Anzeige

„Autorisierung als Instrument gegen Klartext“

"Die DNA ist dieselbe. Nachrichten, Hintergründe, Interviews, möglichst viel Exklusivität." Vor 25 Jahren lag die erste Sport Bild am Kiosk. Titelstory: „Lattek: Jetzt schreibe ich“. Größter Unterschied von damals zu heute: Die Sportler waren noch eher bereit, ihre Meinung zu sagen und an Debatten teilzunehmen. Im MEEDIA-Interview beklagt Chefredakteur Matthias Brügelmann die Zensur vieler Pressestellen: "Die Autorisierung wird mittlerweile als eine Erlaubnis zum Umschreiben oder Weglassen verstanden.“

Anzeige
Anzeige

25 Jahre Sport Bild: Darf man eigentlich gratulieren?
Wenn, dann vor allem den Leuten, die damals den Mut hatten, das Heft auf den Markt zubringen. Jede Neugründung verdient Respekt. Den Gründervätern darf man auf jeden Fall gratulieren.
Im Vergleich damals zu heute. Wo liegen die Unterschiede?
Die DNA ist dieselbe. Nachrichten, Hintergründe, Interviews, möglichst viel Exklusivität. Die Hefte waren damals noch viel stärker durchmischt, was Fußball und den bunten Sport betrifft. Der Umfang ist mit 84 Seiten identisch. Die Seiten waren teilweise textlastiger, Online-Verweise gab es nicht. Die erste Ausgabe hatte Ratgeber-Seiten, die zwischenzeitlich verschwanden, aber vor zwei Jahren wieder eingeführt wurden. Fußball-Historie ist seit je her ein wichtiger Bestandteil. Und zum Preis: Aus 1 Mark wurden in 25 Jahren 1,70 Euro.
Wie haben sich die Texte verändert?
Wir machen heute so viele lange Texte wie noch nie. Bestes Beispiel sind die Interviews mit Hoeneß und van Gaal, die wir über sechs Seiten gezogen haben.
Warum gibt es heute weniger Nicht-Fußball-Storys?
Weil es damals noch mehr bundesweite Helden wie Steffi Graf, Michael Schumacher und Boris Becker gab, die keine Kicker waren. 
Fällt nicht einmal Sebastian Vettel in diese Kategorie?
Fraglos ist er ein Star. Aber er berührt die Menschen leider noch nicht so, wie es Boris, Steffi oder Schumi getan haben. Man respektiert ihn sehr, aber mit Red Bull fährt er auch in einem Rennstall, der noch immer mit seinem „Hoffenheim-Werksklub-Image“ zu kämpfen hat. Hoffentlich wechselt er mal zu Mercedes oder Ferrari.
Bleibt also nur noch Fußball als Titelthema?
Im Grunde ja. Fußball wird aber auch gesellschaftlich immer wichtiger. Das zeigen beispielsweise auch die Einschaltquoten. Früher lagen „Wetten, dass..?“ und wichtige Fußballspiele auf Augenhöhe. Mittlerweile kommt „Wetten, dass..?“ auf eine einstellige Millionen-Quote. Über die zehn Millionen kommen noch die Klitschkos, mal der Grand Prix d’Eurovision und wichtige Fußballspiele. Auf Seite eins machen wir heute so wenig Nicht-Fußball wie nie.
Was war die erste Titelgeschichte?
„Lattek: Jetzt schreibe ich“. Das war damals eine Sensation. Er war Sportdirektor beim 1. FC Köln und hat den Job aufgegeben, um Kolumnist bei Sport Bild zu werden. Motto: Statt des blauen Pullis nimmt Lattek dann den blauen Kuli. Das war damals der ganz große Punch. Dem musste man für seinen Wechsel noch richtig viel Geld bezahlen.
Haben die Kosten sich denn gelohnt?
Aber wie! Diese Aktion hat alle gleich richtig wachgerüttelt.
Bis auf diesen spektakulären Wechsel eines Top-Funktionärs vom Fußballplatz in die Redaktion scheint sich in den vergangenen 25 Jahren jedoch relativ wenig geändert zuhaben? 
Die Medienlandschaft war damals eine andere. Vor 25 Jahren war es eher möglich, eine exklusive Nachrichten wie „Spieler XY wechselt zu XY“ ein paar Tage geheim zu halten. Wegen der Beraterszene, der vielen Mitwisser, der sozialen Netzwerke und Online-Medien geht das heute kaum noch. Das ist oftmals eine Frage von Minuten-Exklusivität. Deshalb müssen auch wir uns – im Vergleich zu früher – noch stärker auf Hintergrundstücke und Interviews konzentrieren. Auch diese können für eine Alleinstellung sorgen.
Wird es denn in 25 Jahren die Sport Bild noch als gedrucktes Heft geben?
Das ist eine heiße Frage: Sie haben den Zusatz ja schon gleich gemacht: Als gedrucktes Heft. Das weiß ich nicht. Darauf kommt es aber auch nicht unbedingt an sondern darauf, dass es die Marke Sport Bild noch gibt. Und das steht für mich außer Frage.
Klare Kante bitte.
Also dann lege ich mich fest: Was Gedrucktes wird es von Sport Bild sicherlich noch geben. Ich denke, dass meine Generation Print punktuell noch die Treue hält. Andererseits wissen wir nicht, ob dann Texte zum Beispiel längst in eine Brille integriert sind und das Lesen revolutioniert wird. Ich bin auf jeden Fall schon einmal beruhigt, dass es uns gelungen ist, Sport Bild auch auf fast allen Medien-Kanälen stattfinden zu lassen.
Wie läuft denn die iPad-Ausgabe Sport Bild Plus?
