TV-Galas: das Ende der Berührbarkeit

Samstag strahlte das ZDF mit der Verleihung der Goldenen Kamera einen weiteren unterirdischen Meilenstein des Zerfalls der TV-Preisverleihungs-Galas aus. Die mehrstündige, zähe Mammut-Routine setzte die lange Kette öder Selbstdarstellungsveranstaltungen fort: Sie gesellte sich zu Bambi-, Deutschen Comedy- und Deutschen Fernsehpreis - Verleihungen als Mitglied einer Liga altbackener Formate. Ihr scheinbares Ziel: die maximal mögliche Entfremdung von Zuschauern. Es wird Zeit für eine Revolution.

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Fernsehen als Medium und Kanal sieht seinen zentralen Lebensnerv, sieht Daseinsberechtigung und Aufgabe im erfolgreichen Transport von Informationen und Emotionen.
TV-Macher verkaufen uns Träume und Identifikation. Sie produzieren Loser und Helden. Sie irritieren uns, lassen uns nachdenklich werden, laden uns auf mit Spannung oder begeistern uns. Als Zuschauer fiebern, leiden, streiten und lachen wir. Wir entspannen, genießen, fühlen Momente kindlich-verrückter Freude. Wir hängen gebannt vor den Schirmen, wenn uns Katastrophen elektrisieren und wir dabei sein wollen, wenn es wieder gut wird. Wir raten mit bei Günther Jauch, wünschen Kandidaten den Sieg, oder wir verfolgen Filme, Serien und Sitcoms.
Wir ärgern uns, wenn die Falschen gewinnen, und wir träumen uns Woche für Woche hinein in immer neue Filmrollen: Wir träumen Tellerwäscher zu Millionären. Wir wünschen endlosen Pechvöglen, sie mögen um Himmelswillen dieses – nur dieses eine Mal – gewinnen, den Mörder finden oder diese phantastische, wunderschöne, erotische Frau erreichen können. Wir leiden mit Kindern, denen Grausamkeiten geschehen. Wir wünschen Politikern in Talk-Shows Aufrichtigkeit. Wir hassen stumpfe Sprechblasen, und wir schreien unsere Fangesänge in TV-Mattscheiben, obwohl uns niemand hören kann im Stadion. Wir schlagen Klitschkos linken Jab, und unser rechter Fuß ist seltsam müde nach jedem Vettel-Rennen.
All dies tun wir, weil wir uns identifizieren: weil, was und wen wir hören und sehen zu einem kleinen Teil von uns selbst werden darf. Manchmal nur für Minuten oder Stunden. Wir tun dies, weil jeder von uns – zumindest ein wenig  –  diese Million will, dieser schönen Frau begegnen oder diesen Mörder in den Knast bringen will. Wir identifizieren uns, weil, was wir sehen und hören, Beziehung zu uns herstellt: Tag für Tag, Abend für Abend sind wir für kurze Zeit zuhause in den Welten auf der anderen Seite des Schirms.
All dies gelingt uns, weil Menschen ein Zuhause auch in Träumen brauchen. Und es gelingt auch deshalb, weil Fernseh-Macher eine gute Arbeit machen:
Sie bauen mit Formaten jene Häfen und Bahnhöfe, an denen wir als Zuschauer andocken:  mit Kreativität und Spannung, mit Herzblut, Leidenschaft und Liebe. Mit  lebendiger Erfahrung und immer wieder großer Professionalität.  Mehr noch: Sie sorgen dafür, dass der Bahnhof zu uns als Passagier und der Hafen zu uns als Schiff kommt. Nicht umgekehrt. Wir müssen nur noch einschalten. All dies beschreibt das Fernsehen. Und mit ihm zwischen Kopf und Herz  ein Bündel ernster – manchmal großer –  Leistungen.
Preisverfall
Die besten Ihrer Zunft, die besten Bahnhofs- und Hafenbauer also, werden jährlich im Rahmen einer ganzen Reihe unterschiedlicher Preisverleihungen für ihre herausragende Arbeit ausgezeichnet. Und genau an dieser Stelle beginnt eine unglaubliche Paradoxie:
Kaum ein Stück Fernsehen ist so öde, so starr, so zäh, verlogen und verkrampft, wie die jährliche Serie öffentlicher Ehrungen der besten Traumverkäufer, Hafen-  und Bahnhofsbauer. In Formaten ohne Format grüßen verkrampfte Murmeltiere im Smoking: Denn lange schon feiert eine Branche die Leistungen ihrer Lichtgestalten mit Galas, die wirken wie Tunnel am Ende des Lichts.
