktie notierte bei 700 Dollar auf Allzeithochs und schien auf dem besten Weg, die magische 1000 Dollarmarke zu knacken.  

Bemerkenswerte Schwächephase in nur fünf Monaten

Doch statt das erste Billionen-Dollar-Unternehmen der Welt zu werden, ist Apple heute gerade noch 400 Milliarden Dollar wert. Das Kultunternehmen erlebt in einer Zeit, in der die Aktienmärkte so massiv wie seit Jahren nicht mehr haussieren, den wohl ungewöhnlichsten Absturz eines der wertvollsten Konzerne aller Zeiten. Plötzlich leistete sich Cook eine in der Aneinanderreihung ebenso höchst ungewöhnliche Fehlerkette:

• Der Crash begann mit dem Maps-Debakel

Apples Kartendienst dürfe zumindest im laufenden Jahrzehnt unter den größten Flops der Tech- und Internetwelt ein Spitzenplatz sicher sein. So sehr wie bei der mit hochfliegenden Ambitionen gestarteten Karten-App hatte sich Apple selten blamiert. Was die Sache aber noch schlimmer machte, war Cooks öffentliche Entschuldigung, die Techmedien zwar als noble Geste adelten, an der Wall Street jedoch kopfschüttelnd als Zeichen der Schwäche gewertet wurde.

Während Google-Aufsichtsratschef Eric Schmidt "Nimm das, Apple" feixte, begann für die beiden Erzrivalen an der Börse ihre diametrale Entwicklung: In den vergangenen sechs Monaten brach Apple von 700 auf fast 420 Dollar ein, während Google von 600 auf 840 Dollar anzog.

• Führungsschwäche mit Forstall-Rauswurf    

Während das peinliche Maps-Debakel noch als PR-Schlappe abgetan werden konnte, das Kunden nicht wirklich vom Kauf des neuen iPhones abhielt, offenbarte eine andere Pressemeldung unerwartete Führungsschwäche beim mächtigsten Mann in Cupertino: iOS-Chef Scott Forstall, für manche schon der kommende Apple-CEO, wurde gemeinsam mit Retail-Chef John Browett abgeschossen.

Letzterer Rauswurf war für Cook besonders bitter: Browett war seine Verpflichtung. Hinter den Kulissen schien ein Machtkampf zu brodeln – Cook hatte seine Truppen offenbar längst nicht so gut im Griff wie erwartet. Die Börse schoss sich auf Apple ein.

• Desaströse Telefonkonferenz zur Weihnachtsquartalsbilanz
 
Gänzlich im Abstiegskampf kam Apple nach der Quartalsbilanz Ende Januar an, die noch einmal mit größtmöglichem Aufwand zu Rekordergebnissen führte. Doch auf der anschließenden Telefonkonferenz präsentierte sich Cook angesichts der immer lauter werdenden Kritik und der anhaltenden Gerüchte zunehmend gereizt. Anleger beklagten immer offener, dass Apple offenkundig abwegige Spekulationen, wie sie selbst über das Wall Street Journal kursierten, nicht kommentierte und die Aktie damit zum Abschuss freigab. Immer wieder kam der Vergleich zu Steve Jobs auf, der Anlegern allein mit seiner Präsenz eine ganz andere Sicherheit gab.

Im Verlauf des Conference Calls versetzte Cook der angeschlagenen Aktie mit der Verweigerung eines Gewinnausblicks und der Erklärung, man werde künftig eine "realistischere Prognose" abgeben, dann den Genickschuss. Am nächsten Handelstag verlor Apple 60 Milliarden Dollar an Börsenwert.

• Schwaches Auftreten vor Investoren

Chancen zur Wiedergutmachung ließ der Apple-Chef im Februar gleich doppelt liegen: Sowohl auf der Investorenkonferenz von Goldman Sachs als auch auf der Hauptversammlung zwei Wochen später hatte Cook seinen Aktionären außer den bekannten Phrasen zu den "besten Produkten der Welt" nichts zu bieten: weder eine Anhebung der Dividende, noch eine Ausweitung des Aktienrückkaufprogramms, zu dem zuletzt auch Starinvestor Warren Buffett geraten hatte, noch ein möglicher Aktiensplitt, über den im Vorfeld Gerüchte kursierten, wurde verkündet.  
 
