Shitstorm nach Apple-Bashing in der ARD

Fernsehen Nach dem "Apple-Check" war vor "hart aber fair": Der iPhone-Konzern hatte es gestern für über zwei Stunden ins deutsche Primetime-TV geschafft. Der eigentliche Nutzwert war indes erwartungsgemäß gering: Verbreitet wurden gängige Klischees und altbekannte Plattitüden über das böse Internet, das nun über das Kultsmartphone den Weg ins Kinderzimmer findet. In den sozialen Medien folgt die erwartete Reaktion: Auf Twitter und Facebook wird die Talkrunde auseinandergenommen.

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Es gibt ihn, den Titelseiten-Indikator: So nennen Anleger das Phänomen, wenn ein an der Börse vorherrschendes Thema auch die Mainstream-Medien erreicht  – eben die erste Seite der Tagespresse. Nach dem Bildzeitungs-Indikator war gestern vor dem ARD-20.15-Uhr-Indikator: Apple hat Zuschauer des Ersten Deutschen Fernsehens einen ganzen Abend beschäftigt.

Und doch ging es vor allem um Uralt-Klischees. Schier unvermeidlich ließen die ARD-Redakteure im Marken-Check eine Design-Studentin zur Apple-Jüngerin werden und sie die iPhone-Verpackung mit einem "Altar" vergleichen.
 
Natürlich wurde Apple nach Strich und Faden kritisiert – die Produkte seien zu teuer, ein Akkuwechsel sei nicht möglich, überhaupt sei das in sich geschlossene System mit einer Diktatur vergleichbar, und das, wo doch die Einzelkomponenten so billig und die Produktionsbedingungen in den Foxconn-Werken so unerträglich seien. Apple kommt als Götzenbild des Neo-Kapitalismus um 20.15 Uhr in die deutschen Wohnzimmer – was hat man auch sonst erwartet.

Plakativer Plasberg-Talk: "Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?"

Dass das Niveau bei Frank Plasberg aber noch weiter abfällt, indes wohl nicht.  Obwohl man hätte gewarnt sein können: "Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?" lautete der reißerische Titel der ARD-Talkshow.

Zu sehen waren darin die vorhersehbaren Protagonisten: Eine Medienpädagogin, die erklärt, warum Handys Kinder abhängig machen, ein Pirat, der dagegenhält und meint, ein Smartphone-Verbot bis zum 15. Lebensjahr sei "nicht mehr zeitgemäß"  und, wie sollte es anders sein, ein Lehrerpräsident, der anmahnt, wer keine Bücher mehr liest, sondern nur in seinem Smartphone, verliere das Gefühl für die Sprache.

Was Apple damit zu tun hat? Der böse Kultkonzern aus Cupertino sei schließlich Überbringer der ersten Baby-Apps in der Rassel – "ab sechs Monaten", wie Frank Plasberg nach bedeutungsschwerer Pause erklärt. War Plasberg nicht eigentlich für Politik- statt Plattitüden-Talks bekannt?

Steilvorlage für die Generation Twitter: "Böses Internet!"

Darüber ereiferten sich erwartbarerweise viele Internet-Nutzer in den sozialen Medien.  „Ich würde eventuell mal überlegen, ob bei solchen Themen der Name "hart aber fair" angebracht ist, wie wäre es mit "bild-talk"?, echauffiert sich ein User auf Facebook. „Diese Diskussion ist keine, da sie sich immer nur im Kreis dreht“, fand ein anderer Nutzer im weltgrößten sozialen Netzwerk. „Die Runde war zu alt“, meinte wieder ein anderes Facebook-Mitglied.

Auf Twitter ging es dann noch pointierter und etwas härter zur Sache. „Ich hatte als Kind kein iPhone und viel interaktive Zeit, meinem Bruder Scheren in den Kopf und Fäuste in den Magen zu hauen“, lautete die 140-Zeichen-Nachricht zur Sendung mit den meisten Retweets. Nächste Kostprobe des trotzdem eher übersichtlichen Twitter-Shitstorms: „böses internet! und leserbriefe enthalten immer nur konstruktive, eloquent geäußerte kritik auf handgeschöpftem büttenpapier.“ Und: "Aha, telefonieren in der Buchhandlung ist blöd, aber im Handyshop lesen ist okay?" Keine Frage: Die Steilvorlage für die Generation Twitter war einfach zu groß, um sie auszulassen.

Verschlafenes Apple-Thema aus einer anderen Zeit

Der eigentliche Vorwurf, den sich die ARD gefallen lassen muss, liegt nicht im Gaga-Talk über Uralt-iPhone-Klischees, der aus der Konserve vor drei Jahren hätte gezeigt werden können – sondern in der ausgelassenen Chance. Wie kann man Apple im Februar 2013 zur besten Sendezeit in deutsche Wohnzimmer bringen, ohne das eigentliche Thema dieser Tage zu diskutieren: Die vermeintliche Zeitenwende nach den erdrutschartigen Verlusten an Börse, den stagnierenden Quartalszahlen und den immer lauteren Abgesängen auf die Kultmarke?

Nein, davon war in der ARD gestern nicht die Rede – man merkte sowohl dem Klischee-überladenenen "Apple-Check", als auch Frank Plasbergs anschließender Talkrunde "hart aber fair" an, dass die Konzeption dafür offenkundig noch aus  einer anderen Zeit stammte, als die Apple-Story mit dem weltweiten iPhone-Boom verknüpft wurde.

Am meisten wird die ARD-Macher allerdings die Kritik an der journalistischen Qualität ihres Programmschwerpunktes wurmen. So twittert Vennebermd: "Der Markencheck ist nur noch peinlich, vor allem aber unseriös". Erlanger kommentierte schlicht: "Abfallfernsehen. schämt euch." Einen fast schon charmanten Vorschlag machte Tom Hillenbrand. Er twitterte: Wie wär’s mal mit nem "Markencheck ARD"?“ Die Idee hat was.

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