Die Konjunktur der (vor)schnellen TV-Kritik

Kommenden Montag geht die zweite Folge von “Circus Halligalli“ über den Schirm. Der Start bescherte ProSieben vor einer knappen Woche neben guten Quoten die intensive Aufmerksamkeit der TV-Kritik. Einige Kritiker fanden deutliche Worte und ultimative Beschreibungen. An einigen Stellen schien es, als sei manchen Kritikern unbemerkt etwas verloren gegangen: Die Bereitschaft, Formaten auf längeren Sendestrecken Zeit für Wachstum und Entwicklung zu geben. Zeit für ein paar Grundsatzgedanken.

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Dass Formate polarisieren freut TV-Verantwortliche weit mehr, als es durchgängig positive Kritiken je verwirklichen könnten. Schließlich entstehen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Identifikation zunächst unabhängig von ausschließlich angenehmen Gefühlen. Ob Zuschauer einschalten, weil sie auf hohem Niveau unterhalten werden, ob sie dabei blieben, weil ein Format  Ziele für Enttäuschung oder Ärger bietet, ob man gar in jener Art zuschaut, in welcher Unfallopfer auf Autobahnen betrachtet werden, ist der Quote egal solange Aufmerksamkeit gesichert ist.

Über eine sehr gute Quote hinaus bescherte der Start des ProSieben-Formates “Circus Halligalli“ Protagonisten, Machern und Verantwortlichen schnell die große Aufmerksamkeit der TV-Kritik.

Dass einige TV-Kritiker nach nur einer Sendung innerhalb eines sehr breiten Spektrums von Einschätzungen derart ultimativ urteilten, trägt paradoxe Züge. Mögliche Ursachen dafür, so scheint es, haben mit dem Format selbst nur symptomatisch zu tun: So schreiben Journalisten und Kritiker nicht im luftleeren Raum, sondern sind einer Reihe grundsätzlicher Aspekte und Phänomene ausgesetzt, die Tempo, Richtung und Qualität ihrer Kritiken mehr oder weniger beeinflussen. Nach einigen Tagen und vor der zweiten Folge der Show wollen wir jenen grundsätzlichen Aspekten einige Zeilen widmen.

Der Quoten-Irrtum

Der Startquote vieler Formate wird häufig paradoxerweise eine besondere Bedeutung zugemessen. Grob vereinfacht gesagt, misst sie die Qualität von Marketing, Promo oder Pressearbeit vor Formatstart. Natürlich repräsentieren erste Quoten auch die grundsätzliche Zuschauerbereitschaft zur Aufmerksamkeit für Inhalt und Protagonisten. Über Qualität des Formates oder gar Chancen auf den grundsätzlichen Erfolg einer Formatstrecke sagt sie annähernd gar nichts. Dies gilt auch für “Circus Halligalli“. Die Rückkehr von Harald Schmidt zu SAT.1 bot gute Anfangs-Quoten, die im weiteren Verlauf der Sendestrecke völlig zerbröselten, und Schmidt bildet nur ein Beispiel dafür in einer längeren Reihe ähnlicher Beispiele.  TV – Kritiker mit Augenmaß vermeiden es, in Texten die Startquote in Verbindung mit grundsätzlich qualitativen Aussagen zum Format zu setzen.

Nicht nur in einigen Kritiken des “Circus Halligalli“ – Starts  werden allerdings Anfangsquoten immer wieder in Bezug zu einer weitreichenden, inhaltlichen Bewertung von TV-Produkten gesetzt. Die Wahrheit bleibt: Ob sich Formate erfolgreich oder dürftig entwickeln, sieht man kaum an der Quote der ersten Sendung.

Schreiben in Spannungsfeldern

Grundsätzlich handeln TV-Kritiker innerhalb dreier, wesentlicher Spannungsfelder:

Das erste Spannungsfeld beschreibt eine Medienkultur journalistischer Herkunftsorganisationen, die in Fragen ihrer Geschwindigkeit und in Vielzahl und Breite ihrer Kanäle in den letzten Jahren wesentliche Veränderungen erfahren hat: Boten früher TV, Print-Medien und Radio Kritikern sehr fokussierte Kanäle für ihre Bewertungen und Kommentare, stehen heute Lesern durch eine Fülle von Online-Medien und soziale Netzwerken unterschiedlichster Prägung Bewertungen von TV-Produkten annähernd zeitnah in endloser Breite zur Verfügung. Für viele Journalisten alter Schule und klassische TV-Kritiker bedeutet dies zunächst ungewohnten Wettbewerb mit anderen, die in neuen Medien, in Blogs, usw. durch Veröffentlichungen Aufmerksamkeit und Leser binden.