Stattdessen musste er sich vom Hedgefondsmanger  David Einhorn auf den "albernen Nebenschauplatz" einer Diskussion über eine anlegerfreundliche Verwendung der inzwischen auf 137 Milliarden Dollar angeschwollenen Barmittel verwickeln und sogar verklagen lassen. Cook blieb bei seinem Standpunkt, doch das Duell mit dem eloquenten Einhorn ließ den Hedgefondsmanager wie Steve Jobs und Cook wie einen Lehrling aussehen. "Das ist der Anfang vom Ende von Apple", sprach Finanzjournalist Pendola das Todesurteil des Kultkonzerns unter der Ägide von Cook.

Rauswurf auch nach Börsencrash unwahrscheinlich

So weit dürfte es trotz der apokalyptischen Kursverluste eher noch nicht sein. Auch wegen einem erdrutschartigen fünfmonatigem Börsenabsturz dürfte der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Arthur Levinson kaum bereit sein, den über Jahre ausgeklügelten Nachfolgeplan von Steve Jobs in Frage zu stellen. Es gibt wenig Unternehmen weltweit, die der Bedeutung der Aktienmärkte offenkundig so wenig Relevanz beimessen wie Apple. Entsprechend fest im Sattel dürfte Cook weiter sitzen.

Bliebe die Frage, wie sinnvoll der Austausch gegen ein eloquenteres Aushängeschild, das die Sprache der Wall Street spricht, tatsächlich wäre – und wer dafür in Frage käme. Tatsächlich ist eine fiktive Kandidatenliste extrem begrenzt: Der neue CEO, sollte er von außen kommen, müsste das CEO-Format auf Weltklasse-Niveau haben.

Mögliche Nachfolgekandidaten wie Schmidt und Bezos nicht zu bekommen

Logische Kandidaten, denen man die Führung von Apple zutrauen könnte, wären etwa Eric Schmidt und Jeff Bezos. Ersterer wird Google aktuell verlassen wollen und wohl auch nicht verlassen dürfen (zumindest nicht für einen Wechsel zum direkten Rivalen Apple), Letzterer hat in Amazon, den immerhin nach Google zweitwertvollsten Internetkonzern der Welt, seine Lebensaufgabe gefunden.

Eine interne Lösung scheint noch problematischer: Ob Jonathan Ive, als Design-Guru zumindest vom Image eine Identifikationsfigur wie Steve Jobs, wirklich den Willen hätte, den extrem stressigen CEO-Job zu übernehmen, darf bezweifelt werden – die Bereitschaft zu Quartalskonferenzen ebenfalls.

Und der andere Kandidat unter Apples aufstrebenden Managern wurde gerade gefeuert: Eine Comebackstory von Scott Forstall klingt zwar nach einem Märchen von Jobschem Vorbild – für eine Umsetzung in die Wirklichkeit hatte der 43-Jährige bei Apple aber zu viele Feinde und verbrannte Erde hinterlassen.

Apple kann sich Cooks Verlust nicht leisten

Am wichtigsten jedoch ist das Argument, das bei einer Nachfolgedebatte aktuell unterschlagen wird: Kann es sich Apple überhaupt leisten, Tim Cook zu verlieren? Bis auf vor fünf Monaten war Cook noch das operative Genie, das mit seinem Managementgeschick in der Zuliefererkette maßgeblichen Anteil an den beeindruckenden Gewinnmargen und akkuraten Produktlaunches hatte – wie wäre Cook als der COO, der er bis 2011 war und bis heute in anderer Rolle immer noch ist, da zu ersetzen?

Für Vermögensverwalter Eric Jackson ist die gerade beginnende Debatte pure Hysterie: "Aktionäre und Blogger (die meistens keine Aktionäre sind) liegen falsch dabei, wenn sie den Kopf von Cook fordern. Manchmal ist das Schwerste beim Investieren einfach nichts zu warten. Und zu warten."

Um die leidige Debatte im Keim zu ersticken, bräuchte der "laserscharf fokussierte" Apple-CEO im Grunde nur das tun, was er ohnehin vorhat: "Die besten Produkte der Welt" vorstellen. Die iWatch könnte ein Anfang sein.

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