Viel Circus, wenig Halligalli

Eine "Manege des Wahnsinns" versprachen die Verantwortlichen im Vorfeld der neuen Joko und Klaas-Show. Auch mit sonstigen, großspurigen Ankündigungen hielt man sich nicht zurück. Gemessen daran, war die erste Ausgabe von "Circus Halligalli" eher die Aufführung des Schulzirkus als der Stopp von Zirkus Sarrasani. Oder anders ausgedrückt: Das Nischenprodukt neoParadise aufgepushed auf ProSieben-Mainstream-Format. Ob der Sendung das gut tut, ist allerdings mehr als fraglich.

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Selbstironie schien am Montag das Mittel der Wahl zu sein, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mit einem Einspieler vor dem eigentlichen Start spielte ProSieben auf das vermeintlich niedrige geistige Niveau des Programms an und direkt zu Showbeginn betonten die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, der Name "Circus Halligalli" sei doch ein Witz gewesen. 
Wenig später nahm man sich das nächste Mal selbst aufs Korn: Die Moderatoren sprachen die vollmundigen Versprechungen des Senders hinsichtlich der Online-Aktivitäten zur Show an, die auch MEEDIA bereits kritisch kommentierte. Es folgte der Auftritt der "gesamten Online-Redaktion": einer Person, die stolz erklärte, man habe nun "eine Website".
Das Konzept der Sendung hat sich zum Vorgänger neoParadise kaum verändert. Aus nicht wirklich erklärbaren Gründen – außer, dass es halt bei Joko und Klaas so ist – versteckt sich auch in der Zirkusmanege ein Musiker im Schrank. Nur ist es dieses Mal keine Nachwuchsband, sondern der erfolgreiche Rapper Cro, der mehrfach einige Sekunden zum Playback seiner Songs über die Bühne zappeln darf. Wenigstens live rappt stattdessen Sido. Der wird vorher mit einer pseudo-intelligenten Betrachtung seiner Musik eingeführt, die lediglich den Anspruch hat, sich über eben eine intelligente Auseinandersetzung mit Musik lustig zu machen. Das ist nichts neues und auch nicht sehr intelligent.
Es ist das durchgängige Witz-Niveau der Show, das denkbar niedrige Ansprüche stellt. Da gilt es als lustig, wenn Lebensmittel verschwendet werden, weil Joko auf die Frage "mehr Ketschup?" nicht "nein" sagen darf. Es gilt als lustig, wenn die beiden Moderatoren ihre "Show Praktikantin", Violetta quasi stellvertretend für alle älteren Menschen, die den Jüngeren gegen den Strich gehen, bepöbeln, und es gilt als lustig, wenn Olli Schulz die Film-High-Society zum Saufen animiert. Letzteres hätte gewinnbringend sein können, wenn er wirklich "hinter die Fassade" geblickt hätte, wie es kurzfristig im Streit mit einem Fotografen gelang, und nicht sehr selbstzentriert. Zudem war es der müde Abklatsch eines schon einmal gemachten Einspielerfilms.
Joko und Klaas machen es den Zuschauer leicht, über niveaulose Späße zu lachen, weil sie selbst über einfach alles lachen. Jede beliebige Aussage ihres Gastes Helge Schneider mündet im Gelächter der beiden, der "Überraschungsauftritt" des einmal über die Bühne fahrenden Fritz Wagner ("Thüringer Klöße") sorgt für Schnappatmung der beiden und über ihre eigenen Witze lachen beide ebenfalls ohne Ausnahme, mitunter auch als einzige. So etwa, als Klaas in Anspielung auf die eigene Werbekampagne meinte: "Das letzte Mal, dass Leute in so Zwanziger-, Dreißiger-Jahre-Klamotten Propaganda gemacht haben, brannte danach ganz Berlin."
Bei dem geistigen Niveau der Sendung mag des eine Befreiung für die Macher sein, nun auf ProSieben zu arbeiten und nicht mehr mit einem "Bildungsauftrag" des ZDF belastet zu werden. Dennoch wirkt es nicht so, als sei das Format wirklich das richtige für diesen Sendeplatz und diesen Sender. Bei MTV und bei ZDFneo konnten Joko und Klaas gegen den Strom schwimmen und anecken, weil man eine Nischen-Sendung gemacht hat. Nun ist man im Quoten-Mainstream und die Sendung wird künstlich aufgepusht, mit namenhaften Gästen in der ersten Sendung und großer Werbekampagne.
Inhaltlich gab es aber nichts neues. Die Sendung besteht aus Gast, Showcast und "Schrank-Band", es gibt Einspieler, in denen die beiden Entertainer irgendetwas mehr oder weniger verrücktes und peinliches in der Öffentlichkeit tun. Joko und Klaas spielen sich dabei gegenseitig Streiche, die sonstigen Menschen werden zu Statisten. Auch für den Sender ist das nichts neues: Mit Stefan Raab, Elton und Simon Gosejohann sowie einigen weiteren Street-Comedy-Formaten und nicht zuletzt anderen Joko und Klaas-Shows bedient man dieses Feld bereits reichlich.
Die Quote der ersten Sendung gibt den Machern recht. Aber dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob das alles nicht zu viel Zirkus ist, und das Halligalli, wie schon das Niveau auf der Strecke bleibt. Vermutlich wird die Quote bei den kommenden Ausgaben zurückgehen, mittelfristig dürfte der Show ihr Sendeplatz aber sicher sein, auch weil sie sehr genau die Zielgruppe erreicht: nur wenige Zuschauer gehörten nicht zur werberelevanten Zielgruppe. Außerdem könnte dem Sender mit Joko und Klaas gelingen, was bereits mit Stefan Raab gelang: Ausgehend von einer regelmäßigen Abendshow Event-Ableger für das Wochenende zu kreieren. Mit dem "Duell um die Welt" wurde hier schon vor dem Start von Circus Halligalli der Grundstein gelegt.

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