Amazon ist überall: Kapitalismus von unten

Der Fall Amazon bewegt nach wie vor Gemüter und Medien. Die ARD-Dokumentation “Ausgeliefert” hat ein gewaltiges Echo und eine Diskussion rund um die Arbeitsbedingungen von Saisonkräften beim E-Commerce-Riesen Amazon ausgelöst. Mittlerweile haben sich aber auch einzelne Amazon-Mitarbeiter gemeldet, die die Doku als zu reißerisch kritisierten. Die Wahrheit ist wohl, dass Amazon kein skandalöser Einzelfall ist, sondern eher Normalität. Amazon ist überall.

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Die FAZ hat einen interessanten Text zum Fall Amazon veröffentlicht: “Das Tagebuch einer Amazon-Packerin”. Im Text schildert eine namentlich nicht genannte Studentin ihre persönlichen Erfahrungen als Saisonkraft in Diensten von Amazon. Im Text kommt der E-Commerce-Gigant alles andere als rosig weg. Es wird berichtet von einer bedrückenden Arbeitsatmosphäre. Von “Leadern” genannten Aufsehern mit despotischen Zügen, von mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und miesem Essen. Man kann festhalten: die Lager-Arbeit bei Amazon – sie ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Allerdings kommt in dem Text auch heraus, dass für die Arbeit ein relativ ordentlicher Stundenlohn in Höhe von 9,90 Euro gezahlt wurde. Ausbeutung geht anders.

Es ist ein erstaunlicher Effekt, dass man nach dem Lesen dieses ganz und gar subjektiven Erfahrungsberichts das Gefühl hat, objektiver über die Arbeitsbedingungen bei Amazon informiert zu sein, als nach Ansicht der ARD-Doku “Ausgeliefert”. Der Grund liegt darin, dass diese ganzen investigativen ARD-Dokus unter einem gewissen Druck zur Skandalisierung zu stehen scheinen. Da wird anonymisiert, da werden Bilder verfremdet, da werden die Zitate so gewählt, dass sich eine stimmiges – möglichst finsteres – Gesamtbild ergibt.

Dabei kann – nach der Doku, den Erfahrungsberichten von einzelnen Leiharbeitern in anderen Medien und dem FAZ-Text – festgehalten werden: Zum echten Skandal scheint der Fall Amazon trotz Shitstorm nicht zu taugen. Trotzdem ist nicht alles gut bei Amazon. Der Fall legt vielmehr den Fokus auf ein Charakteristikum unseres Way of Life, das wir im Normalfall gerne ausblenden: Diese Annehmlichkeiten gibt es nicht gratis. Jemand muss dafür zahlen. Das billige Fleisch in der Lasagne oder am 1-Euro-Wurststand im Kaufland wird auf dem Rücken von zig Millionen geschundenen Tieren produziert. Die grellen Klamotten im Billig-Kleidermarkt werden von ausgebeuteten Menschen in der Dritten Welt zusammengenäht. Manchmal gehen die dafür drauf. Die chinesischen Arbeiter, die unsere iPhones bei Foxconn montieren (noch so ein über-skandalisiertes Sinnbild für unseren aus den Fugen Global-Alltag), die machen auch nicht jede halbe Stunde Kaffeepause und halten gemütlich ein Schwätzchen. Und – nein – als Saison-Zeitarbeiter zur Weihnachtszeit für Amazon Kisten zu packen ist ganz sicher kein Zuckerschlecken.

Wer schon einmal in seine Leben als Aushilfe in einer Fabrik mit Fließbandbetrieb im Akkord gearbeitet hat, wird das aus eigener Anschauung kennen: Druck von Vorarbeitern, laxe Sicherheitsbestimmungen, mieses Essen, stundenlange Schufterei. Alles unendlich besser, als das was das arme Schwein im Mastbetrieb zu erdulden hat oder die Näherin in Bangladesch. Trotzdem ist es nicht gut. Wir Bürger der reichen Industrieländer werden nicht von heute auf morgen alle zu Menschen- und Tierfreunden mutieren, unsere iPhones wegschmeißen, uns vegan ernähren und uns nur noch bei Hess Natur einkleiden.

Aber: Vielleicht könnten die Medien – auch und gerade diejenigen, die von der Öffentlichkeit bezahlt werden – künftig ein kleines bisschen weniger auf die schnelle Sensation aus sein. Vielleicht könnten Großkonzerne wie Amazon lernen, dass Schweige-Klauseln in Verträgen unwürdig und kontraproduktiv sind. Oder sie könnten den Länder-Chefs vielleicht etwas mehr Freiheit zugestehen. Dann müssten sie nicht wie ferngesteuerte Phrasen-Roboter vor die Presse treten, so wie Amazon-Deutschland-Statthalter Ralf Kleber bei der Bild, sondern vielleicht reden wie Menschen. Vielleicht könnten wir – die Leser, Zuschauer, Konsumenten – anfangen unser Verhalten nur ein kleines bisschen zu ändern statt immer nur zu reden und uns aufzuregen. Vielleicht ändert sich dann ja was. Irgendwann.

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