Eurovision: Endlich wieder Fremdschämen

Fernsehen Das nächste deutsche Copycat: Beim gestrigen Vorentscheid zum Eurovison Song Contest gewannen Cascada mit ihrem Song "Glorious". Damit tritt Deutschland in Schweden mit einer vorhersehbaren Kopie des Vorjahres-Siegertitels an. Aber was wären die Alternativen gewesen? Auf Black Eyed Peas machende Söhne Mannheims, Priester oder bayerische Blasmusik-Punks? Wer sich jetzt über Abstimmungsverfahren und Songqualität aufregt, vergisst: Das war Song Contest in Reinform – mit Qualität hat das nichts zu tun.

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Angesichts der bei jedem Eurovision Song Contest aufploppenden Vorwürfe, dieser oder jener Song sei geklaut, ist es nur konsequent, dass am gestrigen Abend auf Twitter erste Nutzer ein "Cascada-Plag-Wiki" forderten. Fündig würde man sicher, denn die Ähnlichkeiten von "Glorious" und Schwedens Siegertitel aus dem Vorjahr, "Euphoria", sind kaum zu überhören. Und so wird Deutschland am 18. Mai vor dem TV sitzen, hoffen, dass die Kopie im Rest Europas nicht auffällt – immerhin ist unsere Sängerin blond und nicht dunkelhaarig – und sich heimlich für den eigenen Vertreter schämen. Ein längst vergessenes Gefühl, man könnte sagen: Der Eurovision Song Contest ist wieder da.
Der Siegertitel: Cascada mit "Glorious"
Dazu passt auch die Sendung zum Vorentscheid. Seitens der Verantwortlichen entschied man sich nach drei Jahren Kooperation mit Stefan Raab dazu, zum alten Modus zurückzukehren. Statt einer Reihe Shows mit Casting gab es eine einzige Abendsendung in der zwölf Interpreten, von Chart-erprobt wie Cascada über eher unbekannt wie Betty Dittrich bis hin zu völlig skurril wie Die Priester & Mojca Erdmann um die Gunst der Zuschauer buhlten. Für das Erste zahlte sich dieser Schritt aus: Etwa eine Million Zuschauer mehr als im Vorjahr schalteten ein.
Vielleicht wäre die Quote noch besser gewesen, hätte die Show nicht so viel Anlauf gebraucht. Bis die ersten Kandidaten auf der Bühne sangen gab es schon die Eurovision Rundum-Beschallung durch Lena und Loreen. In der Pause nach den zwölf Kandidaten gab es die Damen dann noch einmal. Am meisten interessierte die Zuschauer ohnehin die Entscheidung an sich. Während zu Beginn noch weniger als drei Millionen am TV dabei waren, sprang die Zuschauerzahl am Ende der Sendung zwischen 22:15 Uhr und 22:35 Uhr über die vier Millionen-Marke. 
Zu dieser Zeit wurde das Ergebnis der Abstimmung verkündet. Hierfür hatten sich die Macher ein neues Verfahren ausgedacht. Zunächst wurden die Ergebnisse des Online-Votings bei den einzelnen ARD-Radiowellen bekannt gegeben. Dass hierbei das kleine Radio Bremen genauso viele Stimmen hatte wie die deutlich mehr Hörer abdeckenden Anstalten NDR oder WDR – geschenkt. Es ist die Art von Eurovision-Demokratie, über die man sich auch im Finale aufregen wird (Stichwort: Andorra).
Das Radio-Online-Voting entschied die Gruppe LaBrassBanda souverän für sich. Offenbar konnten die verrückten bayerischen Blasmusiker ihre Fans online am besten mobilisieren. Doch während sie noch wie der sichere Sieger aussahen, änderte sich die Stimmung kurz darauf. Für den Sieg bei den Radio-Abstimmungen gab es nämlich nur 12 Punkte (der zweite erhielt 10 Punkte, usw.). Als nächstes folgte das Jury-Voting und da bekamen LaBrassBanda nur einen Punkt. Cascada schellte fast uneinholbar in der Wertung an Platz eins.
Fehlte nur noch das Telefon-Voting, das noch einmal ein Drittel der Stimmen einbrachte. Wären die späteren Sieger zu diesem Zeitpunkt nicht bereits so weit in Führung gewesen, es wäre eines der spannendsten Abstimmungsverfahren seit langem gewesen. Vielleicht nicht fair, aber spannend. So bleibt der Ärger, ob die Jury nicht zu viel Macht hatte und wie stark sie das Votum beeinflusste. Allerdings: Cascada gewannen auch die Telefon-Abstimmung und beim Finale wird die Jury sogar die Hälfte der Abstimmung ausmachen.
Ärger und Spott über mäßige Songs, merkwürdige Interpreten und schwer nachzuvollziehende Abstimmungsergebnisse: das ist Eurovision. Das alles wird uns beim Finale wieder begegnen und es wäre falsch zu denken, dass nur deutsche Zuschauer sich verwundert die Augen reiben werden und sich fragen: Was ist das? Der Song Contest vereinigt Europa im schlechten Geschmack. Das ist für Leute, die dem Genre nichts abgewinnen können, vermutlich genauso schwer zu ertragen wie Karneval für nicht-Rheinländer oder das Dschungelcamp für Operetten-Freunde. Handwerklich ist es aber gut gemacht. 
Und so passten beim Vorentscheid auch die in der Qualität und in der Botschaft stark schwankenden Einspieler vor jedem Auftritt ins Bild. Auch sie haben lange Tradition beim Song Contest. Noch nicht so lang ist die Tradition Anke Engelkes bei ESC. Man darf aber hoffen, sie wird noch länger: Sie moderierte den Vorentscheid in ihrer gewohnt unkonventionellen, frischen Art und Weise. 
Was bleibt also vom gestrigen Abend? Eine kurzweilige Unterhaltungs-Sendung, die genug Gesprächsstoff lieferte, um während der Ausstrahlung den Second Screen zu füllen und auch für den nächsten Tag noch genug Themen für die Zigarettenpause auf der Arbeit lässt. Und es bleibt ein Song, den wir in den kommenden Wochen noch zu genüge im Radio hören werden, entgegen aller Bemühungen als Ohrwurm im Kopf haben werden und von den wir mit Sicherheit sagen können, dass er Deutschland nicht ein erneut vor die Frage stellen wird: In welcher Stadt tragen wir als Titelverteidiger das Finale aus?

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