Udo Reiter: „Der MDR war ja keine Kloake“

Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter ist ein selbstironischer, kluger Mann. Der Zeit gab Reiter nun ein ausführliches Interview. Anlass: Seine Memoiren "Gestatten, dass ich sitzen bleibe". Reiter hatte als junger Mann einen Unfall und sitzt seither im Rollstuhl. Doch Reiter ist nicht nur ein Mann der klaren Worte über seine Behinderung – er musste als ehemaliger MDR-Intendant auch einige Skandale durchstehen, über die er sich weniger klar äußert. Eine "Kloake" sei der MDR jedenfalls nicht gewesen.

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Das Reiter-Interview ist Titelthema der Ost-Zeit. Überschrift: "Jetzt rede ich". Auf dem Bild schaut der TV-Intendant im Unruhestand über seine Brille hinweg. Selten habe einer "so unverkrampft über sein Leben im Rollstuhl geschrieben", finden die Zeit-Autoren Stefan Schirmer und Martin Machowecz. Reiter sagt: "Ich kenne etliche Rollstuhlfahrer, die es nicht gepackt haben. Die dann von Hartz IV leben. Ich kenne auch etliche, die sich umgebracht haben." Überkorrekte Sprachregelungen gegenüber Behinderten hält Reiter für falsch.

Statt nach seiner Verabschiedung beim MDR im Dezember 2011 in ein Loch zu fallen ("Dieses Loch suche ich nach wie vor"), hat Reiter seine Erinnerungen zu Papier gebracht. Das Ergebnis kommt am 18. Februar in die Buchläden. Verlegt hat das Buch der Aufbau Verlag, und als Empfehlung hat ihm der Schriftsteller Martin Walser auf den Buchrücken geschrieben: "So etwas Schönes, Starkes und mühelos Genaues habe ich selten gelesen."

Doch Reiter ist eben nicht nur der Mutmacher für Menschen im Rollstuhl und der Verfechter für Sterbehilfe ("Meine letzte Freiheit") – er ist auch zwanzig Jahre Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks gewesen. In diese Zeit fielen die Skandale um den Sportmoderator Wilfried Mohren, der gegen Bares Veranstaltungen ins Programm geschleust hatte. Das Verwirrspiel um den Unterhaltungschef Udo Foht, der verdeckte Zahlungen u.a. von Produktionsfirmen über seinen Schreibtisch wandern ließ. Vor allem aber fiel in seine Zeit ein Millionenbetrug beim Kinderkanal, für den der MDR verantwortlich ist.

Als Skandalsender sieht Reiter den MDR aber gerade nicht. Es fehle "jede Verhältnismäßigkeit", wenn der ARD-Sender so tituliert werde. "Der MDR war ja keine Kloake, in der man nun endlich für frische Luft sorgen musste." Dass mag Reiter so sehen, doch gleichzeitig streift er mit dem Interview wie bisher jeden Vorwurf ab, der an ihm als Intendanten hängen bleiben könnte, wenn es um Verantwortlichkeiten für die Verfehlungen seiner Mitarbeiter geht. Udo Foht habe er nie wieder gesehen, überhaupt habe er in 20 Jahren nur zweimal mit dem Mann gemeinsam gegessen. Der Sender habe ihm "offensichtlich zu viele Freiheiten gelassen". Dem MDR sei ja durch Foht kein Schaden entstanden, so Reiter. Und so richtig habe er dessen krumme Touren auch gar nicht verstanden. So leicht kann man es sich im Ruhestand offenbar machen. Immerhin: Der Betrugsfall beim KiKa habe ihn "geschmerzt und geärgert".

Das Wirken der neuen Intendantin Karola Wille, die unter Reiter bereits in der MDR-Geschäftsführung saß, kommentiert der Ex-Chef indirekt: "Ich schaue natürlich schon: Hat sich etwas verändert? In den Zeitungen wird ja mitunter behauptet, der MDR sei jetzt ein völlig anderes Programm, beinahe eine Art Jugendfunk. Aber wenn ich ihn einschalte, kommt mir doch sehr vieles vertraut vor." Im Nachhinein sagt Reiter, er hätte früher aufhören sollen als Intendant, das Leben im Rollstuhl habe viel Kraft gekostet. Hätte er auch Intendant des Bayerischen Rundfunks werden können? Klar, sagt Reiter. Das wäre ihm aber zu langweilig gewesen.

Langweilig wird´s vermutlich auch privat nicht. Seit einigen Monaten ist Reiter mit der Autorin Else Buschheuer verheiratet. Hat sie ihm bei der Autobiographie den Stift als Ghostwriterin geführt? Da wird aus dem Taktiker Reiter wieder der Mann mit dem offenen, selbstironischen Visier: "Nein, Zeile für Zeile stammt von mir. Neulich wurde ich sogar gefragt, ob ich sie geheiratet habe, weil ich einen Ghostwriter brauchte. Ich sagte: Nein, das hat einen anderen Grund – ich habe sie geheiratet, weil sie mal einen Kurs in Sterbebegleitung bei der Mutter Teresa gemacht hat."

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