Die Veränderung bedeutet auch, dass Tempo per se einen neuen Werte setzt und somit eine wichtige Rolle spielt: Viele kommentieren auf allen Kanälen vieles rasend schnell. Nicht schnell dabei zu sein nimmt Sichtbarkeit. Dieser Abhängigkeit unterliegen auch alle Online-Präsenzen großer, orthodoxer Medien.

Nun wäre der Königsweg, nicht nur schnell sondern schnell und gut zu kommentieren. An vielen beobachtbaren Stellen jedoch hat der Wert der Geschwindigkeit nicht zufällig das Bemühen um professionellen Tiefgang  überholt: Zugespitzt gesagt, generiert Tempo grundsätzlich mehr Klicks als Qualität. Zumindest generieren Tempo und hohe Frequenz schneller die erforderlichen Visits. Die nun regulieren nicht nur Reichweite und Bedeutung des jeweiligen Mediums und seiner Autoren, sondern auch Berechnungsgrundlage und Anzahl möglicher Werbekunden. Das zählt.

Es reicht also heute nicht mehr, von Lesern beachtet, geschätzt oder gar geliebt zu werden: Google muss Autoren und ihre Online Medien ebenso lieben. Und manches Mal frisst Tempo Qualität.

Kritiker, Journalisten und Autoren bewegen sich also bereits innerhalb des ersten  Spannungsfeldes in einem Gemisch unterschiedlicher Abhängigkeiten. Sie erleichtern es nicht unbedingt, mit Augenmaß und kritischer Distanz TV-Produkte eines Feldes zu bewerten, dass ohnehin mit der Produktion von Träumen, Unterhaltung und Phantasie weniger von nüchternen Sachaspekten geprägt ist als andere Branchen und somit mehr Anfälligkeit für Extreme bietet.

Kritiker

Ein zweites Spannungsfeld sieht den Kritiker selbst und betrachtet das Phänomen wachsender Angleichung zum TV-Feld,  dem er professionelle Aufmerksamkeit widmet. Vor vielen Jahren ergaben Untersuchungen verschiedener Arbeitskulturen und Branchen: Menschen neigen dazu, sich Besonderheiten ihres beruflichen Umfeldes sukzessive anzugleichen und  – ihnen vielleicht ursprünglich fremde – Charakteristika zu übernehmen. Mitarbeiter von Justizvollzugsanstalten etwa wiesen statistisch eine besonders hohe Kriminalität auf.

Das Phänomen der Angleichung birgt für TV-Kritiker die prinzipielle Gefahr eines zunehmenden Defizites an erwachsener Distanz und auch an der Fähigkeit zur Selbstkritik: Wer sich über viele Jahre mit Künstlern und TV-Größen auseinandersetzt und darüber hinaus noch passabel schreiben kann, ist grundsätzlich einerseits davon bedroht, selbst zum “Star“ zu werden. Und: Mit der professionellen, kritischen Betrachtung anderer geht nicht selten der kritischen Blick auf sich selbst verloren.

Abzuheben, dem Wachsen eigener, medialer Bedeutung kein Gewicht auf der bodenständigen, anderen Seite der inneren Waage entgegen zu setzen, führt potentiell zu Kritikern, deren Selbstwahrnehmung sich kaum noch von jener unterscheidet, die sie als TV-Größen betrachten: Aus Kritikern werden Tastatur-Künstler, denen schleichend Bodenhaftung verloren geht. Mehr und mehr bilden  Fans und Bewunderer den großen Teil ihres Umfeldes. Das Motiv des Schreibens aus Gründen eigener Sichtbarkeit gewinnt zunehmend Raum.

Genauso, wie ein TV- Format den Erwartungen seiner Zuschauer ausgesetzt ist, unterliegen TV-Kritiker den Erwartungen ihrer Leser: Schnell sein zu müssen, sich selbst schnell zeigen zu müssen, fördert statt erwachsener Kritik mit nötiger Distanz immer wieder undifferenzierte Extreme. In Verbindung mit dem oben erwähnten Wert der Geschwindigkeit keine hervorragende Ausgangssituation für profunde, fachlich fundierte und Formaten gegenüber faire Kritiken.

