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Das taugt die Handelsblatt Live App

Das Handelsblatt hat am gestrigen Montag seine mit großem Aufwand produzierte neue App Handelsblatt Live gestartet. Für das Düsseldorfer Verlagshaus und VHB-Geschäftsführer Gabor Steingart ist die neue App eine Wette auf die Tragfähigkeit von Paid Content. Knapp 40 Euro wird die App nach einer einwöchigen Testphase kosten. Dafür erhält der Abonnent dreimal am Tag eine aktualisierte iPad-Zeitung. Der erste Praxis-Check zeigt, dass das Konzept nicht ohne Tücken ist.

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Auf den ersten Blick sieht Handelsblatt Live schick aus. Die App lädt ohne Zicken in Apples Zeitungskiosk. Man sieht eine Titelseite in bewährter Zeitungs-Optik. Die einzelnen Artikel-Anreißer lassen sich anklicken. Mit sanftem Wisch kann man sich durch die App bewegen und es lässt sich auch ein – leicht überladen wirkendes – Inhaltsverzeichnis aufrufen. Die Artikel sind internetmäßig mit Stichworten versehen. Hier und da findet sich ein Foto zum Großklicken, Bert Rürup beantwortet im Video eine Frage und Markus Koch gibt im Bewegtbild seine Börsen-Erkenntnisse aus den USA zum Besten.

Dreimal pro Tag erscheint Handelsblatt Live: morgens um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 20 Uhr. Wobei die Früh-Ausgabe weitgehend von der Handelsblatt-Redaktion aus den USA bestückt wird und die Abendausgabe identisch ist mit der Print-Ausgabe vom nächsten Tag. Soweit alles klar? Nicht ganz. Schon an Tag zwei mit Handelsblatt Live tauchen einige Fragezeichen auf der Nutzer-Stirn auf, die ganz grundsätzlich mit dem Konzept dieser App zusammenhängen.

Redaktionsleiterin Katrin Elger sagte zum Start zu MEEDIA: "Die Informationsflut im Internet kann einen auch überfordern. Manchmal ist es ganz schön, wenn eine Lektüre eine erste und eine letzte Seite hat.“ Das suggeriert, dass es sich bei einer Handelsblatt Live Ausgabe um eine abgeschlossene Ausgabe handelt. Die Beständigkeit einer Tageszeitung wird vermittelt. Nur: so ist es nicht. In Wahrheit handelt es sich bei Handelsblatt Live um ein sich ständig aktualisierendes Angebot.

Das wird klar, wenn man sich das Archiv der App anschaut: Die 20 Uhr Ausgabe von Handelsblatt Live ist am nächsten Morgen nach 6 Uhr verschwunden. Stattdessen findet man dort dann nur noch die Frühausgabe. Bei der Frühausgabe handelt es sich um die 20-Uhr-Ausgabe, die identisch war mit der Print-Ausgabe, die im Laufe der Nacht aber von der US-Redaktion aktualisiert wurde. Genauso wird die Frühausgabe um 12 Uhr durch die Mittagsausgabe ersetzt. Alles klar?

Einige Artikel bleiben in jeder Ausgabe erhalten, einige werden aktualisiert, einige kommen neu hinzu. Wir haben es hier schließlich mit einem digitalen Produkt zu tun, das sich dem ständig fortschreitenden Weltenlauf anpasst. Eine abgeschlossene Ausgabe ist dagegen nach wie vor die E-Paper-Ausgabe des Handelsblatt, die direkt unter jeder frisch aktualisierten Handelsblatt-Live-Ausgabe verlinkt ist, verwirrenderweise aber immer zur jeweiligen Print-Ausgabe des Tages führt. Man könnte auch sagen: Ab der Abendausgabe beginnen sich das E-Paper und die Live-Ausgabe auseinander zu entwickeln. Das ist von den Machern offenbar so gewollt – wirkt aber zumindest in dieser Form eher verwirrend.

Bei Handelsblatt.com finden sich wieder ganz andere inhaltliche Schwerpunkte und Artikel, als in den Live-Ausgaben. Der Hintergedanke ist nachvollziehbar: Für Handelsblatt Live sollen Abonnenten viel Geld zahle – da kann man ihnen nicht das Gleiche bieten, was man im Web gratis raushaut. Das führt aber dazu, dass man als Nutzer ein bisschen ratlos im Info-Gewitter steht. Welches Handelsblatt-Angebot ist für mich als Nutzer jetzt relevant: das gedruckte Handelsblatt, Handelsblatt Live oder Handelsblatt.com?

Hier liegt ein grundsätzliches konzeptionelles Dilemma von Handelsblatt Live. Die App versucht beides gleichzeitig zu sein: eine in sich geschlossene Digital-Ausgabe und ein sich permanent aktualisierendes Online-Medium. Ein Digital-Spagat, bei dem man sich als Nutzer durchaus überfordert fühlen kann.

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