Katholik Lohmann: Gottes verbohrter Sohn

Martin Lohmann ist ein Katholik mit starker Medien-Präsenz. Der Chefredakteur des erzkatholischen TV-Senders K-TV war am Sonntag bei “Günther Jauch” und am Dienstag bei “Markus Lanz” zu Gast. Es ging darum, dass katholische Krankenhäuser vergewaltigten Frauen die Pille danach verweigerten. Lohmann verteidigte dabei nicht zum ersten Mal fundamentale Ansichten. Schon bei ”Hart aber fair” irritierte er mit der These, dass Homosexualität ein “Irrtum” sei. Er ist der Prototyp des Salon-Fundamentalisten.

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Salon-Fundamentalisten wie Martin Lohmann pöbeln und schreien nicht. Sie schmeißen nicht mit Steinen. Sie halten keine Hass-Predigten. Salon-Fundamentalisten sind gut gekleidet und rhetorisch beschlagen. Sie halten viel von Familie und dem Papst. Sie betonen gerne, dass sie Alles und Jeden respektieren und tolerieren. Abtreibung und Homosexualität finden sie eher nicht so gut. Sie sitzen in Talkshows, den Salons des 21. Jahrhunderts.

Im Dezember vergangenen Jahres war Martin Lohmann in der ARD-Talkshow “Hart aber fair” zum Thema “Ehe für Homosexuelle” eingeladen und vertrat die These, Homosexualität sei ein “Irrtum”. Schwul oder lesbisch werde jener, der oder die in ihrer Entwicklung keine erfüllenden heterosexuellen Erfahrungen gemacht hätte. Sexualität, so äußerte Lohmann in jener Sendung, sei etwas ganz “Kostbares”. Das war so unverblümt rückwärtsgewandt, dass einem der Atem stockte.

Ein ähnliches Argumentationsmuster pflegte er nun auch wieder in der aktuellen Debatte um die "Pille danach". Selbstverständlich respektiere und toleriere er andere Meinungen, sagte Lohmann bei “Markus Lanz”. Nicht ohne hinzuzufügen, dass er auch “falsche Entscheidungen” respektiere. Die Etiketten “fundamental” oder “radikal” wollte er sich darum nicht ankleben lassen. Kein Wunder. Fundamentalisten oder Radikale würde sich niemals selbst als fundamental oder radikal bezeichnen. Es kommt auf die Aussagen an, die jemand trifft, auf die Haltung. Und die Haltung Lohmanns ist unverbogen reaktionär.

Vom Markus Lanz darauf angesprochen, ob er auch befürworte, dass Frauen, die in einem Krieg Opfer von Vergewaltigungen werden, diese Kinder austragen müssten, erklärte Lohmann, dies müsse von Fall zu Fall entschieden werden. Beim Studiopublikum erntete Lohmann für solche Aussagen lautstarken Widerspruch. Auch Markus Lanz zeigte sich hartnäckig anderer Meinung, verweigerte Lohmann sogar vor laufender Kamera das “Du” als Ansprache. Ähnlich lief es für Lohmann schon am Sonntag bei Günther Jauch. Dessen Frage, wie Lohmann es in der Frage der “Pille danach” bei Vergewaltigungen bei der eigenen Tochter halten würde, empfand der Katholik als “übergriffig”.

Lohmanns-Auftritte in der Jauch- und Lanz-Sendungen sorgten – wie auch schon bei “Hart aber fair” vom vergangenen Jahr – für ein großes Echo. Da gibt es offenbar Leute, die Lohmann in Mails für seine Ansichten übel beschimpfen. Nach “Hart aber fair” soll ihm sogar eine Attacke mit einer HIV-verseuchten Spritze angedroht worden sein. Und dann sind da die anderen, die ihm applaudieren. Für jene ist Lohmann, der verbohrte Sohn Gottes, einer der Aufrechten. Einer, der ausspricht, was die berühmte schweigende Mehrheit denkt. Einer, der sich gerade macht für seine Sache, für seinen Glauben. Für Martin Lohmann sind beide Lager nützlich: die Wirrköpfe, die ihn beschimpfen, und die Claqueure, die ihn bejubeln. Wüste Beschimpfungen nach polarisierenden Aussagen im Fernsehen sind per se nicht ungewöhnlich. Sie erlauben es Lohmann, sich als Kämpfer für das Wahre und Gute zu stilisieren. Das “man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen”, schwebt dann schnell im Raum.

Bei einem wie ihm ist vordergründig immer alles ganz tolerant und furchtbar respektvoll. Die Umgangsformen sind gepflegt. Die Sexualität ist “kostbar”. In der Sache aber ist er knallhart. Und seine Sache – eine rückwärtsgewandte Auslegung der katholischen Glaubenslehre – verteidigt er an vielen Fronten. Er schrieb schon jauchzende Kommentare über den Papst in der Bild-Zeitung. Er steht einem katholischen TV-Sender vor, der sich aus Spenden finanziert. Er ist Vorsitzender des Bundesverbands für Lebensrecht. Das ist eine übergeordnete Vereinigung von Vereinen und Verbänden, die sich gegen Abtreibung einsetzen und der Kritiker auch schon eine Nähe zu rechtsextremen Organen wie der Wochenzeitung Junge Freiheit nachgesagt haben. Lohmann gibt Kurse bei der sexualpädagogischen Initiative Teenstar (das steht für “Teenager suchen tragfähige Antworten in ihrer Reifezeit”). Und er ist Mitglied des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Diese Organisation, die sich in direkter Linie den ersten Kreuzrittern verpflichtet sieht, war 1994 schon einmal Gegenstand des überaus kritischen Films im WDR: “Das Geheimnis der Grabesritter. Hinter den Kulissen eines katholischen Ordens”. In dem Film war die Rede von einem “katholischen Stoßtrupp”, von einer “päpstlichen Elite-Einheit”. Die Elitetruppe des Papstes kämpft heute nicht mehr mit Schwertern, sondern mit Worten und Medien-Präsenz. Das Motto des Ritterordens lautet „Gott will es“. Mit diesem Motto wurde von der Kirche im 11. Jahrhundert auch zum Ersten Kreuzzug aufgerufen. Da bleibt dann nicht mehr viel Platz für Widerworte. Wenn man sich die Argumentationsmuster des Grabritters Martin Lohmann anschaut, ist dieses Motto – "Gott will es" – erschreckend aktuell.

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