Problem-Peer: der Blog-lose Kandidat

Alles was schiefgehen kann, geht bei Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur bisher schief – vor allem im Internet. Der Umgang des SPD-Urgesteins mit dem Web ist schlicht eine Katastrophe. Vorerst letztes Kapitel in der unendlichen Steinbrück-Saga: Das von ihm gutgeheißene peerblog.de ist nach einem kurzem Gastspiel binnen nicht mal einer Woche wieder offline. Der schnelle Exit ist exemplarisch für Steinbrücks Scheitern in den sozialen Medien: Der 67-Jährige kann mit diesem Internet einfach nichts anfangen.

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Am Ende waren die Hacker schuld. „Fortwährende Cyber-Attacken auf den Server der Website peerblog.de haben seit dem 6. Februar 2013, 20 Uhr, zu dauerhaften Unterbrechungen geführt“, teilten die Betreiber des Peerblogs gestern mit. Wer das mit turmhohen Ambitionen gestartete Prestigeprojekt gestern aufsuchte, bekam auf einer weißen Seite nur folgende Notiz zu lesen:  „Aufgrund von Wartungsarbeiten ist der Peerblog derzeit nicht verfügbar. Wir bitten um Verständnis.“

Doch das Peerblog wird nicht zurückkommen. Es ist schon vorbei mit der zweifelhaften Herrlichkeit, bevor es so richtig angefangen hat. Dabei sollte es doch steil nach oben gehen – direkt ins Kanzleramt im September. Fünf „herausragende Unternehmerpersönlichkeiten in Deutschland“, die nach Spiegel-Informationen das Peerblog mit einer sechsstelligen Summe unterstützten, wünschten sich, "dass dieser Mann Deutschland eine Idee für eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft im gesellschaftlichen Ausgleich verpasst. Dass Peer Steinbrück Deutschland regiert. Sie wünschen sich einen Kanzler, der Deutschland in Europa und in der Welt stabilisiert. Sie setzen nur auf die Person Steinbrück." Und zwar als Langfrist-Investment:  "It´s a long run. Now we start!", war am Ende der vor Aufbruchstimmung nur so strotzenden Suada „Wir über uns“ zu lesen.

"Wir sehen uns gezwungen, die Website vom Netz zu nehmen"

Nach nicht mal einer Woche sind die hochfliegenden Träume der Förderer schon wieder ausgeträumt. Das Peerblog ging nach hinterhältigen „Virus- und Trojaner-Attacken der Hacker-Gruppe „T3AMM2DU5A“ in die Knie. Die Macher hissten sofort die weiße Fahne: „Wir sehen uns deshalb gezwungen, die Website vom Netz zu nehmen.“

Immer wieder dieses böse Internet. Doch woher kommt die schnelle Aufgabe des kämpferischen Blogs eigentlich? Liest man zwischen den Zeilen, gab es wohl noch ganz andere Probleme als nur die fiesen Hacker, die einen bemerkenswert schnellen Sieg feiern  konnten. Auslöser für das schnelle Ende könnte aber auch das Abgeordnetengesetz sein. Wie die WAZ berichtet, hätten die Betreiber die Geldgeber offenlegen müssen.

Vielleicht kann Steinbrück Kanzler – Internet kann er nicht

Der Problem des hastig losgetretenen Peerblogs, das dringend eine Duftmarke im WWW hinterlassen wollte – ganz gleich, ob von oder eben über Steinbrück – ist indes ein anderes: Es liegt am Problempeer selbst.  Vielleicht kann Steinbrück Kanzler, wie sein Mentor Schmidt das Schaulaufen für die Kandidatur 2011 noch medienwirksam einläutete – aber eines kann Steinbrück gewiss nicht: Internet.

