FR-Übernahme: die offenen Fragen

Die FAZ übernimmt also die insolvente Frankfurter Rundschau. Die Chefs posieren am Tag danach lachend mit den drei vereinten Frankfurter Zeitungen FAZ, FR und der Frankfurter Neuen Presse. Für gute Laune besteht aber kein Anlass. Von den 450 Mitarbeitern der FR werden nur 28 übernommen. Parallel baut auch die DuMont Redaktionsgemeinschaft, die zunächst weiter den Mantel der FR beisteuern soll, Stellen ab. Wie soll das alles funktionieren? Viele Fragen bleiben offen.

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Lachende Bosse: So berichtet die Frankfurter Rundschau am Tag danach über ihre Rettung vor der Pleite
Eine Tageszeitung mit 28 Redakteuren?

Die Zahl erscheint unfassbar: Von 450 Mitarbeitern der Frankfurter Rundschau werden von der FAZ nur 28 übernommen. Gleichzeitig betonen die Bosse, die FR solle eine “eigene Stimme” bleiben, „mit starker Verankerung in Frankfurt und der Region und mit Blick in die Republik hinein“, wie Hans Homrighausen, Geschäftsführer der Frankfurter Societät GmbH, dem neuen Mehrheitseigentümer, sagte. Also alles wie bisher, nur mit einem Bruchteil an Leuten – wie soll das gehen? Zum einen soll die DuMont-Redaktionsgemeinschaft aus Berlin weiterhin die überregionalen Seiten der FR beisteuern. Und die Rolle des externen Redaktionsdienstleisters Pressedienst Frankfurt (PDF) soll ausgebaut werden. Derzeit arbeiten 28 PDF-Leute für die FR, künftig sollen es 40 sein. Laut FR-Chefredakteur Arnd Festerling arbeiten rund 100 Leute für die FR – inklusive Freier, Redaktionsdienstleister und wohl auch der Leute bei DuMont. Aber: Auch bisher haben schon PDF-Leute, Mitarbeiter der DuMont-Redaktionsgemeinschaft und Freie für die alte FR gearbeitet. Gleichzeitig kündigt DuMont bei der Redaktionsgemeinschaft einen deutlichen Abbau an. 46 Stellen fallen dort weg. Es heißt, die Redaktionsgemeinschaft soll nur noch bis Mai für die FR produzieren, dann soll bei der Rundschau wieder eine Vollredaktion arbeiten. Wie soll das in dieser kurzen Zeit funktionieren? Wie eine Tageszeitung mit einem derart radikal gestutzten Personalstamm ihre Qualität halten soll, erscheint sehr fraglich.

Bleibt es beim Tabloid-Format?

Unter dem früheren Chefredakteur Uwe Vorkötter wurde die FR unter großem Brimborium auf das kleine Tabloid-Format umgestellt. Der Schritt war – das kann man aus heutiger Sicht sagen – ein Fehler. Die Zeitung verlor an Format und gewann nichts. Auflage und Erlöse schrumpften ungebremst weiter. Jetzt gibt es laut Homrighausen eine Diskussion, ob man die Rolle rückwärts zum alten Großformat macht: „Wir werden versuchen, zu klären, was die richtige Einschätzung ist – es gibt zwei Lager.“ Eine Rückkehr zum großen Zeitungsformat ist dabei eher wahrscheinlich – allein als Signal des Selbstbewusstseins an die Leser und den Markt.

Wer führt die neue FR?

Der bisher fürs Digitale zuständige Chefredakteur Rouven Schellenberger scheidet aus. Sein Co-Chefredakteur Arnd Festerling wird die Zeitung in einer “Übergangsphase” weiter leiten. Mittel- bis langfristig wird ein neuer Chefredakteur für die Frankfurter Rundschau gesucht. Einen namhaften Journalisten für diesen schwierigen Job zu gewinnen, dürfte nicht leicht sein.

Wem gehört die FR jetzt?

Die Frankfurter Rundschau wird nun von der neuen Frankfurter Rundschau GmbH herausgegeben.Die gehört zu 55% der Frankfurter Societät GmbH und zu 35%der Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH. Die Karl-Gerold-Stiftung, die die FR früher komplett besaß, hält noch 10%. Zur Frankfurter Societät gehört auch die Regionalzeitung Frankfurter Neue Presse. Die Societät ist eine Unternehmen der FAZIT Stiftung, der die FAZ gehört. Damit erscheinen alle drei Frankfurter Zeitungen unter einem Dach.

Warum kauft die FAZ eigentlich die FR?

Das wissen vermutlich nur die Käufer – wenn überhaupt. Offiziell geht es darum, die FR als wichtige linksliberale Stimme in der Presselandschaft zu erhalten. Mit einem ähnlichen Argument kaufte schon einmal die SPD-Medienholding ddvg die FR und rettete sie damals vor der drohenden Pleite. Genutzt hat es auf lange Sicht – wie wir wissen – nichts. Warum es nun mit genau demselben Konzept plötzlich besser laufen sollte und warum die FAZ gleich drei Zeitungen unter einem Dach betreiben muss – rational lässt sich das nicht erklären.

Bleibt die FR in Sachsenhausen?

Nein. Verlag und Redaktion verlassen das vom DuMont-Verlag schick umgebaute ehemalige Straßenbahndepot in Frankfurt-Sachsenhausen und rücken auch räumlich zur neuen Mutter. Verlag und Redaktion ziehen ab Mai in ein Gebäude der Frankfurter Societät im Gallus-Viertel um.

Welche Zukunft hat die FR?

Man hätte gerne Hoffnung, aber viele Zweifel bleiben. Im Prinzip wollen die neuen Eigentümer mit der FR weitermachen wie bisher – nur alles billiger. Fraglich ist auch die Konstruktion mit den überregionalen Seiten von der DuMont-Redaktionsgemeinschaft. Auch bei DuMont wird gestrichen. Ab Mai soll die FR angeblich wieder eine Vollredaktion haben. Wo sollen die ganzen neuen Leute herkommen? Die Insolvenz diente offenkundig dazu, die teuren Alt-Mitarbeiter loszuwerden, die nun von deutlich billigeren Freien Mitarbeitern und dem Redaktionsdienstleister ersetzt werden sollen. Gleichzeitig ist die Rede davon, Digital auszubauen und die Qualität zu erhalten. Das passt alles nicht zusammen. Bevor man sich auf eine wieder erstarkte Frankfurter Rundschau freuen kann, müsste noch viel passieren.

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