Abhängigkeit und Nähe

Natürlich sind Fernsehmacher abhängig davon, von Medien und Kritikern wahrgenommen und bewertet zu werden. Diese Abhängigkeit jedoch existiert in beide Richtungen: Auch Journalisten und Kritiker sind abhängig von gesunder, gelingender Nähe zu TV – Verantwortlichen, Protagonisten oder Künstlern: Sie reguliert in Teilen Zugänge, Existenz und Erfolg. 

Als Meinungsmacher mit persönlicher Macht und dem Einfluss des Mediums, für welches man schreibt, sensibel und reflektiert umzugehen, ist generell keine leichte Aufgabe. Der Umgang mit Abhängigkeit ist es auch nicht: Zwischen zwei Extremen, die auf der einen Seite des Spektrums Journalisten sehen mögen, die ohne wirkliche Bindung und Nähe aus Elfenbeintürmen auf die TV – Welt herab diagnostizieren und auf der anderen Seite des Spektrums jene finden, die sich durch kritikloses Anwieseln Zugänge erhalten wollen, ist jede Menge Platz für Gestaltung. Nicht jedem, so scheint es,  gelingt der Umgang mit Gegenabhängigkeiten dieser Ebene souverän, selbstbewusst und mit einem guten Gefühl für saubere Distanz.

Kritiker-Texte entstehen also auf dem Boden eines Raumes, der permanent von zumindest drei grundsätzlichen Spannungsfeldern beeinflusst wird. Wie sehr oder wie wenig diese häufig unreflektierten Phänomene für den Einzelnen eine Rolle spielen, hängt von seiner Persönlichkeit und der aktuellen Situation ab. Niemand ist dem schutzlos ausgeliefert. Und niemand kann generell die Bedeutung dieser Aspekte ignorieren.

Mal was vom Pferd

Um einen alten Satz zu bemühen: Natürlich ist es nicht so, dass ein guter Reiter vorher Pferd gewesen sein muss, ein guter Fußballtrainer vorher Spieler oder ein guter TV-Kritiker vorher Künstler oder Produzent.

Manchmal jedoch möchte man Journalisten und Kritikern wünschen, sie verstünden mehr – und anderes – vom Fernsehen: mehr von Leben und Atmosphäre in Produktionen. Mehr von Druck und Aufnahme-Stress. Mehr davon, wie wenig Fernsehen ein nine-to-five-job ist. Man wünschte, sie verstünden ein wenig mehr von inneren Organisations-Wirklichkeiten, mehr davon, wie klein und zwischenmenschlich schwierig einige der ganz Großen der Mattscheibe wirklich sein mögen. Und nicht zuletzt ein wenig mehr von den Sorgen der Verantwortlichen oder der Freude der Teams, wenn ein Format nach harter Arbeit richtig gut werden durfte.

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass eine saubere Bewertung des Formates “Circus Halligalli“ nie und nimmer nach einer Sendung erfolgen kann. Jedes Format mit längerer Sendestrecke braucht seine Zeit für Wachstum, nötige Veränderungen und Justierungen. Ob und mit welchen Modifikationen die große Plattform von ProSieben ein Format erfolgreich tragen kann, dessen Kern in ganz anderen Kontexten lebendig wurde, wird sich im Laufe der Zeit entscheiden.

Ob Joko und Klaas als Hoffnungsträger der Unterhaltung ihre Räume nutzen können, ob sie sich die nötige Zeit für ihr Erwachsen-Werden nehmen können oder gar durch den schnellen Erfolg der letzten Jahre professioneller Deformation und dem Verlust von Bodenhaftung nachgeben, wird man ebenso abwarten müssen.
Wie jedes Format hat “Circus Halligalli“ seine Chance verdient. Und mit dieser Chance Kritiker, die sich selbst und den Machern des Produktes ein wenig mehr Zeit lassen. Manchmal wäre es mutiger, angenehmer und fairer, wenn nicht so schnell, so laut und so extrem geurteilt würde.

Die Liebe von Google ist nicht alles. Hohes Tempo und eigene Sichtbarkeit der Kritiker sind es auch nicht.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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