Er mag es nicht, er will es nicht, es ist ihm suspekt wie ungezügelte Kapitalmärkte: Auf dieses wirre Netz da draußen wollte sich der Hamburger nie wirklich einlassen. Tatsächlich steht Steinbrück seit Jahren mit dem Internet auf Kriegsfuss. Und er hat keine Gelegenheit ausgelassen, seine Verachtung preiszugeben:

Twitter – ne! „Ich werde nicht twittern“, hatte Steinbrück noch im Oktober 2012 erklärt.
Facebook – pa, sollen die anderen machen! „Die Seite wird durch das Team von Peer Steinbrück bearbeitet", ist im Social Network nach langer Flaute zu lesen.
Bloggen? Gedöns! Gerade mal eine Homepage gibt es, die zur Kandidatenkür kräftig aufgemöbelt wurde. Zu lesen ist dort immerhin programmatisch, „warum ich Kanzler werden will“. Das war es aber auch.

In eine Welt getreten, in der er nicht authentisch sein kann

Am Ende wollten Steinbrücks Spin-Doktoren dem SPD-Kanzlerkandidaten wohl mal eben so Obamas viel gepriesenen Social Media-Stil verordnen. In Deutschland indes, ein gigantisches Eigentor! Andere über sich Jubelarien schreiben zu lassen, endet selten gut, Abgeordnetengesetz hin oder her – das Peerblog ohne Steinbrück als Wortführer war eine Totgeburt.

Das größte Problem dabei: Der SPD-Kanzlerkandidat hatte allen Bemühungen von vornherein komplett die Grundlage entzogen. Ehrlich und geradeaus, wie es seine hanseatische Art ist, hatte sich Steinbrück im "UdL Digital Talk" im vergangenen Herbst zu möglichen Social Media-Aktivitäten im Wahlkampf geäußert.

Es mache keinen Sinn, in eine Welt zu treten, in der er nicht authentisch sein könne, hatte Steinbrück vor gerade mal vier Monaten auf dem Podium erklärt: „Weil die meisten Leute sagen würden, das tut er jetzt nur, weil da ein magisches Datum im September nächsten Jahres ist."

Keine Lust auf das Social Web: Eine Absage in Ehren wäre besser gewesen

Und so kam es dann auch. Steinbrücks Rolle rückwärts bei Twitter war eine jener opportunistischen Verrenkungen, für die der gemeine Bürger die Politik so verachtet: Alles tun, nur um gewählt zu werden. So inhaltsleer präsentierte sich dann auch der weichgespülte Twitter-Account des Kandidaten, der zum Löwenanteil von seinem Wahlkampf-Team befüllt wurde. Das gilt sogar zu hundert Prozent für Steinbrücks Facebook-Seite. Beim Unternehmer-finanzierten, aber vom Steinbrück persönlich abgenickten Peerblog machte sich der Kandidat nicht mal die Mühe, seine Unlust in Social Media zu kaschieren.

Wie es Thomas Knüwer treffend formulierte: „Das Peerblog ist genauso wie die Netzpolitik der SPD: Allein die Tatsache, dass man da ist, in diesem Netz, soll dem Bürger bereits walfischgroße Ehrfurcht einflößen, ihn auf die Knie zwingen und ihn zu einer Anbetung der großen Sozialdemokraten bringen, die sich nun die wichtigste aller Technologien erschließen. (…) Das Dasein als Beweis der Kompetenz – selbst wenn das Handeln zeugt von tiefer Inkompetenz.“

Wenn man so offen wie Steinbrück Desinteresse am Social Web bekundet, wie es der 67-Jährige immer wieder getan hat, dann sollte man es am besten lassen. Niemand zwingt den Kanzlerkandidaten schließlich am Ende, in den sozialen Medien auf Stimmenfang zu gehen, er fühlt sich hier offenkundig nicht wohl. Eine Absage in Ehren wäre besser gewesen als ein komplett gescheiterter Kompromiss ohne Authentizität – mit klaren Ansagen hatte der streitbare Hanseat bekanntermaßen nie Probleme. Die Scherben kann Steinbrücks Wahlkampfteam nun feinsäuberlich aufsammeln: für alle sichtbar, im Social Web.  

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