Wie Wolf Schneider einmal provozieren wollte

Bei der Preisverleihung für die "Journalisten des Jahres" äußerte sich Wolf Schneider über die seiner Meinung nach "verquaste" Sexismus-Debatte. Ausgestorben wäre die Menschheit vor drei Millionen Jahren, so Schneider, "wenn der Zustand der Dauer-Erotisierung so schlimm wäre, wie die stern-Redakteurin ihn beklagte". Applaus gab´s dafür keinen. Die "Unterhaltungsjournalisten des Jahres", Charlotte Roche und Jan Böhmermann, gestanden derweil: "Wir haben massive Probleme".

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Wolf Schneider, so gefürchtet wie geachtet für seine Sprachkritiken, wurde vom Medium Magazin am Donnerstagabend in Berlin für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Mit einem "einzigen klaren schlichten Satz" wolle er "frische Luft in eine verquaste, verquere Debatte" blasen, lobte sich Schneider, bevor er dann den Satz folgen ließ. Der komplett lautete: "Wer noch weniger Sexismus an den Tag legte als Rainer Brüderle und wenn der Zustand der Dauer-Erotisierung so schlimm wäre, wie die stern-Redakteurin ihn beklagte, dann wäre die Menschheit ausgestorben vor drei Millionen Jahren." Abgesehen davon, dass ihm die Grammatik ein wenig im Weg stand und der Satz dann doch nicht so schlicht wie angekündigt geriet, ergänzte der Journalist ("Deutsch für Profis"): "Es handelt sich um eine ewige Wahrheit." (Jörg Wagner vom RBB hat Schneiders Rede mitgeschnitten.)

Dafür gab’s im Gegenzug den ein oder anderen Buhruf, darunter von taz-Chefin Ines Pohl. Schneider nahm’s gelassen. Geo-Chef Peter-Matthias Gaede hatte die Laudatio auf Schneider gehalten. Schneider sei "das Stachelschwein im Wattezoo der Weichmacher und Labberigen", sagte Gaede. So kann man es freilich auch sehen. Dass Sexismus immer noch ein Thema sei, hätten "manche im Saal" offenbar nicht realisiert, sagte Annette Bruhns vom Verein Pro Quote, der sich für eine Frauenquote in Medienunternehmen stark macht. Der Verein bekam einen Sonderpreis zugesprochen. "Es gärt beim Spiegel, es gärt auch beim stern", sagte Laudatorin Maria von Welser. Verlasse eine Frau einen Chefposten, könne man sich gar nicht schnell genug umdrehen, bis der Job wieder von einem Mann besetzt werde.

Ganz andere Probleme scheinen die TV-Moderatoren Charlotte Roche und Jan Böhmermann zu haben, die als beste Unterhaltungsjournalisten ausgezeichnet wurden. Ihre überaus gelobte Talk-Sendung "Roche + Böhmermann" auf ZDF.kultur wird nicht fortgesetzt. Der Sender hätte wohl gewollt, zu den Gründen für das Aus äußerten sich beide nicht. "Wir sind auch traurig, dass es die Sendung nicht mehr gibt", sagte Roche. "Wir haben massive Probleme." Und zu ihrem Ex-Co-Moderator: "Jan, versuch die Klappe zu halten." Wenn’s nicht gut geschauspielert war: So schnell werden die beiden wohl keine Sendung mehr zusammen machen.

Wer sonst was sagte:

"Auch mir gelingt es nicht immer, das zu verstehen, was ich nachher erzählen will." ("Journalist des Jahres" Rolf-Dieter Krause vom WDR, der die Gäste ermutigte, etwas gegen die "Krise der europäischen Werte" zu tun)

"Mein Volontärsvater sagte damals zu mir: Wenn du einen Kommentar schreibst, schau drauf, dass der andere nicht mehr aufsteht." ("Chefredakteur Regional des Jahres" Joachim Braun vom Nordbayerischen Kurier)

"Anständige Geschäftsführer gibt es leider zu wenige." (Joachim Braun)

"Die Branche ist in den letzten Jahren sauberer geworden." (Wolfgang Kaden in seiner Laudatio auf den "Wirtschaftsjournalisten des Jahres" Jörg Eigendorf von der Welt)

"Es ist nicht einfach aufs Feld zu gehen, ohne zu wissen, ob man zur Zielscheibe wird….Ich verspreche, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist." (Jörg Eigendorf über seine ThyssenKrupp-Recherchen, die u.a. vom Konzern bezahlte Luxusdienstreisen für Journalisten zutage förderten)

"Jakob Augstein hat es nicht verdient, in die Top-Ten-Liste des Simon Wiesenthal Centers zu kommen. Aber er hat den dritten Platz unter den Politikjournalisten verdient." (Laudator Bernd Gäbler über Preisträger Augstein, der im Urlaub weilt und nicht zur Verleihung kommen konnte)

"Man muss auch Gönnen können. Diese Eigenschaft ist den Journalisten ein wenig abhanden gekommen….Ich heule auf, wenn politische Formate Sportübertragungen weichen müssen oder versteckt werden oder bei Phoenix und 3sat Asyl finden." ("Politikjournalistin des Jahres" Sonia Seymour Mikich, die man sich nach ihrer Dankesrede auch als neue WDR-Intendantin vorstellen könnte. Zumindest klang ihre Rede wie eine Bewerbung)

"Die neue Welt ist schon da – wenn Sie nur hinschauen" ("Kulturjournalist des Jahres" Nils Minkmar von der FAZ zitierte Yoko Ono)

"Auf die Frage, was ihr Traumjob sei, sagen viele meiner Schüler: Ich möchte Reporter werden." (Laudator Jörg Sadrozinski, Deutsche Journalistenschule)

"Was ich mache – das Recherche zu nennen, wäre irreführend. Ich lese einfach viel. Das ist wahnsinnig billig, kostet aber viel Zeit. Ich bin sehr oft abwesend." ("Wissenschaftsjournalist des Jahres" Jürgen Kaube von der FAZ)

"Ich lache so gut wie nie bei der ‚heute-show‘. Weil ich nichts verpassen will….Sie haben den Tobsuchtsanfall als journalistisches Genre eingeführt." (Laudator Claudius Seidl über die "Redaktion des Jahres" der ZDF "heute-show". Gernot Hassknecht, der leicht erregbare Kommentator der Sendung, war zwar anwesend, blieb aber freundlich) 

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