Es gibt eine ganze Reihe von Fragen, die unterhalb der Ebene offizieller Begründungen und Verlautbarungen zunächst alleine im Kontext der Preisvergabe selbst gestellt werden können: Etwa exemplarisch für viele, warum gerade Celine Dion 2012 ihren 3. Bambi gewonnen hat. Und warum genau war gerade Salma Hayek Bambi-Preisträgerin 2012?  Die offiziellen Jury – Begründungen hat man natürlich gehört. Sie klingen wie müde Etiketten, die ebenso für viele andere Künstler zuträfen. Wer eigentlich setzt Jurys mit welchen Begründungen zusammen? Nach welchen Kriterien genau wird über die Preisvergabe entschieden? Vielen Jury-Urteilen aller TV-Preise fehlen Transparenz und präziser, nachvollziehbarer Fokus. All dies ist weit, weit weg für Zuschauer, und damit fehlt ein nicht unwesentlicher Pfeiler ihres Andock- Hafens. Vieles wirkt willkürlich beliebig, und: Beliebigkeit holt keine Quote. Die Baumeister von Identifikation haben hier keine Bindung geschaffen.
Die Gala
Man weiß es: Feierliche Smokings und Abendkleider sind selbstverständliche Elemente der Kleiderordnung feierlicher Anlässe. Soweit die eine Seite. Niemand käme wirklich auf die Idee, der Festgesellschaft lockere Kleidung anzuraten. Eine Banalität?
Die andere Seite des Fernsehschirmes jedoch sieht Zuschauergruppen vor TV-Screens, denen für sich selbst diese Bekleidung eher fremd ist. Nun ist eine TV-Preisverleihung keine englische Königshochzeit und Zuschauer-Fremdheit stets ein Bindungsrisiko: Nur wenige Zuschauer dürften samstags mit Bier und Chips in Bitterfelder Einraum-Wohnungen in Smoking und Abendgarderobe auf ihrer Couch die Goldene Kamera verfolgt haben. Ein scheinbar  unwesentlicher, kalkulierter Bruch.
Will man Zuschauer erreichen, gilt es stets, vorab tragfähige Antworten auf jede Form möglicher Brüche zu finden. Und  in der Tat ist Bekleidung hier nur deshalb erwähnt, weil dieser Bruch Teil einer ganzen Reihe von ernsten Brüchen ist. Dass Zuschauer die Feiern ihrer Helden nicht mehr sehen wollen, hätte lange schon die Veranstalter der TV -Preisverleihungen viel ernster sorgen müssen.
Obwohl im Gesamtgebinde der TV – Preise als Macher, Preisträger oder Laudator angeblich die absolute Branchenspitze am Werk ist, gelangen wesentliche Veränderungen nicht. Das System genügt lange schon sich selbst. Kein Zuschauer verzeiht, wenn er unwichtig wird. Die Liste paradoxer Brüche ist lang:
Bei aller Wertschätzung für ihre Lebensleistung und bei allem Verständnis dafür, dass Verleger, Stifter von Preisen und ihre Repräsentanten eine wesentliche Rolle in den Preisverleihungen spielen wollen und müssen: Dass annähernd jeder mehr oder weniger nachvollziehbar Preisbeworfene sich ausführlich wieder und wieder bei Friede Springer, Hubert Burda, Matthias Döpfner und Co bedankt, wirkt selbstverständlich höflich. Es wirkt jedoch auch unglaubwürdig und scheint manches Mal wie ein lebensferner, emotionslos gelernter Kniefall. Ein redundanter, aber leise spürbarer Bruch, der unter der Oberfläche gesprochener Dankesworte in seiner Wirkung mehr schadet als hilft. Fünf bis zehn gelernte Verleger-Danksagungen pro Abend schaden nur dann nicht, wenn sie mit aufrichtiger Lebendigkeit glaubwürdig transportiert werden. Dies, so scheint es, ist nicht die Regel sondern eher die Ausnahme.
Ein weiterer Bruch: Wer um Gotteswillen Laudatoren auswählt, wer auch immer ihnen abgehobene, humorlose Grabreden-Laudatios schreibt, bleibt ein weiteres Rätsel: Reden, manchmal  blutleer und ohne eben jene zentrale Kraft vermittelt, die nur in der Beziehung wohnen kann. Laudatoren, die ohnehin schon große Künstler zusätzlich aufblasen und sich selbst dabei unbemerkt ein wenig zu klein machen. Reden, denen anzumerken ist, wie fremd sie jenen sind, die sie zu halten haben.
