Pirat Lauer: “Twitter ist für mich gestorben”

Publishing Twitter kostet Zeit, Twitter kostet Nerven: Das sind nicht etwa die Einschätzungen von Digital-Kritikern, sondern die eines der bekanntesten Politiker der Piratenpartei. Christopher Lauer gibt in einem Gastbeitrag in der FAZ bekannt, dass er aus diesen Gründen den Microblogging-Dienst nicht weiter nutzen will. Ohnehin erreiche er über Zeitungen und das Fernsehen mehr Menschen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Piraten zu normalen Politikern werden oder nur eine PR-Aktion?

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"Soziale Medien sind ein Versprechen: dauerhafte Verfüg- und Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit, ein potentiell unendlich großes Publikum zu erreichen", schreibt Lauer in seinem FAZ-Beitrag. Das mit dem unendlich großen Publikum funktioniere bei ihm aber nicht so recht, berichtet der Berliner Abgeordnete. Er habe etwa 22.500 Follower. Verbreite er Links, würden diese lediglich von durchschnittlich 500 Personen angeklickt. Im Vergleich würde er bei großen Tageszeitungen deutlich mehr Leser erreichen und in einer TV-Talkshow sogar ein Millionenpublikum.
Stattdessen koste ihn Twitter viel Zeit und er werde ständig mit Anfeindungen konfrontiert. Zudem müsse er Dinge lesen, die er nicht lesen wolle und fragt: "Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?" Twitter sei zudem "der heilige Gral des Verlautbarungsjournalismus". Schlagzeilen wie "XY hat dieses und jenes getwittert" würden den Boulevard befüllen. 
Lauer fragt: "Und weiß ich, Stichwort Brüderle, ob nicht in drei Jahren irgendein Tweet rausgekramt wird, den ich 2010 möglicherweise im betrunkenen Zustand veröffentlicht habe? Kann ich sagen, wie prüde die Gesellschaft im Jahr 2020 sein wird und in welchem Lichte meine Tweets von 2012 dann betrachtet werden?"
Die Twitter-App habe Lauer daher nun von seinem Smartphone verbannt. Anfragen sollen an ihn künftig per E-Mail gesandt werden. Das würde nicht den Eindruck ständiger Erreichbarkeit erfüllen. Seinen Account löschen will der Piraten-Politiker jedoch nicht. Links zu seinen Blogbeiträgen wolle er als Einbandstraßen-Kommunikation weiter posten.
Interessant: Mit seiner Argumentation greift Lauer die typischen Argumente gegen Social Media auf: Sie sei zeitfressend, sorge für Stress und bestehe überwiegend aus Belanglosigkeiten. Und außerdem: Wenn der Anbieter – hier Twitter – den Stecker ziehe, bliebe nichts übrig. Entsprechend fallen Kritik und Spott im Netz aus. Mehrere Twitter-Nutzer fragen hämisch, ob Lauer bald die Partei wechsle. Andere bemängeln, Lauer sei beleidigt, weil ihm seine Recihweite nicht ausreiche im Vergleich zu den in seinem Beitrag erwähnten Barack Obama und Justin Bieber. 
Nicht ausgeschlossen ist auch, dass Lauer wieder zurückkehrt und er Medien wie Internetkritiker nur an der Nase herumführen will. Ob das so ist, wird sich wohl in Kürze zeigen. Mindestens bis dahin müssen die deutsche Politik und der Politikjournalismus auf vielsagende Tweets, in denen lediglich "Pferd" steht, wie Lauer sie häufig versendete, verzichten. 

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