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Mein dummer smarter Fernseher

Haben Sie auch so einen “Smart TV” bei sich zu Hause im Wohnzimmer stehen? Von Samsung, LG, Sony, Panasonic oder sonst wem? Diese Dinger sind ja “die Zukunft”, wie man allüberall lesen kann. Man kann “auf Knopfdruck” Filme gucken, im Internet surfen. All solche Sachen. Diese Fernseher sind so wahnsinnig smart, dass sie auch an ihre Benutzer gewisse Mindestanforderungen stellen, die diese nicht immer erfüllen. Protokoll einer gescheiterten Mensch-TV-Beziehung.

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Maxdome, YouTube, Bild und Tagesschau – alles ist drin, in meinem schönen, großen, flachen Fernseher. Das Gerät weist bei jedem Einschalten großspurig darauf hin, dass ein “Smart TV” sei. Auch auf der Fernbedienung findet sich ein spezieller Knopf mit der Aufschrift “Smart”. Drücke ich da drauf, gelange ich in eine verwirrende Welt voller bunter Icons, billiger pseudo 3D-Effekte und endloser Warteschleifen (“Verbindungsaufbau”, “Netzwerkstörung”).

Mir werden Entertainment-Power-Pakete offeriert, von denen ich nicht zu träumen wagte. Das Musikfernsehen Putpat zum Beispiel. Endlich auf meinem Fernseher! Oder das hammergeile Snowboarder-Videomagazin mit dem head-over-heels Namen “Shralp!” Yes! Nicht zu vergessen QTom TV, Nuna TV oder – für die Dame des Hause – Yogamour. Mmmh. Endlich. Endlich. Endlich.

Die gute alte Tante “Tagesschau” ist auch ganz vorne mit dabei und zeigt dieselben “Tagesschau”-Clips wie im Internet und in ihrer App. Die privatmediale Konkurrenz von Bild lässt sich nicht lumpen und lädt ein, in extragroßer Schrift (Senioren aufgepasst!) die aktuellen Artikel aus Bild.de lesen. Und erst YouTube! Hei, ist das ein Riesenspaß, mit einer Fernbedienungstastatur Suchbegriffe in die YouTube-Smart-TV-Maske einzugeben. Wo war noch gleich die Umschalttaste für das kleine “ä”?

Ähnlich komfortabel wie die Bedienung der Du-Röhre auf dem Smart-TV funktioniert das Aussuchen von Filmen bei der On-Demand-Videothek Maxdome. Wenn man dann Pech hat und viele andere Menschen wollen sich diesen “Avengers” Rambazamba-Streifen auch gerade in HD angucken oder die Breitband-Verbindung hat Schluckauf, dann startet man den Film eben nochmal neu in Standard-Auflösung. Was soll’s! Das Gemaule der lieben Familie ignorieren sie souverän. Die haben halt keine Ahnung von den neuen Medien.

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Das Start-Menü des Smart-TV bietet übrigens gleich drei Punkte, die suggerieren, man könne mit den Fernseher verwalten: Sender, Programm-Manager und Senderliste. Nur warum passiert da nix, wenn ich drücke und tue? Schlimmer Verdacht: Ich bin zu doof für den Smart TV. Aber diese Sache mit der Senderliste nervt schon ein wenig. Der Smart TV haut die ganzen privaten HD-Programme beim Sendersuchlauf nach vorne. Da ich mich aber weigere, den Sendern fünf Euro pro Monat für “Bauer sucht Frau” in extrascharf zu zahlen und eine so genannte “Smartcard” für die Freischaltung ihrer HD-Programme zu erhalten, suche und finde ich RTL in Standard-Auflösung eben nun auf dem Programmplatz 652. Und wenn der Junior Super RTL guckt, steuert er souverän die 1024 auf der TV-Bedienung an. Das schult nebenbei auch die motorische Fingerfertigkeit. Nein, eine Möglichkeit, die Programme auf dem Smart TV vernünftig zu sortieren habe ich nicht gefunden. Stattdessen im Internet den Verweis, sich vom TV-Hersteller ein Programm herunter zu laden, mit man die Programme dann “ganz bequem” am PC sortieren kann. Rüber mit der Programm-Liste auf einen USB-Stick. Den Stick an den Smart TV angedockt, übertragen und alles sei in Butter. So die Theorie. In der Praxis steht das offizielle Programm-Manager-Programm derzeit nicht zur Verfügung, da es überarbeitet wird.

In den Untiefen eines Digital-TV-Forums bin ich dann auf eine Programm-Sortier-Alternative in Linux gestoßen. Da musste ich nur eine aberwitzige Linux-Befehlskette in die Kommandozeile (was es alles gibt) meines Laptops eintippen und irgendwie konnte ich dann auf mysteriöse Weise in einer Maske mit einem User-Interface von anno Schlagmichtot TV-Programme sortieren. Rüber mit der wertvollen Liste auf den USB Stick und rein damit in den Smart TV. Und siehe da: nichts. Der Smart TV weigert sich, die Programm-Liste der Schrauber-Software zu erkennen. Er ist nicht nur ein Angeber, er hat offenbar auch seinen Stolz.

Und ein bisschen zickig ist er auch. Man kann mit dem Apparat ja auch TV-Sendungen aufnehmen, wenn man eine vom Hersteller empfohlene, kompatible Festplatte hinten via USB-Anschluss dranhängt. Blöd nur, dass der Smart-TV nach einem bisher unbekannten Zeit-Muster sich urplötzlich weigert, die Festplatte zu erkennen. Abhilfe schafft dann nur eine Neu-Formatierung, inklusive Verlust aller aufgenommen Programme. Erklären Sie das mal dem Sohn, dem die vergangenen drei Folgen “Clone Wars” gerade perdu gegangen sind. Im Internet sagen sie, das sei “ein bekanntes Problem”. Danke.

Das ist sie also, die Zukunft des Fernsehens schon heute im Wohnzimmer. Neulich war ein Fernseh-Fuzzi da, um die Satelliten-Anlage zu richten. Der hat mir dann endlich mal die Programme sortiert. Man kann das offenbar nur über eine ominöse “Favoriten-Liste” erledigen. Natürlich nur bis zum nächsten Update der System-Software. Weiter gute Unterhaltung!

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