Bis auf sehr wenige Ausnahmen ist dieser Standard-Programmpunkt aller Preis-Galas schlecht gelöst, und er wird darüber hinaus auch häufig künstlich präsentiert: Jahresbeste Traumverkäufer der Branche, die dafür geehrt werden, in besonderer Art und Weise emotionale Bindung zu Zuschauern hergestellt zu haben, hätten allemal  häufiger eine liebevollere, bindungsfähigere und ehrlichere Laudatio verdient. Gerade sie. Stattdessen kultiviert sich auch hier ein Bruch: Zuschauer sehen statt Gala-Augenblicken eine Gala emotionaler Gebrechlichkeit.
Brüche sind  wie Zutaten einer Pizza: Jeder für sich betrachtet, könnte vernachlässigt werden. Die Summe macht es. Sie entscheidet über die Qualität der Pizza, über Erfolg und Misserfolg der TV-Gala. Aktuell ist vieles ungenießbar.
Dass TV-Profis gelernt und routiniert lächeln, sobald sie spüren, dass Kameras über Gästeränge fahren und plötzlich auf sie gerichtet sind, trägt man als verbliebener Zuschauer gelassen: ein kleiner und bekannter Bruch. Wir sind beim Fernsehen, jeder weiß dies. Dass jene beiden Finalisten – als einer von dreien im Rennen um den Preis –  die leider nicht gewannen, sich für den Sieger sofort nach Verkündung ihrer Niederlage Löcher in ihre Bäuche und die auf sie gerichtete Kamera freuen, wirkt sicher kollegial. Auch dies ein leiser Bruch. Die Mimik der Enttäuschung wäre vielleicht für Schauspieler-Kollegen fatal, gehört doch die Kontrolle von Mimik und Gestik zu ihren zentralen Kompetenzen. Sich allerdings auf Knopfdruck für andere sichtbar zu freuen, hat eine andere Qualität: Nur wenige Zuschauer können dies wirklich glauben. Weil Menschen nicht so sind und spontane Altruismus-Reflexe als Standard befremdlich wirken. Richtige Menschen sind durchaus enttäuscht, wenn sie verlieren.
Dass selbst Moderatoren mit anerkannt großer Lebensleistung – wie Hape Kerkeling Samstag bei der Verleihung der Goldenen Kamera – innerhalb eines drittklassigen Korsetts wirken wie eine schlechte Karikatur ihrer eigenen Moderatoren-Parodien, kann zuschauerseitig kaum als Lustgewinn verbucht werden. Auch Kerkeling repräsentierte einen Dauer-Bruch des letzen Samstagabends: angestrengt locker und seltsam fremd mit sich und seiner Rolle. Als würde ein großer, routinierter Entertainer immer wieder in einen Sumpf distanzierter Künstlichkeit gezogen, den er selbst ein wenig mit kreiert hatte.
Eine insgesamt lausige Pizza: All dies und noch viel mehr bildet – so hart es klingen mag-  als Format aktuell eine Symbiose des TV – Elends. Die öffentlich-zähe Selbstbeweihräucherung einer Branche von Fernsehnasen ist bis auf wenige Ausnahmen kaum mehr als eine endlose Gala von Plastikgefühlen. Dies ist ein Grundsatzproblem aller aktuellen Preisverleihungsformate. Will man als Zuschauer dennoch dabei bleiben, muss man zäh sein. Und unsensibel. Stundenlang.

Was nun?
Der Einwand, Preis -Galas böten doch auch schöne Momente, stimmt. Sie allerdings wiegen die kritischen Aspekte nicht auf. Die Wahrheit ist: In der Ehrung ihrer Besten hat eine Branche von Berührungsprofis lange schon annähernd jede Berührbarkeit verloren. Und mit ihr auch Fähigkeit, innerhalb ihrer Jubel-Formate Zuschauer berühren zu können. Wer Fernsehen kennt,  liebt und schätzt, muss dies so offen schreiben.
Bleibt es, wie es ist, reißt ein zentraler Lebensnerv. TV-Macher – auch TV-Medienkritiker übrigens- sind anfällig dafür, sich selbst zu genügen und den Blick für Zuschauer zu verlieren. In beiden Gruppen von Medienprofis gibt es viele Beispiele dafür.
Vielleicht sollte man eine sehr heterogene Gruppe erfahrener und junger Autoren und Fachleute zwei Wochen lang einschließen, sollte sie nachdenken, reden, experimentieren lassen. Vielleicht sollte man jene neuen Wege zu gehen versuchen, die weder am gelebten Standard noch am exakten Gegenteil orientiert sind. Vielleicht sollten jene Aspekte des TV-Lebens – auch des der Preisträger – Raum erhalten, die als Täler und Krisen eben nicht nur Glanz und Leistung zeichnen. In jedem Fall muss lebendiger werden dürfen, was zunehmend selbstzufriedener, starrer und künstlicher zu werden droht.
Es gilt der alte Satz: Wer nicht vom Weg abkommt, wird auf der Strecke bleiben.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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