peerblog.de: Angriff der bezahlten Blogger

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zieht in den Online-Wahlkampf. Nach Facebook und Twitter wird nun über ein Blog kommuniziert – allerdings nicht von Steinbrück selber. Der Hamburger SPD-Politiker lässt lieber andere für sich jubeln. Unter peerblog.de zieht eine vierköpfige Redaktion unter der Leitung des früheren Focus-Redakteurs Karl-Heinz Steinkühler in den Wahlkampf. Das kostet: Spiegel Online spricht von einem sechsstelligen Etat für das Blog, der von nicht genannten Unternehmern bestritten wird.

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Die Online-Darstellung des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück verlief bisher recht holprig. Die Facebook-Seite lag lange brach, einer Twitter-Präsenz wurde öffentlichkeitswirksam die Absage erteilt, dann machte Steinbrück doch die Rolle rückwärts, ohne zu überzeugen.

Ein Blog? Bislang Fehlanzeige. Gestern ging nun peerblog.de online. Erster Beitrag, zeitlich um zwei Wochen zurückdatiert: grobes satirisches Kanzlerinnen-Bashing von einem ungenannten Autor zum offiziellen Video "Die Woche der Bundeskanzlerin". "Gut, dass die Kanzlerin herzhaft zubeißen kann", ist da gleich im ersten Satz zu lesen. Und weiter: "Die Kanzlerin genießt es, jedes Mal. Kapelle, stramme Marschmusik, Salutieren. Diesmal begann der Klamauk schon bei Minute 1.50." Immer feste drauf.

peerblog.de: "Hier ist ein Medium entstanden"

Erstaunlich indes: peerblog.de ist kein offizielles Wahlkampf-Blog der SPD. Sondern: "Wir haben Peer Steinbrück gefragt, ob wir für ihn bloggen dürfen. (…) Peer Steinbrück hat zugehört und analysiert. Er hat sein OK gegeben, dass wir seinen Namen für diesen Blog nutzen können. Abseits seiner Partei. Hier ist ein Medium entstanden."

Ein Medium? Tatsächlich wird peerblog.de geführt wie ein eigenständiges redaktionelles Angebot – und zwar Leitung des früheren Focus-Redakteurs Karl-Heinz Steinkühler, in dessen Gefolge gleich drei weitere Redakteure seiner Düsseldorfer Agentur steinkuehler-com.de über und für Peer Steinbrück bloggen, darunter die frühere Stellvertretende Chefredakteurin von Focus Schule, Claudia Jacobs.

Steinkühler ist kein Unbekannter: Der Spiegel bringt ihn mit dem Blog "Wir in NRW" in Verbindung, das 2010 durch Enthüllungen im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen "maßgeblichen Anteil daran hatte, dass (der damalige Ministerpräsident Jürgen) Rüttgers in Frührente geschickt und SPD und Grüne einen denkbaren knappen Wahlsieg einführen", so das Hamburger Nachrichtenmagazin in der heute erscheinenden Ausgabe.

"Peer Steinbrück will das so"

"Wir sind unabhängig", erklären die peerblog.de-Macher dennoch, "Peer Steinbrück will das so." Der Eindruck der Unabhängigkeit wirkt nach den ersten Jubel-Beiträgen für den SPD-Kanzlerkandidaten ("Nach dem Berliner Getöse macht sich Peer auf ins Land") indes wie Realsatire. 

Finanziert wird das Blog "von herausragenden Unternehmerpersönlichkeiten in Deutschland, die Peer Steinbrück, seine politische Kompetenz und seine Persönlichkeit schätzen", ist in der Rubrik "Über uns" zu lesen. Spiegel Online spricht unterdessen von einer "sechsstelligen Summe", getragen durch "fünf Unternehmer, die vorerst anonym bleiben wollen." In der Print-Ausgabe wird es leicht konkreter: Untet den fünf Unternehmern wären "der Gründer einer Münchener Internetfirma und ein Hamburger Kaufmann".

Ihre Ziele sind klar definiert: Die Unternehmer wünschen sich, "dass dieser Mann Deutschland eine Idee für eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft im gesellschaftlichen Ausgleich verpasst. Dass Peer Steinbrück Deutschland regiert. Sie wünschen sich einen Kanzler, der Deutschland in Europa und in der Welt stabilisiert. Sie setzen nur auf die Person Steinbrück."

"It´s a long run. Now we start!"

Das Blog selbst startet ebenfalls mit extrem ambitionierten Ansprüchen. Um nicht weniger als die Veränderung der politischen Kommunikation soll es gehen: "Die deutsche Politik hat (bisher) nicht begriffen, wie es geht. Zwar nutzen nahezu zwei Drittel aller Bundestagsabgeordneten eine Facebook-Seite, ein Viertel der Bundesminister twittert gar täglich, aber die politischen Gestalter unter der Berliner Reichstagskuppel vernachlässigen die direkte Online-Kommunikation mit den Bürgern."

Die peerblog.de-Macher wollen nun Abhilfe schaffen: "Wir versuchen was. Wir haben was entwickelt." Und zwar ganz nach amerikanischen Vorbild, wie die vor englischen Buzzwords triefende "Über-Uns"-Erklärung mit dem Titel "It’s a long run" deutlich macht – man will es der Obama-Kampagne nachmachen: "Wir haben uns Amerika angeschaut. 2008, 2012. Fasziniert, erstaunt, begeistert." Und weiter: "It´s a long run. Now we start!" Man fragt sich an dieser Stelle, ob sich Steinbrück um das Weiße Haus bewirbt.  

Markus Beckedahl: "Kleiner geht’s natürlich nicht"

Tatsächlich sorgt peerblog.de kurz nach dem Launch in der politischen Blogosphäre schnell für Kopfschütteln. "Lustig ist der ‚Über uns‘-Text. Barack Obama, Arabischer Frühling, Peer Steinbrück. Kleiner geht’s natürlich nicht", zieht Markus Beckedahl von Netzpolitik.org vom Leder.

Und weiter: "Wie muss man sich das mit dem entstandenen Medium vorstellen, was grundlegender und länger angelegt ist? Läuft die Finanzierung auch über den Wahlkampf hinaus? Also sowohl, wenn Steinbrück scheitert, als auch, wenn er Kanzler werden sollte? So quasi als privatfinanziertes Kanzler-Medium?" Es sieht ganz so aus, als müsse Steinbrück bald wieder einige Fragen zur Wahlkampf-Kommunikation beantworten…

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