Gut. Seit dem Ende der Winterpause haben wir das Angebot noch um Spielanalysen erweitert. Die vier Ausgaben seither waren unsere absoluten Top-Seller. Bislang sind wir mit allen Zahlen voll im Plan. Ab der nächsten Bundesliga-Saison werden wir schauen, inwieweit wir noch mehr Bewegtbild einbauen können.
Was ändert sich denn noch vor der Sommerpause an der App?
Zum 24. Februar wird es noch einen optischen Relaunch geben.
Lohnt sich die App denn?
In der Szene wird sie sehr wohl wahrgenommen. Und die Rückmeldung der Nutzer ist sehr positiv. Zudem ermöglicht uns die App, dass wir auch am Montag eine Agenturwahrnehmung herstellen können. Das hat uns durch den Heft-Erscheinungstermin am Mittwoch immer gefehlt.
Hat Social-Media den Sportjournalismus nicht erheblich verändert? Stichwort Guardiola und Sky Italia.
Die Beschleunigung, die Dynamik und die daraus folgende Thermik gelten für alle Ressorts.
Ist Twitter, Facebook & Co. ein guter Themenpool für Sport Bild?
Eher ein Meinungspool.
Welchen Fußballern lohnt es sich überhaupt zu folgen?
Ich mag vor allem die, die auch in Sachen Fotos aktiv sind. Özil beispielsweise. Jochen Coenen aus der Chefredaktion treibt es da immer die Tränen in die Augen: „Was hätten wir früher für Fotos aus der Kabine bezahlt. Jetzt schicken die uns das frei Haus. Sogar mit nacktem Oberkörper.“
Richtig gut ist Social-Media immer dann, wenn es echt und direkt ist. Und das ist immer noch häufiger bei Journalisten oder Fans der Fall, die sehr klar sagen, was sie denken. Man merkt doch ziemlich schnell, wenn eine Agentur im Namen eines Spielers ein paar Phrasen postet.
Sorgt Social-Media dafür, dass Journalisten immer getriebener werden?
In bestimmten Bereichen schon. Für Online-Journalisten ist Twitter ein extremer Treiber. Das gilt für uns nicht. Wir können bei den ganz heißen News erst einmal durchatmen. Wir haben die Zeit und die Pflicht jedes Thema nach weiterführenden Ansätzen abzuklopfen, um uns abzuheben.
Ganz grundsätzlich. Können Sie sagen, wie sich der Sportjournalismus verändert hat? Ist er besser geworden?
Früher waren die Journalisten und die Sportler sich viel näher. Man lag teilweisezusammen am selben Hotelpool. Nähe hat Vor- und Nachteile. Man erfährt mehr, ist aber auch nicht so frei bei dem, was man schreibt. Stark verändert wurde der Sportjournalismus durch das Thema Autorisierung. Dazu würde ich gerne etwas sagen.
Bitte.
Autorisierung ist grundsätzlich erst einmal ein guter Gedanke. Beide Seiten können überprüfen, ob man ein Gespräch richtig zusammengefasst hat. Es vermeidet, dass ein Spieler sich am nächsten Tag hinstellen und sagt: „Das habe ich so nie gesagt.“ Die Autorisierung wird allerdings mittlerweile oftmals als eine Erlaubnis zum Umschreiben oder Weglassen verstanden.
Von wem geht diese Form von Zensur aus? Den Sportlern, ihren Beratern oder den Pressestellen?
Letztere sind gerade in Sachen „Umschreiben“ am aktivsten. Während des Gesprächs wäre es für die Sportler wirklich einfach zu sagen: „Ich will mich zu dieser Frage nicht äußern.“ Stattdessen wird lange drüber gesprochen und die Antwort dann während der Autorisierung rausgestrichen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Wie soll es denn noch ein brisantes Interview geben, wenn der Arbeitgeber es hinterher freigibt und alles tilgt, was nach Überschrift klingt? Ist das wirklich im Sinn der Vereine und Spieler? Eine eigene Meinung zu äußern hat noch keinem geschadet. Wir diskutieren immer wieder, ob wir noch Spieler haben, die auf dem Platz Kante zeigen. Ich glaube: ein Polarisieren in der Öffentlichkeit kann viel zur Persönlichkeitsbildung beitragen.
Mit welchen Sportlern und Sportfunktionären gibt es denn überhaupt noch interessante Interviews?
Interessante Interviews gibt es im Fußball nach wie vor viele. Aber meinungsstark und substanziell? Jürgen Klopp oder Uli Hoeneß drücken sich zum Beispiel frisch aus und stehen zu ihrer Meinung. Die richtigen Klartext-Leute sind heute vor allen Dingen Verantwortliche, die keine Geldstrafe oder andere Sanktionen fürchten müssen. Und natürlich Ex-Sportler, die als Experten sagen, was Sache ist.
Dabei ist ein unautorisierte Interview ist doch das Beste, was ein Sportler machen kann. Lahm hat einmal in der SZ so richtig auf den Putz gehauen und schon galt er als Persönlichkeit.
Unautorisiert stimmt nicht, „am Verein vorbei“ trifft es besser. Und Ihre Beobachtung ist richtig.
Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Wir sagen immer häufiger: Dann drucken wir nicht.
Ist der Job des Sportjournalisten schwieriger geworden?
Ganz im Gegenteil. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass das Ansehen der Sport-Journalisten gestiegen ist.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*